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In diesem lichtdurchfluteten Teil des Waldes Vanavistarias war Tarodastrus noch nie gewesen. Entsprechend kannte sich der zweiunddreißigjährige Vykati hier kaum aus.
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Der Silberwindhain gehörte den Waldgeistern und nicht den Vykati. Das hatte seinen Freund Sadothus, einen dreiunddreißigjährigen Vykati und magischen Archäologen, allerdings nicht davon abgehalten, hier nach seltenen magischen Artefakten zu suchen. Schließlich war er ein Vykati − und Vykati hielten sich nur selten an die Grenzen anderer Völker.
Sie galten als das magisch mächtigste Landvolk Vanavistarias; lediglich die Flussgeister verfügten über eine vergleichbare magische Stärke. Entsprechend ließen sich die Vykati nur ungern von anderen Völkern Vorschriften machen − schon gar nicht von den grünen Waldgeistern, denen man nachsagte, weder besonders klug zu sein noch in richtigen Häusern zu leben. Stattdessen hausten sie angeblich wie Tiere in Höhlen mitten im Wald.
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Tarodastrus, der Vykati, kannte diesen Teil des Waldes Vanavistarias nicht.
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Was sollten solche Wesen schon mit einem magischen Artefakt anfangen können?
Vermutlich würden sie nicht einmal bemerken, wenn die Vykati dieses eines Nachts heimlich aus ihrem Boden entfernten. Zumal gerade Sadothus' Team die Kunst perfektioniert hatte, jede Ausgrabungsstelle anschließend wieder genauso aussehen zu lassen wie zuvor − mit dem einzigen Unterschied, dass das Artefakt anschließend nicht mehr dort vergraben lag.
Frustriert ließ Tarodastrus den Blick durch den Wald schweifen. Seit einer Stunde suchte er bereits nach der Stelle, die Sadothus ihm beschrieben hatte: vier mächtige Jada-Eichen, umgeben von mehreren großen Bimara-Buchen, in deren Nähe ein gewaltiger Felsen mit rotem Moos liegen sollte.
So schwer konnte ein derart markanter Ort doch eigentlich nicht zu finden sein, dachte er. Gleichzeitig hoffte er inständig, keinem der hier lebenden Wesen zu begegnen. Darauf konnte er gut verzichten.
Mit seiner hellen rosafarbenen Haut und den kleinen runden Ohren würde er hier sofort auffallen. Auch seine langen, mittelbraunen, gewellten Haare und der kurze Bart derselben Farbe verrieten ihn auf den ersten Blick als Fremden. An Waldgeistern war, wie man wusste, schließlich alles grün: ihre Haut, ihre Haare und ihre Augen.
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Tarodastrus hoffte, nicht auf ein paarungswütiges Waldgeistexemplar zu stoßen.
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Außerdem erzählte man sich, Waldgeister liefen grundsätzlich nackt umher und seien ständig auf der Suche nach einem Partner, mit dem sie sich den ganzen Tag paaren konnten. Schon deshalb würden seine schwarze Tunika, die eng anliegenden schwarzen Lederbeinkleider und die hohen braunen Stiefel ihn unübersehbar aus der Menge hervorstechen lassen.
Nein, einem dieser grünen Wesen wollte er auf keinen Fall begegnen. Wer wusste schon, wie kräftig sie tatsächlich waren? Trotz seiner knapp sechs Fuß Körpergröße und seines athletischen Körperbaus war er sich keineswegs sicher, sie im Ernstfall auf Abstand halten zu können.
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Eigentlich hatte Tarodastrus auf dem Gebiet der Waldgeister ohnehin nichts verloren. Er wusste nicht, wie die hier lebenden Wesen auf einen Eindringling reagieren würden.
Seit dem Großen Zerwürfnis vor beinahe eintausend Jahren lebte jedes magische Volk abgeschottet in einem eigenen Gebiet, das ihm damals von den Elfen zugewiesen worden war. Soweit Tarodastrus wusste, hielten sich auch alle Völker an diese Grenzen – mit Ausnahme der Vykati. Sein eigenes Volk überschritt sie immer wieder, vermied dabei jedoch möglichst jeden Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung.
So kannte Tarodastrus die anderen magischen Völker fast ausschließlich aus Gerüchten und Erzählungen, die innerhalb der Gemeinschaft der Vykati kursierten. Und diese zeichneten ein eindeutiges Bild: Es war besser, sich von diesen minderwertigen Geschöpfen fernzuhalten.
Tarodastrus stieß einen leisen Laut der Ungeduld aus und stapfte weiter.
Hätte Sadothus den Ort nicht etwas genauer beschreiben können?, dachte er mit einem Anflug von Verärgerung. Sein Freund war doch sonst immer so sorgfältig.
