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Tag eins

Der Tag des Hauchzauberdunstes war gekommen.

Als Lililja an diesem Morgen noch vor Sonnenaufgang vor ihre Haustür trat, hoffte sie insgeheim, die Welt verhangen von einem hellen, milchigen Nebel vorzufinden. Doch ihre Hoffnung zerschlug sich. Enttäuscht musste sie feststellen, dass es tatsächlich so war, wie Mojalian es befürchtet hatte: Am Boden waberte eine dichte Schicht schweren, schwarzen Nebels, die aussah, als hätte jemand über Nacht das Land mit einer zähen, schwarzen, klebrigen Masse übergossen.

Lililja wäre am liebsten vor Enttäuschung wieder zurück ins Haus gesprungen und hätte die Tür hinter sich zugeschlagen. Doch sie war die Hüterin des Lichtes und zugleich die Hüterin der Natur und der Magie. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Sie musste mit Mut und Kraft vorangehen.

Mojalian, seufzte Lililja, du hattest recht. Der Nebel ist dunkel, dicht und zäh und bedeckt den Boden wie ein kriechender, bedrohlicher Schatten!

Hast du schon einen Fuß hineingesetzt?, fragte Mojalian sanft.



Am Boden vor Lililjas Haus waberte eine dichte Schicht schweren, schwarzen Nebels.

Bislang noch nicht, entgegnete sie seufzend. Aber ich werde meine Morgenrunde trotzdem machen. Ich werde allen zeigen, dass ich mich nicht kleinkriegen lasse!

Vorsichtig setzte sie einen Fuß in die schwarze, wabernde Substanz und spürte sofort, wie die Kälte in sie hineinkroch und sie schwermütig machte.

Mojalian, klagte Lililja. Es ist schrecklich! Meine Gedanken verdüstern sich, und mir fällt es schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wie soll ich so meine Morgenrunde schaffen?

Mojalian antwortete aufmunternd: Versuche, dich auf das Licht in dir zu konzentrieren, Liebes. Lass die Dunkelheit nicht dein Denken und Fühlen übernehmen. Fühle die Helligkeit in dir.



Lililja konzentrierte sich auf das Licht in ihr, und der schwarze Nebel konnte ihr nichts mehr anhaben.

Lililja versuchte es und spürte, wie ihr das Laufen allmählich leichter fiel. Die Schritte waren nicht mehr so schwer, und ihre Füße ließen sich einfacher voreinander setzen. Als sie vor sich auf den Boden blickte, stellte sie verwundert fest, dass sich der Nebel vor ihren Füßen teilte. Er schien vor ihr zu fliehen, als wollte er sie nicht mehr berühren.

Du bist die Hüterin des Lichtes. Du kannst alles Dunkle von dir fernhalten, wenn du dich darauf konzentrierst, erklärte Mojalian, nachdem Lililja ihm von ihrer Beobachtung berichtet hatte.

Somit begann sie ihre Morgenrunde.

Als sie den Sonnenaufgang zelebrierte, stellte sie überrascht fest, dass an der Stelle, an der sie gestanden hatte, der helle Nebel zurückblieb. Es schien fast so, als würde der helle Hauchzauberdunst diesen Flecken vor dem dunklen Nebel verteidigen.

Den gleichen Effekt stellte sie fest, als sie im Bach an der Sonnenwiese den Magiefluss prüfte. Er bewegte sich zunächst eher träge, wurde aber durch ihre Konzentration auf das Licht in ihr schneller und erreichte schließlich wieder seine normale Geschwindigkeit. Auch hier hielt sich auf einem tellergroßen Flecken am Ufer der helle Hauchzauberdunst und ließ sich nicht wieder von dem schwarzen Nebel vertreiben.

Die Wesen werden kontrollieren können, ob ich meine Runde vollständig gemacht habe, schmunzelte Lililja.

Ach, Liebes, hörte sie Mojalian seufzen, wenn das nur alles wäre!

Was befürchtest du, wird passieren?, fragte sie überrascht.

Na, überleg doch einmal selbst, mein Liebling, entgegnete Mojalian sanft. Die Wesen um dich herum warten seit einem Jahr sehnlichst auf den Hauchzauberdunst und finden jetzt überall nur den schwermütig machenden Nebel vor. Was wird wohl geschehen, wenn sie deine kleinen Stellen mit dem belebenden und stärkenden Hauchzauberdunst vorfinden?

Mojalian ließ die Worte auf Lililja wirken. Sie riss entsetzt die Augen auf.



Lililja hinterließ überall, wo sie Magie gewirkt hatte, helle Flecken des positiven Hauchzauberdunstes.

