
Drei Monate war es nun schon her, dass Mojalian Vanavistaria verlassen hatte und nach Valivisia zurückgekehrt war. Doch er hatte seine Spuren hier hinterlassen − viel tiefere, als er selbst vermutlich ahnte.
Noch immer war er bei vielen Einwohnern im Gespräch, die sich gerne an ihn zurückerinnerten:
„Ich vermisse die Gespräche am Abend mit ihm. Wenn ich auf meinen Tag zurückblickte und dachte, es sei wieder einmal ein furchtbarer Tag gewesen, hatte ich nach dem Gespräch mit Mojalian gar nicht mehr diesen Eindruck. Er konnte einen immer so wunderbar aufbauen.“
Oder:
„Immer, wenn ich mich mit meinem Partner gestritten habe, habe ich Mojalian gerufen. Mit seinen Fragen hat er mir immer wieder gezeigt, wie unsinnig unser Streit eigentlich war, und ich konnte mich sofort wieder mit ihm versöhnen. Das fehlt mir jetzt so ungemein.“
Oder:
„Ich hatte einmal Streit mit meinem Nachbarn. Dann sind wir gemeinsam zu Mojalian gegangen, und er hat es tatsächlich hinbekommen, dass wir uns wieder versöhnten. Wenn ich mich jetzt mit meinem Nachbarn streite, weiß ich gar nicht, an wen ich mich wenden soll.“
Viele Einwohner Vanavistarias mussten erst wieder lernen, mit ihren Sorgen allein umzugehen. Mojalian hatte für jeden Einzelnen immer und zu jeder Zeit ein offenes Ohr gehabt. Doch das war Vergangenheit.
Pranicara und die anderen Seelenheiler waren seit Mojalians Fortgang gefragter denn je. Es wollten weitaus mehr Zauberwesen zu ihnen kommen, als sie Termine vergeben konnten. Pranicara hatte kaum noch Zeit, sich auch um die Tiere zu kümmern.
Mojalian, dachte sie eines Morgens stöhnend, als sie wieder einmal eine schier endlos lange Schlange von Zauberwesen vor ihrer Hütte stehen sah, die ihr ihre Sorgen erzählen wollten. Was hast du uns nur angetan? Du hast die Zauberwesen mit deiner ständigen Präsenz eindeutig verwöhnt!
Auch Rafyndor vermisste seine ständigen Gespräche mit dem Geisterwesen noch immer. Oft ertappte er sich dabei, wie er dachte: Mojalian, hast du Zeit?
Doch es kam keine Antwort.
Dann seufzte er jedes Mal tief und dachte an Lililja. Es hatte so gutgetan, über sie zu reden. Nun war er mit seinen Gedanken an seine große Liebe wieder allein.
Mit Skukius konnte er darüber nicht reden, auch wenn er seit Skukius' Vertrauensbeweis und dessen Erzählungen über seine Vergangenheit viele Geheimnisse mit ihm teilte. Aber dieses Geheimnis ging ihn einfach nichts an.
Ach, warum musste Mojalian nur gehen? Warum hatte er nicht hierbleiben können? Warum musste Skukius auch noch das Portal finden?, dachte er oft.
Doch er und der Korvum-Rabe hielten sich an ihr Versprechen, das sie Mojalian gegeben hatten, und sprachen niemals über das Portal. Auch Lililja und Pranicara hatten nie versucht, sie darüber auszufragen.
Lililja hatte sich nach Mojalians Fortgang zunächst immer wieder mit den seltsamen Abschiedsworten beschäftigt, die er ihr hinterlassen hatte: „Auf dir lastet eine große Verantwortung, Lililja. Pass auf dich und alle auf, die dir lieb sind.“
Was hatte er damit gemeint? Welche große Verantwortung sollte auf ihr liegen? Und warum sollte sie auf alle aufpassen, die ihr lieb waren? Hatte er sich zum Abschied vielleicht einen Scherz erlaubt?
Irgendwann hatte sie einfach aufgehört, darüber nachzugrübeln. Es hatte ohnehin keinen Sinn, und nachfragen konnte sie auch nicht mehr. Also tat sie seine Worte als merkwürdigen Scherz ab und erinnerte sich lieber an die intensiven Gespräche mit ihm.
Auf ihrer Morgenrunde dachte sie sehr oft an Mojalian. Immer, wenn sie einen Grashalm auf dem Weg bemerkte, machte sie einen großen Schritt darüber hinweg und sagte: „Ich wünsche dir ein schönes Leben.“
Wenn ihr ein besonders schöner Stein auf dem Weg auffiel, hob sie ihn auf und sagte: „Was würde mir Mojalian wohl jetzt über dich für eine Geschichte erzählen können?“
Dann legte sie ihn wieder vorsichtig an die Stelle zurück, von der sie ihn aufgehoben hatte.
Wenn sie am Baum der Magie vorbeikam, bei dem Mojalian versucht hatte, die Magie zu fühlen, musste sie anfangs immer schmunzeln. Doch mit der Zeit spürte sie, wie sehr sie begann, das Geisterwesen zu vermissen.
Wenn sie nun an dem Baum vorbeikam, blieb sie oft stehen und legte die Hand an seinen Stamm.
Für außenstehende Betrachter war daran nichts Ungewöhnliches. Das tat die Hüterin der Natur und der Magie schließlich ständig.
Doch Lililja wollte hier nicht die Magie des Baumes spüren. Sie hatte bei diesem Baum vielmehr immer das Gefühl, dass Mojalian ihr nahe war − so, als hätte er, als er in den Baum geglitten war, einen Splitter seiner selbst hier zurückgelassen.