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Nach dessen Angaben hätte er vom magischen Knollenpunkt, an dem ihn sein Zeitdurchbrechungs-Amulett abgesetzt hatte, lediglich ziemlich genau in Richtung Südosten gehen müssen. Nach etwa zwanzig Minuten, so hatte Sadothus versichert, würde er unweigerlich auf die gesuchte Stelle stoßen. Tarodastrus hatte sich exakt an diese Anweisung gehalten. Doch von einem gewaltigen, mit rotem Moos bewachsenen Steinquader fehlte jede Spur.
Wie, bei allen existierenden Lichtwesen, sollte er diesen Ort kartographieren, wenn er ihn nicht einmal fand?
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Tarodastrus war mit dem Zeitduchbrechungs-Amulett in diese entfernte Gegend Vanavistarias gereist.
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Es war nicht das erste Mal, dass Sadothus ihn mit einer Kartographierung beauftragt hatte. Immer dann, wenn unklar war, ob die Bergung eines magischen Artefakts gefahrlos möglich sein würde, bat er Tarodastrus darum, das Gebiet zunächst gründlich zu untersuchen. Er wusste, dass sein Freund mit äußerster Sorgfalt arbeitete und selbst kleinste Auffälligkeiten bemerkte.
Wenn Tarodastrus eine Bergung für ungefährlich erklärte, konnte Sadothus sich darauf verlassen. Genauso ernst nahm er seine Warnungen, wenn ein Artefakt besser im Boden verbleiben oder bei der Hebung besondere Vorsicht geboten sein sollte.
Sadothus vertraute seinem Urteil blind – und Tarodastrus wusste dieses Vertrauen zu schätzen. Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Auch er hätte seinem Freund jederzeit sein Leben anvertraut. Schließlich war es Sadothus gewesen, der ihm als Kind tatsächlich das Leben gerettet hatte.
Frustriert über seine erfolglose Suche ließ Tarodastrus seine Gedanken abschweifen. Unwillkürlich kehrten sie zu ihrer ersten Begegnung zurück.
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Tarodastrus war im Alter von sieben Jahren von einer Jada-Eiche gefallen und hatte sich den Knöchel gebrochen.
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Er sah sich wieder als Siebenjährigen auf dem Waldboden sitzen, den Knöchel gebrochen, nachdem er von einer Jada-Eiche gestürzt war.
Damals hatte er keine Freunde gehabt. Er war schüchtern gewesen, und die anderen Kinder hatten ständig verlangt, dass er ihnen die Lichtmagie zeigte, die seit seiner Geburt in ihm schlummerte. Doch das konnte er nicht.
Deshalb verspotteten sie ihn häufig. Manchmal bewarfen sie ihn sogar mit Steinen, weil sie hofften, auf diese Weise die Lichtmagie in ihm zu erwecken.
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So war Tarodastrus oft allein durch den Glorienhain gestreift, jenen kleinen Wald am Rand der Reichsglorie, den die Vykati einst mithilfe ihrer Magie hatten wachsen lassen.
Dort war er auf eine Jada-Eiche geklettert, hatte den Halt verloren und war abgestürzt.
Er erinnerte sich noch genau an das knackende Geräusch und den stechenden Schmerz, der ihm wie ein Blitz durch den Fuß geschossen war. Auftreten konnte er danach nicht mehr.
Und als wäre das nicht schon schlimm genug gewesen, war kurz darauf ein schwarzer Biladi aus dem Unterholz geschlichen – eine dürre, mittelgroße Raubkatze, die normalerweise als scheu galt. Dieser Biladi schien jedoch zu glauben, in dem verletzten Jungen leichte Beute gefunden zu haben.
Tarodastrus hatte das Tier angeschrien und mit Eicheln beworfen. Beeindrucken ließ es sich davon allerdings nicht. Vorsichtig sondierte es die Umgebung, als wollte es ausschließen, dass sich noch jemand in der Nähe befand. Offenbar kam es zu dem Schluss, dass keine weitere Gefahr drohte.
Noch heute sah Tarodastrus den Biladi vor seinem inneren Auge, wie er sich duckte und zum Sprung ansetzte. Damals hatte sich der Siebenjährige innerlich bereits auf die scharfen Krallen vorbereitet, die sich jeden Augenblick in seinen Körper schlagen würden.
Doch plötzlich war aus dem Nichts ein schwarzhaariger Junge herangestürmt. Laut brüllend und wild mit den Armen fuchtelnd warf er sich zwischen Tarodastrus und das Raubtier.
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So trafen die Krallen nicht Tarodastrus, sondern den fremden Jungen, der ungefähr in seinem Alter war.
Ein kurzer, heftiger Kampf entbrannte. Der Junge musste mehrere tiefe Kratzer an Armen und Beinen einstecken, bis der Biladi schließlich die Flucht ergriff.
Kaum war das Tier verschwunden, drehte sich der Fremde zu Tarodastrus um. Sein Gesicht war voller Kratzer, Blut lief ihm über Arme und Beine. Dennoch grinste er über das ganze Gesicht.