Es wird zu Rangeleien und Prügelattacken kommen, wenn es sich herumspricht!, rief sie entgeistert aus. Was soll ich nur tun?

Ruf die Zaubergemeinschaft zusammen und berichte ihr von deinen Befürchtungen, antwortete Mojalian.

Aber was mache ich in der Zwischenzeit? Die Wesen könnten schon anfangen, aufeinander loszugehen!, erwiderte sie panisch.

Du hast doch von diesem jungen Goblin erzählt, der die dunkle Magie genutzt hat, meinte Mojalian. Rufe ihn zu dir und lass ihn dunkle Flüche über all deine hellen Stellen sprechen. Erstens hat sich der Magiefluss ohnehin schon gewandelt, wie du gesehen hast, und zweitens macht er es unter deiner Aufsicht, der Hüterin des Lichtes. Du kannst anschließend einen Lichtsegen über ihn breiten, dann ist er den Makel des dunklen Fluchs wieder los.

Also sprach Lililja: „Maheravo Arokando!“ und wartete am Platz des Sonnenaufgangsrituals auf sein Erscheinen.

Als der Ruf Arokando erreichte, war er gerade aufgestanden. Er wunderte sich, dass die Hüterin der Natur und der Magie ihn zu so früher Stunde zu sich rief, und wurde deswegen ein wenig nervös. Was wollte sie wohl von ihm? Hatte sie wieder dunkle Magie entdeckt und dachte, er hätte damit zu tun?

Als er aus dem Haus trat, spürte er sofort, wie der dunkle Nebel in ihn eindrang. Da er wegen des unvorbereiteten Rufs ohnehin schon nervös war, setzte ihm dieser Nebel erst recht zu.

Jetzt würde er vom Unterricht ausgeschlossen werden, kam ihm unterwegs der niederdrückende Gedanke. Jetzt würde ihm seine Magie genommen. Mit Sicherheit würde er aus dem Kreis der hellen Magier ausgeschlossen werden.

Seine Gedanken nahmen immer groteskere Züge an, die ihn in eine immer tiefer sinkende Spirale hineinsogen. Zum Schluss hatte er jegliche Hoffnung auf ein gutes Ende verloren.

So kam er trübsinnig und mutlos bei der Hüterin an. Es wunderte ihn nicht, das sie ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen verzogen hatte.

Vermutlich freute sie sich über seine Niederlage.

Die Hüterin der Natur und der Magie winkte ihn zu sich und zeigte auf einen hellen Flecken im dunklen Nebel.



Nidergeschlagen und mutlos kam Arokando bei Lililja an.

„Danke, Arokando, dass du gekommen bist“, sagte sie mit einem Seufzer, der Erleichterung vorgaukelte. Vermutlich sollte das freundlich klingen, doch Arokando wusste tief in seinem Herzen, dass es für ihn nun keinen Ausweg mehr gab. Sie würde das vernichtende Urteil über ihn sprechen. „Stelle dich bitte auf diesen Platz.“

Sich selbst am Abgrund sehend folgte er ihrer Anweisung. Kaum hatte er jedoch den hellen Ort berührt, spürte er, wie er von Hoffnung durchströmt wurde, wie sich die finsteren Gedanken verflüchtigten und sein Lebensmut zurückkehrte.

Die Hüterin hatte ihn nicht herkommen lassen, um ihn zu bestrafen, erkannte er. Nein, es musste etwas anderes sein, das sie dazu veranlasst hatte, ihn zu sich zu rufen.

Neugierig schaute er sie an.

Lililja bemerkte erleichtert den Stimmungswandel in Arokando. Als er gekommen war, hatte er ausgesehen, als würde er gleich von seinen Sorgen erdrückt werden. Nun wirkte er wieder zuversichtlich, was sie ermutigte, auf das zu sprechen zu kommen, was ihr auf dem Herzen lag.

„Arokando“, sagte sie ein wenig zögerlich, „ich habe eine sehr große und außergewöhnliche Bitte an dich. Du hast gerade selbst gespürt, welche negativen Wirkungen der schwarze Nebel und welche positiven der Hauchzauberdunst hat. Leider hinterlasse ich an allen Stellen, an denen ich meine Morgenrituale durchführe, solche kleinen Stellen von Hauchzauberdunst.“

Arokando schaute sie bewundernd an und sagte dann begeistert: „Das ist doch wunderbar! Das zeigt, dass Ihr die wahre Hüterin des Lichtes seid!“



Lililja legte Arokando ihr Problem dar.

