zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnis1d) Skukius


Skukius

Am nächsten Morgen trat Meister Lehakonos an eines der Fenster seines Studierzimmers, öffnete es und sprach: „Maheravo, Skukius!“

Mit diesem Zauberwort bat er den Korvum-Raben Skukius zu sich, denn er wollte so schnell wie möglich die Zaubergemeinschaft zusammenrufen.

Skukius flog nicht nur schnell wie ein Pfeil und lautlos durch die Luft, er besaß auch eine durchdringende Stimme und beherrschte die Sprache der Zauberwesen. Damit war er der ideale Bote, wenn möglichst viele Wesen gleichzeitig erreicht werden sollten.

Während der alte Lehrmeister auf das Erscheinen des Raben wartete, bereitete er sich gedanklich auf seine Rede vor der Zaubergemeinschaft vor.

Am Morgen rief Meister Lehakonos Skukius, den Korvum-Raben, herbei.

Kurze Zeit später landete Skukius auf dem Fensterbrett und sah Meister Lehakonos erwartungsvoll an. Seine bunte Federkrone, die ihn von allen anderen Korvum-Raben unterschied, wippte dabei aufgeregt auf und ab.

Skukius liebte es, Botenflüge für Meister Lehakonos zu übernehmen. Denn als Belohnung nahm sich der alte Lehrmeister anschließend stets Zeit, mit dem Raben über magische Angelegenheiten zu philosophieren.

Meister Lehakonos hatte schon früh das außergewöhnliche intellektuelle Potenzial erkannt, das in Skukius schlummerte. Noch heute erinnerte er sich genau an den Tag, an dem ihm der schwarz schimmernde Vogel mit seiner bunten Federkrone zum ersten Mal aufgefallen war.



Meister Lehakonos unterrichtete damals die Magie der Schatten, als ihm Skukius im Baum auffiel.

Der Lehrmeister hatte gerade eine Schar junger Zauberwesen im Wald des Zentrums der Hellen Magie unterrichtet und sie in die Magie der Schatten eingeführt, als er den Vogel auf einem Ast des Baumes entdeckte, unter dem sein Unterricht stattfand. Der seltsame Rabe schien jedes seiner Worte aufmerksam zu verfolgen. Dabei hatte er den Kopf schief gelegt und beobachtete genau, was der Lehrmeister tat.

Meister Lehakonos hatte sich nichts anmerken lassen und so getan, als würde er den Raben nicht beachten. Dennoch behielt er ihn verstohlen die ganze Zeit im Auge.

Als er am nächsten Tag die jungen Zauberwesen weiter in die Magie der Schatten einführte, war der Vogel wieder in der Nähe. Er schien erneut aufmerksam zuzuhören und genau zu beobachten, was geschah.

Ein solches Verhalten war für einen Vogel durchaus ungewöhnlich − selbst für einen Vertreter der Korvum-Raben. Diese galten zwar als recht intelligent und beherrschten die Sprache der Zauberwesen, wurden jedoch keineswegs als besonders intellektuell angesehen.

Meister Lehakonos sprach die anderen Lehrmagier auf seine Beobachtung an. Einige von ihnen hatten den Vogel ebenfalls schon bemerkt, doch keinem war aufgefallen, dass er ihrem Unterricht zu folgen schien.

Jadoruc, der sehr beleibte Vykati und Oberste Schriftgelehrte der Dunklen Magie, horchte sofort auf. Er wurde stets misstrauisch, sobald etwas Ungewöhnliches geschah.

„Was habt Ihr gerade gesagt, Meister Lehakonos?“, fragte er entsetzt. „Erzähltet Ihr gerade von einem Korvum-Raben, der Eurem Unterricht folgt?“

Meister Lehakonos nickte.

