zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnis1h) Sorgen


Sorgen


Lililja machte sich Sorgen um Rafyndor.
Als Skukius Lililja an diesem Abend erneut eine Absage von Rafyndor überbrachte, die zudem recht nebulös klang − „Rafyndor lässt sich für heute Abend entschuldigen. Er hätte noch Arbeiten im Wald zu verrichten.“ −, begann sie sich allmählich Sorgen zu machen. Fast schien es ihr, als würde Rafyndor ihr aus dem Weg gehen.

Seit ihrer Kindheit hatten sie viel Zeit miteinander verbracht, und später, als sie erwachsen geworden waren, hatten sie sich nahezu jeden Abend nach der Arbeit getroffen. Lililja genoss ihre gemeinsamen Gänge mit Rafyndor, die Gespräche und Diskussionen mit ihm ebenso wie das gemeinsame Schweigen.

Damals, als Meister Lehakonos Pranicara und Rafyndor aus der Jada-Eiche befreit hatte, hatte Rafyndor auf sie gewirkt wie ein verletztes Blauschnäuzchen und ein verschrecktes Fledernäschen zugleich.

Lililja hatte einfach das Gefühl gehabt, ihn beschützen zu müssen. Zwar hatte sich auch Pranicara immer wieder vor Rafyndor gestellt und ihn verteidigt, doch Lililja war dennoch der Meinung gewesen, dass seine Cousine ihn nicht wirklich wahrnahm. Rafyndor war sehr sensibel − das hatte sie schon damals bemerkt, und die vielen Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte, hatten diesen Eindruck nur bestätigt. Irgendwie fühlte sie sich für ihn verantwortlich, beinahe wie eine große Schwester für ihren kleinen Bruder.

Inzwischen war aus dem kleinen, schüchternen Rafyndor ein großer, starker und selbstbewusster Waldhüter geworden, der sich im Wald besser auskannte als jedes andere Wesen. Und dennoch kam das verschreckte Fledernäschen in ihm immer wieder zum Vorschein, sobald er in eine für ihn ungewohnte Situation geriet.

Lililja musste milde lächeln, als sie an die Frage von Meister Lehakonos in der Kristallhöhle zurückdachte: „Rafyndor, ich vermute, dass du nicht unbedingt vor der gesamten Zaubergemeinschaft von euren gestrigen Eindrücken berichten möchtest?“

Meister Lehakonos kannte die Schwächen des Waldhüters ebenfalls, hatte sie jedoch stets akzeptiert, ohne Rafyndor dabei zu übergehen. Lililja bewunderte die Weisheit ihres alten Lehrmeisters und die Art, wie er mit den Schwächen und Stärken jedes einzelnen Wesens umging. Meister Lehakonos war schon immer ein großes Vorbild für sie gewesen.



Lililja erinnerte sich an die Worte Meister Lehakonos′, die er in der Kristallhöhle zu Rafyndor sprach.

Und nun ließ Rafyndor sich bereits zum zweiten Mal durch Skukius entschuldigen − und das ohne einen erkennbaren triftigen Grund. Was hatte das zu bedeuten?

Lililja dachte an den letzten gemeinsamen Abend zurück. Hatte sie etwas gesagt oder getan, das Rafyndor verletzt haben könnte? Sie hatten über die bevorstehende Aufgabe des Schleiersturms gesprochen und über ihr gemeinsames Abenteuer als Kinder im Wald, als sie versucht hatten, den Regenbogen zu fangen. Sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass die Erinnerung daran ihm zugesetzt hätte. Obwohl …



Lililja überlegte, ob sie etwas gesagt oder getan hatte, das Rafyndor verletzt haben könnte.

Jetzt, da sie sich diese Situation noch einmal ins Gedächtnis rief, war Rafyndor tatsächlich plötzlich etwas merkwürdig gewesen. Sie hatte sein Verhalten auf seine Sorge um die bevorstehende Aufgabe geschoben. Aber war das wirklich der Grund gewesen?

Wenn sie genauer darüber nachdachte, hatte Rafyndor auch recht schnell durch sein herzhaftes Gähnen angedeutet, dass er den gemeinsamen Abend kurz halten wollte. Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Was war an jenem Abend geschehen?

Lililja versuchte, sich an jeden einzelnen Satz ihres Gesprächs zu erinnern, doch sie kam zu keinem Schluss.

