zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnisA 1) Der Silberwindhain


Der Silberwindhain

In diesem Teil des lichtdurchfluteten Waldes Vanavistarias war Tarodastrus noch nie gewesen, daher kannte sich der 32jährige Vykati hier auch nicht wirklich aus.

Dieser Abschnitt, der Silberwindhain genannt wurde, lag auf dem Gebiet der Waldgeister, nicht in dem seines eigenen Volkes. Aber das hatte seinen Freund Sadothus, einen 33jährigen Vykati und magischen Archäologen, nicht davon abhalten können, hier nach seltenen magischen Artefakten zu suchen. Schließlich war er ein Vykati, und Vykati hielten sich nicht an vorgegebene Grenzen!

Vykati waren das magisch mächtigste Landvolk Vanavistarias − lediglich die Flussgeister verfügten über eine ähnliche magische Macht −, und von daher ließen sie sich nicht viel von anderen Völkern sagen − schon gar nichts von den grünen Waldgeistern, die, wie man wusste, nicht mit großer Intelligenz ausgestattet waren und zudem wie Tiere in Waldhöhlen hausten.

Tarodastrus, der Vykati, kannte diesen Teil des Waldes Vanavistarias nicht.

Was sollten diese grünen Wesen auch schon mit einem magischen Artefakt anfangen können? Sie würden sicherlich nicht einmal bemerken, wenn die Vykati dieses in einer Nacht- und Nebelaktion heimlich aus ihrem Boden entwenden würden, zumal gerade das Team um Sadothus die Fähigkeit perfektioniert hatte, den Boden so zu hinterlassen, wie sie ihn vorgefunden hatten − lediglich das magische Artefakt wäre dann verschwunden.

Tarodastrus sah sich frustriert um. Er war nun schon seit einer Stunde auf der Suche nach der Stelle, die Sadothus ihm beschrieben hatte: vier dicke Jada-Eichen, umringt von einigen großen Bimara-Buchen, in deren Nähe ein großer Fels mit rotem Moos liegen sollte. So schwer sollte doch so ein außergewöhnlicher Platz nicht zu finden sein, dachte er und hoffte, dass ihm keines dieser hier lebenden Wesen über den Weg lief. Darauf konnte er wahrlich verzichten!

Denn Tarodastrus würde mit seiner hellen, rosafarbenen Haut und den kleinen, runden Ohren sehr schnell auffallen, das wusste er. Auch seine langen, mittelbraunen, gewellten Haare und sein kurzer Bart in der gleichen Farbe würden ihn als Fremden kennzeichnen, denn an Waldgeistern, so wusste man, war alles grün: grüne Haut, grüne Haare, grüne Augen.



Tarodastrus hoffte, nicht auf ein paarungswütiges Waldgeistexemplar zu stoßen.

Da Waldgeister zudem auch in der Regel nackt herumliefen, wie man sich erzählte, und immer auf der Suche nach einem Sexualpartner waren, mit dem sie sich den ganzen Tag über paaren konnten, würde er auch schon durch seine schwarze Tunika und seine schwarzen, eng anliegenden Beinkleider mit den hohen, dunkelbraunen Lederstiefeln aus dem Rahmen fallen.

Nein, einem dieser grünen Wesen wollte er auf keinen Fall begegnen! Wer wusste schon, wie kräftig diese waren und ob er sie sich, trotz seiner Größe von knapp sechs Fuß und seines athletischen Körperbaus, vom Leib halten konnte!

Der Vykati hatte hier auf dem Gebiet der Waldgeister ohnehin eigentlich nichts verloren, und er wusste nicht, wie die hier beheimateten Wesen einen Eindringling aufnehmen würden.

Seit der Zeit des großen Zerwürfnisses vor knapp eintausend Jahren lebte jedes magische Volk isoliert in einem eigenen Gebiet, das ihm damals von den Elfen zugewiesen worden war. Soweit Tarodastrus wusste, hielten sich auch alle magischen Völker an diese Grenzen − bis auf die Vykati. Lediglich sein Volk weitete seine Tätigkeit bisweilen auf die fremden Territorien aus, allerdings vermied es wenn möglich, jeglichen Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Somit kursierten nur diverse Gerüchte und Geschichten über die anderen magischen Völker innerhalb der Gemeinschaft der Vykati, und diese machten nur deutlich, dass es ratsam war, auch weiterhin jeglichen Kontakt zu diesen minderwertigen Geschöpfen zu vermeiden.

Tarodastrus stieß einen leisen Laut der Ungeduld aus und stapfte weiter. Hätte Sadothus ihm nicht eine präzisere Ortsangabe geben können?, dachte er mit einem Anflug von Verärgerung. Sein Freund war doch sonst auch sorgfältiger.