„Den solltet Ihr ganz schnell verjagen!“, riet Jadoruc eindringlich. „Es gibt keine Vögel, die von sich aus einen Unterricht besuchen. Er kann nur von einem dunklen Magier geschickt worden sein, der versucht, unsere Magie auszuspionieren. Ihr solltet in den nächsten Tagen tatsächlich sehr vorsichtig damit sein, was Ihr Euren Schützlingen beibringt!“



Jadoruc, der äußerst beleibte Vykati, war stets sehr misstrauisch.

Meister Lehakonos kannte den überaus vorsichtigen Charakter des Vykati. Er schätzte Jadorucs Meinung normalerweise sehr, doch in diesem Fall erschien ihm das Risiko vergleichsweise gering.

Also beschloss er, den Raben zu testen.

Bei der nächsten Unterrichtsstunde ließ er absichtlich sein Visoskop zu Hause und tat so, als würde er den Korvum-Raben auf dem Baum ganz zufällig entdecken.

„Ah, Korvum-Rabe, es trifft sich gut, dass du gerade in der Nähe bist“, rief der alte Lehrmeister und winkte den Vogel zu sich. „Du müsstest mir einmal kurz etwas holen. Wie heißt du?“

Skukius nannte ihm seinen Namen, woraufhin Meister Lehakonos erklärte, dass er sein Visoskop benötigte.

Da er das Instrument in den vergangenen Tagen immer wieder eingesetzt hatte und davon ausging, dass der Vogel ihm dabei aufmerksam zugesehen hatte, beschrieb er das Aussehen des Visoskops absichtlich falsch.



Meister Lehakonos hatte damals zwei ähnlich aussehende Instrumente auf seinen Schreibtisch gestellt.

Bewusst hatte er an diesem Morgen zwei ähnliche Instrumente auf seinen Tisch gelegt. Sollte seine Vermutung stimmen und Skukius seinem Unterricht tatsächlich aufmerksam gefolgt sein, würde der Rabe trotz der falschen Beschreibung das richtige Instrument auswählen.

Und Skukius enttäuschte ihn nicht.

Wie Meister Lehakonos vermutet hatte, brachte ihm der Rabe das richtige Instrument. Der alte Lehrmeister ließ sich nichts anmerken, dankte Skukius und setzte seinen Unterricht fort.

Am Abend rief Meister Lehakonos Skukius an das Fenster seines Studierzimmers. Der Rabe ging davon aus, einen weiteren Botengang für den alten Lehrmeister zu übernehmen, und war überrascht, als dieser ihn bat, sich auf einer Stuhllehne in seinem Studierzimmer niederzulassen.

Als Meister Lehakonos das Fenster hinter ihm schloss, stieg ein leises Gefühl der Panik in Skukius auf.

Der Hohenmagier nahm ihm gegenüber in seinem Sessel Platz und sah den Raben freundlich lächelnd an. Zunächst tat er nichts, denn er ahnte, dass Skukius erst einmal Vertrauen zu ihm fassen musste.

Als der Rabe bemerkte, dass der Lehrmeister einfach ruhig sitzen blieb und ihn freundlich anlächelte, beruhigte er sich allmählich.

Von seinem Sitzplatz aus ließ er den Blick durch Meister Lehakonos' Studierzimmer schweifen. Die unzähligen Bücher, Schriften und Artefakte beeindruckten ihn zutiefst.

Wie gerne hätte er all dieses Wissen studiert! Doch als Vogel war es ihm nicht vergönnt, in die Welt der Magie einzudringen.



Meister Lehakonos wollte von Skukius wissen, warum dieser sich so für den Unterricht interessierte.

Schließlich seufzte er und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Meister Lehakonos zu. Dieser lächelte noch immer, doch sein Blick war nun intensiver geworden.

Skukius wurde wieder nervös.

Endlich sprach der alte Lehrmeister ihn sanft an: „Mir ist aufgefallen, Skukius, dass du meinen Unterricht aufmerksam verfolgst.“

Skukius erschrak. Die Magier mochten keinen Vogel, der sich für ihren Unterricht interessierte. Wie oft hatten ihn andere Magier bereits vertrieben, wenn er sich ihnen zu sehr genähert hatte, um besser zuhören zu können!