Welches Wort, welcher Satz, welche Geste konnte dazu geführt haben, dass Rafyndor nun plötzlich diese Distanz zu ihr zeigte? Es passte nicht zu ihm. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass auch er die gemeinsame Zeit mit ihr genoss. Was hatte sich jetzt verändert?

Lililja beschloss, Rafyndor zu besuchen. Sie wollte sehen, ob es ihm gut ging. Vielleicht würde sie dabei herausfinden, warum er ihr so plötzlich aus dem Weg ging.

Als sie an der Waldhütte ankam, lag diese dunkel und verlassen da.

Nun ja, dachte Lililja, Rafyndor hatte ihr ja ausrichten lassen, dass er noch im Wald zu tun hätte. Vielleicht hatte sie tatsächlich zu viel in seine Absage hineininterpretiert und er hatte zurzeit einfach besonders viel im Wald zu erledigen.

Sie setzte sich auf die Holzbank vor seiner Hütte und wartete darauf, dass er zurückkehrte.



Rafyndors Waldhütte lag dunkel und verlassen da.

Die Sterne zogen am Himmel vorüber, und hin und wieder huschte ein Nachttier durch das Gebüsch. Doch Rafyndor kam nicht.

Lililja begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Was, wenn Rafyndor etwas im Wald zugestoßen war? Vor ihrem inneren Auge sah sie ihn bereits unter irgendeinem Baum liegen, mit gebrochenen Beinen und einer großen Wunde am Kopf.

Wie sollte sie ihn nur finden?

Skukius kam ihr in den Sinn.

Der fand ihn immer!

Rafyndor pfiff immer auf den Fingern, wenn er Skukius' Dienste benötigte. Sie selbst konnte das nicht. Einst hatte Rafyndor versucht, es auch ihr beizubringen, doch ihr fehlte einfach das Talent dazu. Lililja musste lächeln, als sie sich daran erinnerte, dass sie damals außer einem lauten Hauch keinen einzigen Ton zustande gebracht hatte und Rafyndor sich darüber kaputtgelacht hatte. Eines Tages hatte er ihr schließlich eine Holzpfeife geschenkt, die er eigens für sie geschnitzt hatte. Damit konnte sie Skukius jederzeit herbeirufen, wenn sie ihn benötigte. Diese kleine Holzpfeife trug sie seither immer bei sich.

Als sie sie nun in die Hand nahm, schwappte die Sorge um Rafyndor erneut in ihr hoch. Was war ihm nur passiert?



Lililja blies mitten in er Nacht auf einer Pfeife, die Rafyndor einst für sie geschnitzt hatte, um Skukius zu rufen.

Lililja blies in die Pfeife, und ein hoher, durchdringender Ton erklang. Sofort tat es ihr leid, dass sie damit die Nachttiere erschreckt hatte, die bei diesem Ton sicherlich zusammengezuckt waren. Doch sie hatte in diesem Moment einfach nicht darüber nachgedacht. Der leise gesprochene Ruf „Maheravo Skukius“ hätte ebenso zum gewünschten Ziel geführt. Doch die Sorge um Rafyndor schien ihre Gedanken zu beeinträchtigen.

Skukius kam in seiner lautlosen Art angeflogen. Als er Lililja vor Rafyndors dunkler Hütte sitzen sah, wusste er bereits, weshalb sie ihn gerufen hatte.

„Hallo, Skukius“, begrüßte sie ihn mit Sorgenfalten auf der Stirn. „Ich muss mich entschuldigen, dass ich dich noch so spät gerufen habe, aber ich mache mir große Sorgen um Rafyndor. Er ist noch nicht zu seiner Hütte zurückgekehrt, obwohl es schon so spät ist. Vielleicht liegt er irgendwo im Wald und braucht dringend Hilfe. Kannst du nach ihm suchen? Du findest ihn doch sicher!“

Hoffnungsvoll sah sie Skukius an. Der Korvum-Rabe nickte und flog rasch davon.

Lililja blieb vor der Hütte sitzen, tief in Gedanken und Sorgen versunken um ihren vertrauten Freund.

Nach einiger Zeit tauchte Skukius' Silhouette wieder am Himmel auf. Er setzte sich auf einen kleinen Felsen, der vor der Bank lag, und sagte in beruhigendem Ton: „Rafyndor geht es gut. Er sagte, er brauche etwas Zeit für sich, um sich über einige Dinge klar zu werden, und du könntest ihm dieses Mal dabei nicht helfen.“

Lililja fiel ein Stein vom Herzen. Rafyndor war nicht verletzt! Das war das Wichtigste!