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Ein fremder Junge hatte sich damals zwischen Tarodastrus und den Biladi geworfen.
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„Das gibt vielleicht eine Geschichte! Wenn ich die erzähle, habe ich natürlich nicht gegen einen mickrigen Biladi gekämpft, sondern gegen einen riesigen, turmhohen schwarzen Vilapado!“
Er lachte schallend los.
Tarodastrus, dessen Herz noch immer bis zum Hals schlug und dessen Fuß höllisch schmerzte, konnte gar nicht anders, als erleichtert mitzulachen.
„Ich bin Sadothus.“
Der Junge streckte ihm die Hand entgegen.
Vorsichtig erwiderte Tarodastrus den Händedruck. Schlechte Erfahrungen hatten ihn gelehrt, seinen Namen nicht allzu schnell preiszugeben.
Schließlich murmelte er: „Ich heiße Tarodastrus.“
„Ist nicht wahr!“
Sadothus riss verblüfft die Augen auf.
„Der Hüter des Lichtes? Das macht die Geschichte ja noch viel besser! Darf ich erzählen, dass der Vilapado dich schon zwischen den Zähnen hatte und ich dich mit letzter Kraft aus seinem Maul gerissen habe?“
Tarodastrus nickte unsicher.
Unwillkürlich wartete er darauf, dass nun die unvermeidliche Frage kam, warum seine Lichtmagie ihn nicht beschützt hatte. Doch stattdessen rief Sadothus lediglich begeistert: „Magisch!“
Dabei strahlte er ihn an, als gäbe es überhaupt nichts Merkwürdiges daran.
Dann wurde er ernst. „;Kannst du aufstehen?“, fragte er besorgt.
Tarodastrus versuchte es, doch der Schmerz ließ ihn sofort wieder zusammensacken.
„Dann helfe ich dir.“ Ohne zu zögern zog Sadothus ihn hoch und stützte ihn.
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Sadothus hatte Tarodastrus damals nach Hause geschleppt.
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Gemeinsam machten sie sich langsam auf den Rückweg zur Reichsglorie.
Nach einer Weile fragte Tarodastrus schüchtern: „Wunderst du dich gar nicht, dass die Lichtmagie nicht aus mir herausgebrochen ist?“
Sadothus zuckte, so gut es mit Tarodastrus' Gewicht an seiner Seite möglich war, die Schultern. „Vielleicht funktioniert sie gar nicht, wenn du selbst in Gefahr bist“, meinte er. „Vielleicht kommt sie nur, wenn du andere beschützen musst.“
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Dann grinste er. „Wir können das ja mal ausprobieren. Ich breche mir den Fuß, und du wirfst dich zwischen mich und einen Biladi.“
Wieder mussten beide lachen.
Sadothus brachte ihn nach Hause. Anschließend begleitete Tarodastrus' Vater den verletzten Jungen zu dessen Eltern und erzählte ihnen von den heldenhaften Tat ihres Sohnes.
Von diesem Tag an waren sie Freunde.
Tarodastrus hätte sich keinen besseren wünschen können.
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Wann immer andere Kinder ihn verspotteten oder angriffen, stellte Sadothus sich ohne zu zögern auf seine Seite. Mit der Zeit wurden sie zu einem unzertrennlichen Team. Vielleicht auch deshalb, weil Sadothus selbst keine Freunde zu haben schien.
Als Tarodastrus ihn später einmal vorsichtig darauf ansprach, zuckte er nur verlegen mit den Schultern.
„Die anderen Kinder mögen mich nicht“, sagte er leise. „Sie finden mich seltsam, weil ich ständig nach magischen Steinen suche.“
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Wann immer nun die anderen Kinder Tarodastrus ärgerten, stellte sich Sadothus stets vor ihn.
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Doch schon im nächsten Augenblick hellte sich sein Gesicht auf. „Wenn ich groß bin, werde ich ein berühmter magischer Archäologe und finde jede Menge magische Artefakte. Du wirst schon sehen! Ich werde bestimmt noch berühmter als du!“
Eine leise Wärme breitete sich in Tarodastrus aus, als er sich an dieses Gespräch erinnerte − ein Gefühl, das er nicht haben sollte. Doch er konnte es nicht unterdrücken.
Sadothus hatte seinen Traum tatsächlich verwirklicht und war magischer Archäologe geworden. Dass er eines Tages berühmter werden würde als Tarodastrus, erschien allerdings wenig wahrscheinlich.
Tarodastrus war der einzige Hüter des Lichtes in ganz Vanavistaria. Sein Name war praktisch jedem Wesen bekannt – vermutlich sogar weit über das Gebiet der Vykati hinaus, lange schon, bevor er selbst überhaupt wusste, wie er hieß.
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Tarodastrus dachte an seinen Freund Sadothus, der ein erfolgreicher magischer Archäologe geworden war.
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