Heftig schüttelte Skukius den Kopf.

„Nein!“, beeilte er sich zu sagen. „Ich war heute Morgen nur rein zufällig auf dem Baum, unter dem Ihr unterrichtet habt!“

„Ach, Skukius“, erwiderte Meister Lehakonos noch immer freundlich, „das waren an mehreren Tagen aber ziemlich viele Zufälle. Ich habe dich beobachtet und gesehen, wie sehr du dich für meinen Unterricht interessierst. Heute Morgen hast du sogar das richtige Instrument gebracht, obwohl ich dir das Visoskop absichtlich falsch beschrieben hatte. Warum hast du solche Angst davor zuzugeben, dass du gerne an meinem Unterricht teilnehmen würdest?“

Skukius sah den alten Lehrmeister weiterhin vorsichtig an. Doch dieser wirkte keineswegs verärgert. Im Gegenteil, sein Blick war interessiert, und noch immer lag ein mildes Lächeln auf seinem Gesicht.



Skukius erzählte damals von seinem großen Wunsch, Teil der Zaubergemeinschaft werden zu wollen.

Da konnte Skukius sich nicht länger zurückhalten. Er erzählte Meister Lehakonos von seinem großen Wunsch, Teil der Zaubergemeinschaft zu werden, obwohl es ihm als Vogel nicht möglich war.

„Aber warum solltest du als Vogel nicht Teil der Zaubergemeinschaft werden können, wenn du über Magie verfügst?“, fragte Meister Lehakonos überrascht.

„Weil ich keine Hände habe“, erklärte Skukius traurig.

Meister Lehakonos war so verwirrt, dass ihm zunächst die Worte fehlten.

Schließlich fragte er: „Warum sollte das ein Ausschlusskriterium dafür sein, dich in die Zaubergemeinschaft aufzunehmen?“

Skukius seufzte.

„Ich sehe doch, dass Eure Magie in erster Linie über die Hände erfolgt. Ihr berührt Bäume mit den Händen und heilt sie. Ihr berührt den Boden mit den Händen und spürt seine Magie. Ihr taucht die Hände in das Wasser und harmonisiert die Bewegung des Flusses.“

Meister Lehakonos sah Skukius mild lächelnd an.

„Du kannst deine Flügel an den Baum, in den Fluss halten und auf den Boden legen. Und wenn du etwas greifen musst, hast du deinen Schnabel, den du einsetzen kannst. Es spricht nichts dagegen, dich in die Zaubergemeinschaft aufzunehmen. Wenn du Interesse an meinem Unterricht hast und die nötige Magie mitbringst, darfst du gerne daran teilnehmen.

Ich werde dir morgen zwei junge Zauberwesen vorstellen, die sich deiner annehmen und mit denen du zusammenarbeiten kannst, wann immer du Hilfe benötigst.“



Meister Lehakonos hatte den Korvum-Raben damals der 15järigen Pranicara und dem 14jähring Rafyndor anvertraut.

Skukius konnte sein Glück kaum fassen. Ein Magier bot ihm als Vogel an, an seinem Unterricht teilzunehmen, und wollte ihn sogar in die Zaubergemeinschaft aufnehmen.

Der Rabe wusste kaum, wohin mit seiner Freude über dieses unglaubliche Angebot.



Meister Lehakos erinnerte sich, wie damals Skukius' Federkrone plötzlich magisch zu leuchten begonnen hatte.

Da begann plötzlich seine leuchtend bunte Federkrone zu strahlen und ein magisches Licht auszusenden.

Meister Lehakonos beobachtete das Geschehen mit Faszination.

Doch offenbar war auch Skukius selbst völlig überrascht. Kaum hatte er das magische Licht wahrgenommen, erlosch es wieder.

„Was war das?“, fragte der Vogel erschrocken.

Meister Lehakonos lächelte den Korvum-Raben sanft an.