Gleichzeitig war seine Antwort jedoch wenig dazu angetan, sie wirklich zu beruhigen. Rafyndor war mit all seinen Sorgen und Problemen immer zu ihr gekommen. Warum konnte sie ihm dieses Mal nicht helfen?

Dennoch akzeptierte sie seinen Wunsch. Wenn er so weit war und über seine Probleme mit ihr sprechen wollte, würde er auch wieder zu ihr kommen. Da war sie sich sicher.

Mit zwiespältigen Gefühlen kehrte sie nach Hause zurück und legte sich schlafen. Es dauerte jedoch eine Weile, bis sie einschlief. Die Sorge um Rafyndor hielt sie noch lange wach.

Als der Morgen graute, lag eine sehr unruhige Nacht hinter ihr. Immer wieder hatte sie von Rafyndor geträumt: Mal war er von einem wilden Tier gefressen worden, mal eine Klippe hinuntergestürzt, und einmal war er sogar von einem Silberfederadler davongetragen worden.

Lililja schüttelte den Kopf über den Unsinn, der sich in ihren Träumen manifestiert hatte.



Lililja kehrte mit zwiespältigen Gefühlen in ihr Haus zurück.

Dennoch hatten die Träume sie nur noch unruhiger werden lassen. Sie konnte sich Rafyndors Verhalten einfach nicht erklären.

Daher beschloss sie, Pranicara, Rafyndors Cousine, in ihrer Holzhütte im Wald aufzusuchen. Vielleicht hatte sie eine Idee, was plötzlich in Rafyndor gefahren war. Möglicherweise hatte er sich ihr ja auch anvertraut. Immerhin war sie Seelenheilerin und hatte ebenfalls eine enge Verbindung zu ihm.



Lililja bat Pranicara um Rat.

Als Lililja Pranicara von Rafyndors seltsamem Verhalten erzählte und sie fragte, ob sie wisse, was mit ihm los sei, wirkte diese jedoch vollkommen verwirrt.

„Nein“, entgegnete Pranicara. „Rafyndor hat nicht mit mir gesprochen. Er vermeidet es in der Regel aber auch, sich mir mit seinen Sorgen und Problemen anzuvertrauen. Einmal sagte er zu mir: ‚Ich habe immer das Gefühl, du ziehst die Leute aus und kehrst das Innere nach außen, wenn du deine Seelenheilmagie einsetzt.‘“

Pranicara musste lächeln.

Ja, dachte Lililja, das passte zu Rafyndors Unsicherheit, und sie stimmte in das Lächeln mit ein. Sie konnte sich gut vorstellen, dass er sich davor drückte, Pranicara in sein Innerstes blicken zu lassen, obwohl auch sie sich inzwischen gewandelt hatte.

Als Kind hatte sie sich oft über seine Ängstlichkeit lustig gemacht. Doch das war lange her. Inzwischen hatte sich Pranicara zu einem herzensguten Wesen entwickelt, das darauf bedacht war, anderen zu helfen und ihnen ihre Sorgen zu nehmen.

Aber möglicherweise saß die Verletzung, die Pranicara ihm durch ihr Verhalten als Kind unbeabsichtigt zugefügt hatte, doch tiefer, als sie beide ahnten.

Lililja berichtete Pranicara von ihrem letzten gemeinsamen Abend am Mondspiegelteich, von Rafyndors Sorge bezüglich der bevorstehenden Aufgabe des Schleiersturms, die er ihr gegenüber geäußert hatte, von ihrer gemeinsamen Erinnerung an das Abenteuer mit dem Regenbogen und schließlich von seiner plötzlichen Verhaltensänderung, die sie sich nicht erklären konnte.

Pranicara dachte eine Weile darüber nach, bevor sie schließlich sagte: „Danke, dass du zu mir gekommen bist. Ich werde einmal schauen, ob ich etwas aus ihm herausbekomme. Manchmal kann er ein ziemlicher Sturkopf sein. Aber keine Sorge, ich werde ihn schon wieder in die Gemeinschaft zurückholen.“

Mit diesen aufmunternden Worten entließ sie Lililja. Diese machte sich, nun ein wenig beruhigter, wieder an ihre Aufgaben des Tages.


Ein wenig beruhigter ging Lililja ihren
Tagesarbeiten als Hüterin der Natur
und der Magie nach.

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