Tarodastrus sollte, wie Sadothus ihm mitgeteilt hatte, von dem magischen Knollenpunkt aus, an dem er mit seinem Zeitdurchbrechungs-Amulett angekommen war, ziemlich genau in Richtung Südosten laufen, dann würde er nach rund zwanzig Minuten unweigerlich zu dem gesuchten Ort kommen.

Er hatte sich exakt an diese Anweisung gehalten, aber diesen mit roten Moos bewachsenen Steinquader hatte er nicht entdecken können.

Wie, bei allen existierenden Lichtwesen, sollte er diesen Ort kartographieren, wenn er ihn nicht einmal fand?



Tarodastrus war mit dem Zeitduchbrechungs-Amulett in diese entfernte Gegend Vanavistarias gereist.

Wie immer hatte Sadothus, wenn er Zweifel hatte, ob die Bergung eines Artefaktes ohne Gefahren möglich war, seinen Freund mit der Kartographierung des Ortes beauftragt. Er wusste, Tarodastrus arbeitete gründlich-akkurat und achtete auf jede Kleinigkeit. Wenn Tarodastrus ihm sagte, dass eine Bergung gefahrlos sei, dann konnte man sich darauf verlassen, aber ebenso auch, wenn dieser ihm mitteilte, dass das Artefakt besser im Boden verbleiben sollte oder bei der Hebung auf bestimmte Gefahrenquellen zu achten wäre. Sadothus vertraute Tarodastrus blind, was dieser auch zu schätzen wusste. Allerdings bestand dieses Vertrauen auf Gegenseitigkeit. Auch Tarodastrus würde Sadothus sein Leben anvertrauen, hatte der ihm doch einst in Kindertagen seines tatsächlich gerettet.

Frustriert über die erfolglose Suche ließ Tarodastrus seine Gedanken abschweifen – zurück zu seiner ersten Begegnung mit Sadothus...



Tarodastrus war im Alter von sieben Jahren von einer Jada-Eiche gefallen und hatte sich den Knöchel gebrochen.

Er sah sich als Siebenjähriger auf dem Boden hocken, mit einem gebrochenen Knöchel, weil er von einer Jada-Eiche gefallen war.

Damals hatte er keine Freunde gehabt, weil er ein wenig schüchtern war und die anderen Kinder immer wollten, dass er ihnen die Lichtmagie zeigte, die seit seiner Geburt in ihm schlummerte. Doch das konnte er nicht. Daher wurde er von den anderen Kindern oft verspottet, manchmal sogar mit Steinen beworfen, weil sie hofften, so die Lichtmagie in ihm zu wecken.

Dementsprechend war Tarodastrus meist allein durch den Glorienhain gestreift, jenen kleinen Wald, den die Vykati mithilfe ihrer Magie am Rand der Reichsglorie in der kargen Felsenlandschaft hatten wachsen lassen, der Hauptstadt des Vykatigebiets, in der er aufgewachsen war.

An jenem Tag war er auf eine Jada-Eiche geklettert, hatte den Halt verloren und war hinabgestürzt. Er hatte es knacken hören, und ein blitzartiger, stechender Schmerz war ihm in den Fuß geschossen. Mit diesem Fuß konnte er nicht mehr auftreten − und zu allem Übel schlich sich dann auch noch ein schwarzer Biladi heran, eine dieser dürren, mittelgroßen, wilden Raubkatzen, die eigentlich ziemlich feige waren. Aber dieser Biladi dachte wohl, dass er in dem verletzten Jungen eine leichte Beute finden würde.

Tarodastrus schrie das Tier an und bewarf es mit Eicheln, doch wirklich beeindrucken ließ sich der Biladi dadurch nicht. Er schien beim Heranschleichen die Gegend zu sondieren, ob sich irgendwo noch eine Gefahr verbarg, und kam wohl zu dem Schluss, dass er es mit keinem weiteren Gegner zu tun hatte.

Tarodastrus sah noch immer vor seinem geistigen Auge, wie der Biladi sich duckte und zum Sprung ansetzte. Innerlich hatte sich der Siebenjährige damals auf die scharfen Krallen eingestellt, die sich gleich in seinen Körper schlagen würden.

Doch wie aus dem Nichts kam plötzlich ein brüllendes und mit den Armen fuchtelndes schwarzhaariges Etwas angeprescht und stellte sich zwischen ihm und dem Biladi.

Somit bekam nicht Tarodastrus die Krallen ab, sondern der fremde Junge, als was sich das Etwas herausstellte, und der in etwa so alt war wie Tarodastrus. Es gab einen kurzen, heftigen Kampf, bei dem der fremde Junge diverse Kratzer einstecken musste, doch dann floh das Tier.