„Mein lieber Skukius, in dir scheint mehr Magie zu stecken, als ich zunächst geahnt habe. Ich denke, du wirst ein sehr würdiges und auch wertvolles Mitglied der Zaubergemeinschaft werden. Allerdings musst du, bevor ich dich an meinem Unterricht teilnehmen lassen darf, zunächst den Schwur des Lichtes leisten. Mit diesem Schwur verpflichtest du dich, stets nur helle Magie anzuwenden und gegen jegliche Form der dunklen Magie vorzugehen. Bist du dazu bereit?“

Skukius nickte heftig.

Der alte Lehrmeister öffnete die oberste Schublade seines Schreibtisches und holte ein kreisrundes, goldenes Amulett hervor. Auf seiner Oberfläche waren konzentrische Kreise zu erkennen, in deren Zentrum eine leuchtende Kugel schimmerte. Nachdenklich betrachtete er das Amulett in seiner Hand.

„Die jungen Zauberwesen müssen bei dem Schwur“, erklärte Meister Lehakonos nachdenklich, „immer den Solaris-Glanzstein mit der Hand umschließen. Ich denke, wenn ich ihn dir umhänge, wird er eine ähnliche Wirkung haben.“

Aufmunternd lächelte er Skukius an.

Vorsichtig legte er dem Korvum-Raben die Kette um den Hals und wies ihn anschließend an: „Sprich mir bitte nach:

Inmitten des strahlenden Lichts und der Reinheit des Universums, schwöre ich, Skukius, meinen Eid. Ich verpflichte mich feierlich, ausschließlich helle Magie zu praktizieren und gegen jede Form dunkler Magie zu wirken. Mein Licht soll die Dunkelheit vertreiben und Gutes in der Welt verbreiten, im Dienste des Gleichgewichts und des Wohlbefindens aller.

Skukius wiederholte freudig erregt jedes Wort, das Meister Lehakonos ihm langsam vorsprach, und wurde damit zu einem vollwertigen magischen Schüler.



Skukius bekam damals, als er den Lichtschwur sprach, den Solaris-Glanzstein um den Hals gehängt.

Am nächsten Tag nahm der alte Lehrmeister Rafyndor und Pranicara, inzwischen Jugendliche mit einer ganz besonderen Begabung im Umgang mit Tieren, zur Seite und vertraute ihnen Skukius an.

Von diesem Tag an saß der Korvum-Rabe im Unterricht bei Meister Lehakonos zwischen Rafyndor, Pranicara und Lililja und wurde in der Magie der Naturverbundenheit unterwiesen.

Die anderen Lehrmeister belächelten Meister Lehakonos' Entscheidung und hielten es für eine Marotte des Hohenmagiers, auch Wesen zu unterrichten, die niemals Magier werden konnten.



Jadoruc wiederholte noch mehrmals seine Warnung vor dem Korvum-Raben.

Jadoruc hingegen sah in dem wissbegierigen Korvum-Raben weiterhin eine große Gefahr und wiederholte noch mehrmals die Warnung, die er dem alten Lehrmeister bereits ganz zu Beginn gegeben hatte: „Der Korvum-Rabe wurde gewiss von einem dunklen Magier geschickt, um Euch auszuspionieren! Seid auf der Hut!“

Seither waren einige Jahre vergangen. Skukius hatte im Unterricht vieles von Meister Lehakonos gelernt, doch seine Wissbegierde war niemals wirklich gestillt worden.

Als der alte Lehrmeister ihm schließlich anbot, ihn als seinen privaten Botenflieger zu engagieren und ihn für seine Dienste mit ausführlichen Gesprächen über magische Themen zu entlohnen, nahm Skukius das Angebot nur allzu gerne an.

Und so saß er nun mit wippender Federkrone auf dem Fensterbrett und wartete geduldig auf den Auftrag, den Meister Lehakonos ihm geben würde.


Skukius wartete auf seinen Auftrag.

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