Lililja musste schmunzeln. „Grundsätzlich hast du schon recht, Arokando“, entgegnete sie, „aber stell dir einmal vor, zehn Wesen würden gleichzeitig diesen hellen Flecken Hauchzauberdunst entdecken. Was würde nach deiner gerade gemachten Erfahrung dann wohl passieren?“

„Oh-oh“, entfuhr es dem jungen Goblin, und seine Augen wurden groß. „Das gibt Mord und Totschlag!“

„Ja“, bestätigte Lililja. „Das befürchte ich auch. Daher bin ich auf deine Hilfe angewiesen.“

„Auf meine Hilfe?“, fragte Arokando erstaunt. Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie er der Hüterin der Natur und der Magie oder der Hüterin des Lichtes helfen konnte.

„Du wirst gleich, wenn ich dir meine Bitte unterbreite, entsetzt sein. Aber höre mich bitte bis zum Schluss an, bevor du dich entscheidest, mir zu helfen oder nicht. Du darfst natürlich auch ablehnen, und ich würde deine Entscheidung vollkommen verstehen. Aber dennoch würdest du mir eine sehr große Erleichterung verschaffen, wenn du meiner Bitte nachkommen könntest.“

Lililja hatte den jungen Goblin neugierig gemacht. Das musste ja wirklich etwas ganz Außergewöhnliches sein, das sie von ihm verlangte. Er nickte, um zu zeigen, dass er verstanden hatte und einverstanden war, dass sie ihre Bitte aussprach.



Lililja bat Arokando über jeden Flecken positiven Hauchzauberdunstes einen dunklen Fluch zu legen.

„Da ich auf meiner Morgenrunde überall diese hellen Stellen von Hauchzauberdunst hinterlassen werde“, begann Lililja mit ihrer Erklärung, „würde ich dich bitten, über alle Stellen einen dunklen Fluch zu legen, damit sich der schwarze Nebel wieder darüberlegt. Dazu musst du mich leider auf meiner Morgenrunde begleiten, was bedeutet, dass du viel durch den schwarzen Nebel stapfen musst, der dich schwermütig machen wird. Das hast du ja schon vorhin erlebt, als du zu mir gekommen bist. An jedem magischen Knotenpunkt kannst du dich nach meinem Ritual für eine kurze Weile im Hauchzauberdunst erholen.“

Bevor Arokando ablehnen konnte, fügte sie noch schnell hinzu: „Am Ende meiner Runde würde ich dann einen Lichtsegen über dich breiten, der dir jeglichen Makel genutzter dunkler Magie nimmt und dich darüberhinaus zumindest eine Zeit lang vor den Auswirkungen des dunklen Nebels schützt. Leider kann ich den Lichtsegen aber nicht schon vor meiner Morgenrunde auf dich legen, da sonst die dunklen Flüche, mit denen du die Hauchzauberdunststellen zudecken sollst, nicht mehr wirken.“

Ängstlich wartete sie auf eine Reaktion des jungen Goblins.

Dieser ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen.

Der Weg hierher war in der Tat eine Tortur gewesen. Sollte er sich das wirklich antun, den ganzen Morgen mit schwermütigen Gedanken zu verbringen? Und dann auch noch dunkle Flüche abzusetzen, obwohl er sich geschworen hatte, diese nie wieder außerhalb von Studien anzuwenden?

Andererseits war sie die Hüterin des Lichtes, und wenn sie ihn darum bat, dunkle Flüche abzusetzen, dann konnte es nicht so schlimm sein.



Arokando hatte den ganzen Weg über schwermütige Gedanken – sollte er sich weiterhin diesem Unbehagen aussetzen?

Da Arokando mit seiner Antwort so lange zögerte, sagte Lililja schließlich ein wenig niedergeschlagen: „Es ist eine wirklich unangebrachte Bitte. Ich entschuldige mich dafür und werde jetzt den Lichtsegen über dich breiten. Dann kommst du wenigstens wieder gut nach Hause.“

Als sie gerade ansetzen wollte, sagte Arokando entschieden: „Stopp! Rafyndor erklärte mir gestern, welche außerordentliche Bürde auf Euch liegt, um die Ihr Euch nicht gerissen habt. Ich denke, ich werde meinen kleinen Teil dazu beitragen können, damit Eure Last nicht noch größer wird. Also machen wir uns auf den Weg. Ich werde die dunklen Flüche aussprechen.“

Sie war sprachlos. Nicht nur über den Mut des jungen Goblins oder über die Tatsache, dass ein ihr nahezu Fremder diese schwere Bitte erfüllte, sondern auch darüber, dass Rafyndor diesem jungen Goblin hatte deutlich machen können, dass sie eine schwere Last zu tragen hatte.

Rafyndor, du bist ein Schatz!, dachte sie.