Als der Biladi nicht mehr zu sehen war, drehte sich der Junge mit einem sehr zerkratzten Gesicht sowie blutenden Armen und Beinen zu Tarodastrus um, grinste ihn breit an und meinte vergnügt: „Das gibt eine Geschichte, wenn ich die erzähle! Dann habe ich nicht nur gegen einen mickrigen Biladi gekämpft, sondern gegen einen riesigen, turmhohen, schwarzen Vilapado!“



Ein fremder Junge hatte sich damals zwischen Tarodastrus und den Biladi geworfen.

Der Junge lachte laut auf, Tarodastrus, dessen Herz immer noch bis zum Hals pochte und dessen Fuß von Schmerzen gepeinigt wurde, hatte einfach in das Lachen mit einstimmen müssen, so erleichtert war er über seine Rettung.

„Ich bin Sadothus“, hatte sich der Junge anschließend vorgestellt und ihm die Hand gereicht.

Tarodastrus war vorsichtig, hatte er doch keine guten Erfahrungen mit anderen Kindern gemacht, wenn er ihnen verriet wer er war. Daher zögerte er zunächst, antwortete aber schließlich doch leise: „Ich heiße Tarodastrus.“

„Ist nicht wahr!“, hatte Sadothus verblüfft ausgerufen. „Der Hüter des Lichtes! Das gibt ja noch eine viel prächtigere Geschichte! Darf ich erzählen, dass der Vilapado dich schon zwischen den Zähnen hatte und ich dich mit aller Macht aus dem Maul des Viehs herausreißen musste?“

Tarodastrus nickte und wartete darauf, dass Sadothus fragte, warum aus ihm nicht die Lichtmagie herausgebrochen sei. Doch stattdessen rief dieser nur begeistert: „Magisch!“ und strahlte ihn an.

Schließlich wurde er ernst. „Kannst du aufstehen?“, fragte er mit besorgter Miene. Tarodastrus versuchte es, aber der Fuß schmerzte zu sehr.

„Soll ich dir helfen?“, hatte Sadothus gefragt, und als Tarodastrus nickte, half ihm der Junge auf und stützte ihn beim Gehen.



Sadothus hatte Tarodastrus damals nach Hause geschleppt.

Langsam waren sie durch den Wald in Richtung der Reichsglorie gelaufen. Irgendwann hatte Tarodastrus schüchtern gefragt: „Wunderst du dich nicht, dass die Lichtmagie nicht aus mir herausgebrochen ist?“

Sadothus zuckte, so weit es ihm mit der Last auf den Schultern möglich war, die Achseln und sagte: „Vermutlich kommt sie nicht, wenn du selbst in Gefahr bist, sondern nur, wenn du andere schützen musst.“ Dann grinste er ihn von der Seite an und meinte: „Wir können ja mal ausprobieren, ob sie kommt, wenn ich mir den Fuß gebrochen habe und du dich zwischen mir und einen Biladi wirfst.“

Wieder mussten beide lachen. Sadothus hatte Tarodastrus nach Hause geschleppt, und sein Vater hatte dann Sadothus zu seinen Eltern begleitet, um ihnen die Geschichte von der heldenhaften Tat ihres Sohnes zu erzählen.

Seither waren sie Freunde, und Tarodastrus konnte sich keinen besseren Freund vorstellen. Immer, wenn ihn danach Kinder geärgert hatten, hatte sich Sadothus auf seine Seite gestellt und ihn gegen jegliche Art von Angriff verteidigt. So waren sie mit der Zeit zu einem festen Team geworden, zumal Sadothus auch keine Freunde zu haben schien.

Als Tarodastrus Sadothus später etwas scheu darauf ansprach, hatte dieser nur verlegen mit den Schultern gezuckt. „Die anderen Kinder mögen mich nicht“, hatte er leise gesagt. „Die finden mich seltsam, weil ich immer nach magischen Steinen suche.“



Wann immer nun die anderen Kinder Tarodastrus ärgerten, stellte sich Sadothus stets vor ihn.

Plötzlich hatte sich sein Gesicht aufgehellt, Tarodastrus angestrahlt und gemeint: „Wenn ich groß bin, dann werde ich ein berühmter magischer Archäologe, der ganz viele magische Artefakte finden wird. Du wirst sehen. Ich werde total berühmt werden, bestimmt noch berühmter als du!“

Tarodastrus fühlte eine innere Wärme in sich aufsteigen, als er sich nun an diesen Dialog erinnerte. Ja, dachte er, Sadothus war in der Tat magischer Archäologe geworden, allerdings war die Wahrscheinlichkeit gering, dass er eines Tages Tarodastrus' Berühmtheit überflügeln würde.

Schließlich war Tarodastrus der einzige Hüter des Lichtes in ganz Vanavistaria und jedes Wesen, möglicherweise über das Gebiet der Vykati hinaus, kannte seinen Namen, seit er geboren war − sogar noch, bevor er selbst wusste, wie er hieß.



Tarodastrus dachte an seinen Freund
Sadothus, der ein erfolgreicher magischer
Archäologe geworden war.
Tarodastrus'
Perspektive

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