So stand sie oft dort und sagte zu dem Baum: „Ach, Mojalian, wenn ich nur wieder deine Gedanken hören könnte!“
Manchmal erzählte sie dem Baum auch von ihren Problemen. Dann hatte sie zumindest das Gefühl, dass Mojalian ihr zuhörte, auch wenn sie keine Antwort erhielt.
Dieser Baum der Magie war zu ihrem persönlichen Problemlöse-Baum geworden. Und sie ertappte sich immer öfter dabei, dass sie ihn nicht mehr nur während ihrer üblichen Morgenrunde aufsuchte, sondern auch zwischendurch.
Heute war sie bereits zweimal zum Baum der Magie geschlendert, hatte die Hand an ihn gelegt und gesagt: „Mojalian, ich vermisse dich!“
Nun war sie schon zum dritten Mal hier und hielt ihre Hand an den Stamm. Sie seufzte. Also langsam nahm das überhand, dachte sie und sagte mit einem Schmunzeln zum Baum: „Mojalian, du hältst mich von meiner Arbeit ab!“
So, tue ich das?, drang Mojalians Stimme in ihr Bewusstsein, und sie sah ihn lächeln.
Erschrocken ließ sie den Baum los. War sie dabei, den Verstand zu verlieren?
„Mojalian?“, fragte sie vorsichtig, doch sie erhielt keine Antwort.
Behutsam legte sie ihre Hand wieder an den Baum und fragte noch einmal: „Mojalian?“
Prompt erhielt sie die Antwort: Lililja?
„Wo bist du?“, fragte sie irritiert.
Auf Valivisia, antwortete Mojalian. Und wo bist du?
Ich habe meine Hand am Baum der Magie liegen, bei dem du versucht hast, die Magie zu spüren, erklärte sie sanft, nun auch auf die Gedankenebene wechselnd.
Dann fragte sie verunsichert: Bin ich dabei, verrückt zu werden, weil ich deine Stimme in meinen Gedanken hören kann?
Nein, ich denke nicht, sagte Mojalian sachlich. Ich vernehme dich ja auch.
Lililja legte den Kopf an den Stamm des Baumes und genoss die überraschende Nähe des Geisterwesens.
Nach einer Weile fragte sie: Bist du noch da?
Ja, klang es sanft zurück.
Warum kann ich dich auf einmal wieder hören?, fragte sie.
Ich weiß es nicht, erklang es erneut sanft. Aber ich habe viel an dich denken müssen, Lililja.
Lililja lächelte. So war es ihr ebenfalls ergangen.
Ich vermisse die Gespräche mit dir, Mojalian, gestand sie. Und ohne es zu wollen, schob sich der Gedanke hinterher: Und deine Nähe.
Sie sah ihn lächeln und hörte ihn antworten: Ich vermisse dich auch, Lililja.
Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Glaubst du, dass dies eine einmalige, zufällige Verbindung zwischen uns ist?, fragte sie ängstlich.
Das Geisterwesen dachte darüber nach und sagte dann: Ich kann es dir nicht sagen, Lililja. Wir werden es abwarten müssen.
Wo genau auf Valivisia bist du?, fragte sie, um das Gespräch in die Länge zu ziehen. Sie wollte nicht, dass er schon wieder fortging.
Mojalian zögerte ein wenig mit der Antwort. Schließlich sagte er, ein wenig verschämt: Ich bin in einen Baum geschwebt.
Was bedeutet das?, fragte Lililja irritiert. Was meinst du mit: Du bist in einen Baum geschwebt?
So wie damals, als ich versucht habe, die Magie in eurem Baum zu spüren, antwortete Mojalian.
Er zögerte kurz und seufzte dann. Weil ich so eine Sehnsucht nach dir hatte, habe ich gedacht, ich könnte mich vielleicht in den Baum hineinbegeben und mir dann vorstellen, dass du ihn berührst.
Lililja meinte zu sehen, wie er ein wenig rot wurde. Sie war unsicher, wie sie auf dieses Geständnis reagieren sollte.
Hast du das heute zum ersten Mal gemacht?, fragte sie schließlich sanft.
Ja, antwortete er etwas unsicher, wie sie überrascht feststellte.
Ich berühre deinen Baum täglich, schon seit du fort bist, gestand sie dann, ebenfalls ein wenig verschämt. Ich hatte immer das Gefühl, dass du mir hier ganz nahe bist.
Ihr fiel auf, wie lange sie bereits an dem Baum stand und mit ihm redete. Sie hoffte, dass sie dabei nicht beobachtet wurde, aber sie wollte Mojalian nicht verlassen. Sie war so glücklich, dass sie endlich wieder seine Stimme hören konnte. Doch sie konnte nicht den ganzen Tag hier stehen und den Baum festhalten. Irgendwann würde es jemandem auffallen.
Mojalian, sagte sie sanft.
Ja, Lililja?, antwortete er ebenso sanft.
Wie ich vorhin schon sagte: Du hältst mich von meiner Arbeit ab, sagte sie schmunzelnd und spürte gleichzeitig, dass sie ihn nicht gehen lassen wollte.
Und wie ich eben schon fragte, antwortete er lächelnd, so, tue ich das?
„Ja“, hauchte sie und fügte dann bedauernd hinzu: Ich werde den Baum jetzt loslassen und hoffe, dass diese Verbindung morgen wiederkommt.
Ist in Ordnung, Lililja, entgegnete Mojalian, und sie meinte, Zärtlichkeit in seiner Stimme zu vernehmen. Ich werde jetzt auch den Baum wieder verlassen. Aber wenn die Verbindung nicht erneut zustande kommen sollte, möchte ich, dass du weißt: Auf Valivisia ist jemand, der sehr große Sehnsucht nach dir hat.
Die Verbindung brach ab.
|