Das habe ich gehört, antwortete Mojalian schmunzelnd in ihren Gedanken.

Lililja und Arokando machten sich gemeinsam auf den Weg.



Während der Morgenrunde erkundigte sich Lililja immer wieder besorgt bei Arokando, ob er noch weitermachen wollte.

An jeder Stelle, an der Lililja ihr Morgenritual durchgeführt hatte, erholte sich Arokando für einige Augenblicke von den Strapazen des Weges.

Sie setzten ihm schon sehr zu, musste er feststellen, und der Weg wurde nicht leichter. Es fiel ihm immer schwerer, sich von der Stelle des Hauchzauberdunstes zu lösen, diesen mit einem dunklen Fluch zu belegen und anschließend weiter durch den schweren, schwarzen Nebel zu stapfen, der seine Gedanken immer finsterer werden ließ und sich wie eine eiskalte Klammer um seine Seele legte.

Zwischendurch erkundigte sich Lililja immer wieder besorgt bei Arokando, ob er es weiter durchziehen wolle oder ob sie schon den Lichtsegen über ihn breiten sollte.

Arokando stellte sich stets das tief enttäuschte Gesicht Rafyndors vor und lehnte Lililjas Angebot daraufhin ab. Er würde bis zum Schluss durchhalten. Zumindest dieses Mal. Ob er es sich noch einmal antun würde, da war er sich allerdings nicht sicher.

Schließlich gelangten sie zum Baum der Magie, dem Ende der Morgenrunde. Hier legte Arokando erschöpft seine Hände an die Stelle, an der Lililja die Magie des Baumes gespürt hatte, und ließ den Hauchzauberdunst noch einmal auf sich wirken. Bevor er die Hände fortnahm, hörte er in seinem Geist den Baum sagen: Danke, Arokando!

Verdutzt schaute er den Baum an. So ausgelaugt, wie er war, antwortete er, ohne groß nachzudenken: „Bitte, gern geschehen.“

Dann schaute er Lililja überrascht an. „Der Baum hat sich bei mir bedankt“, meinte er stirnrunzelnd.

Lililja musste schmunzeln. „Du bist der Erste außer mir, der den Baum hören kann“, entgegnete sie. „Vermutlich hat der Baum deine große Aufopferung mitbekommen, die du heute Morgen gezeigt hast, und war dir dafür so unendlich dankbar, dass er dir erlaubt hat, ihn zu verstehen. Ich muss sagen, ich bewundere dein Durchhaltevermögen. Du hast wirklich hart gekämpft, ich konnte es dir ansehen. Bist du jetzt bereit für den Lichtsegen?“



Arokando wunderte sich darüber, dass sich der Baum bei ihm bedankt hatte.

Arokando nickte. Lililja legte ihre Hand auf seinen Kopf und sprach mit ganz sanfter Stimme: „Ich, Lililja, Hüterin des Lichtes, rufe die strahlende Magie der Sonne hervor. Möge das Licht die Dunkelheit vertreiben und dein Herz erhellen. Die Helligkeit löse jegliche finstere Gedanken und lasse die Lebensenergie in dir erstrahlen. Mögest du gestärkt und voller Hoffnung sein, vereint im Glanz des Lichts.“

Arokando spürte, wie sämtliche Lebensenergie wieder in ihn zurückströmte und er sich auf der Stelle von den Strapazen erholte. Er fühlte sich wieder munter und kräftig, als sei nichts geschehen. Auch das schlechte Gewissen, das ihn seit der Anwendung dunkler Magie geplagt hatte, wurde fortgeweht. Er fühlte sich rein wie der junge Morgen und hell wie der lichte Tag. Es war ein wunderschön leichtes und gleichzeitig warmes Gefühl.

„Ich danke Euch, Hüterin“, sagte er lächelnd.

„Du glaubst gar nicht, wie dankbar ich dir bin“, entgegnete Lililja. „Wenn du magst, kannst du das förmliche ‚Euch‘ weglassen und mich Lililja nennen. Mit Rafyndor bist du ja auch per Du.“

Arokando bedankte sich nochmals und machte schweren Herzens einen Schritt in den dunklen Nebel. Erstaunt bemerkte er, wie der Nebel vor ihm zurückwich und er leichten Fußes und mit frohen Gedanken hindurchlaufen konnte.

„Hey, danke, Lililja“, rief er ihr beim Fortgehen zu. „Du kannst mich gerne wieder rufen, wenn du dunkle Flüche benötigst!“

Breit grinsend lief er auf direktem Wege zum Unterricht bei Meister Jadoruc.



Nachdem Lililja über Arokando den
Lichtsegen gebreitet hatte, ging
dieser leichten Fußes zum Unterricht.

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