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Rückkehr

Auf dem Weg zurück zum Zentrum der Hellen Magie unterhielten sich Pranicara und Rafyndor über Lililja. Rafyndor fühlte sich endlich wieder frei. Ein großer, schwerer Stein hatte auf seiner Seele gelegen, und Pranicara hatte ihn regelrecht zertrümmert.

In seinem Gefühlschaos hatte er zunächst gar nicht richtig erkannt, dass seine größte Sorge darin bestanden hatte, Lililja könnte etwas von seinen Gefühlen bemerkt haben. Stattdessen hatte er geglaubt, sein eigentliches Problem sei, dass er nicht wusste, wie er mit seinen Gefühlen umgehen sollte.

Nachdem Pranicara ihm jedoch versichert hatte, dass Lililja nicht den Hauch einer Ahnung von seinen Gefühlen für sie hatte, ging es ihm schlagartig besser.



Rafyndor wollte Lililja nichts von seinen neu entdeckten Gefühlen für sie erzählen.

Pranicara drängte ihn, Lililja von seinen Gefühlen zu erzählen, doch davon wollte Rafyndor nichts hören. Er wollte, dass alles wieder so wurde wie früher: seine abendlichen Spaziergänge mit ihr machen, seine Zeit mit ihr verbringen und genießen, einfach in ihrer Nähe sein.

Wenn er nun mit ihr über seine neu entdeckten Gefühle für sie sprach, würde sich mit Sicherheit etwas in ihrem Verhältnis zueinander verändern − und es war nicht abzusehen, wie und was.

Nein, es sollte alles so bleiben wie zuvor. Er wollte einfach zurück zu seinem früheren Leben.

Schließlich zuckte Pranicara resigniert mit den Schultern. „Du musst selbst wissen, was du willst. Ich werde mich bei euch beiden nicht einmischen.“

Dann wechselte sie das Thema. „Sag einmal, Rafyndor, was genau war eigentlich der Auslöser dafür, dass dir so plötzlich deine Gefühle für Lililja klar geworden sind?“

Rafyndor druckste ein wenig herum, dann gab er schließlich zu: „Meister Lehakonos hatte in der Kristallhöhle von den Aufgaben gesprochen, die der Schleiersturm mit sich bringt, und davon, dass sich die Zaubergemeinschaft damals im Streit über die Interpretation der Aufgabe entzweit hatte. Als ich dann abends mit Lililja am Mondspiegelteich war, habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn Lililja sich plötzlich von mir abwenden und mir feindlich gegenüberstehen würde. Diese Vorstellung war so unerträglich, dass ich nicht mehr klar denken konnte.“

Pranicara blieb abrupt stehen und schaute ihren Cousin vollkommen verdattert an. Sie war so sprachlos, dass sie zunächst keine Antwort fand.



Rafyndor erzählte von seiner Vorstellung, Lililja könnte sich eines Tages gegen ihn stellen.

Schließlich schüttelte sie den Kopf und sagte entgeistert: „Du bist wirklich ein Schattenschreck, Rafyndor! Glaubst du im Ernst, dass Lililja sich von uns abwenden würde, nur weil plötzlich die Elfen nicht mehr mit den Waldgeistern reden? Du magst Lililja lieben, aber wirklich zu kennen scheinst du sie nicht.“

Rafyndor hatte inzwischen genug Zeit gehabt, über diese Situation nachzudenken, und gab zu, dass ihm das mittlerweile ebenfalls klar geworden war.

„Dennoch“, beharrte er, „musst du zugeben, dass die Gefahr einer Entzweiung nun einmal besteht. Es ist in der Geschichte Vanavistarias, wie Meister Lehakonos sagte, schon einmal vorgekommen, dass sich die magischen Völker zerstrittet hatten. Woher willst du wissen, dass dies nicht wieder geschehen wird?“

„Ach, Rafyndor.“ Pranicara seufzte auf und schaute ihn liebevoll an, während sie sich wieder in Bewegung setzte. „Schau dir doch einmal unsere verantwortlichen Führer an. Da wäre zum einen unser Hohenmagier Meister Lehakonos, der selbst Korvum-Raben an seinem Unterricht teilnehmen lässt, obwohl sich alle Magier insgeheim darüber lustig machen. Der zwei kleine wilde Waldgeister trotz ihrer wirren Gedanken in seinen Unterricht aufgenommen und sie geduldig in der ‚Magie der Naturverbundenheit‘ unterwiesen hat. Kannst du dir bei ihm vorstellen, dass er wegen der Interpretation einer Aufgabe zulassen würde, dass sich die magischen Völker entzweien?“

Rafyndor schüttelte entschieden den Kopf.



Pranicara erinnerte an Lililjas Sorge gerade für die kleinen Wesen Vanavisarias.

„Dann schau auf unsere Hüterin der Natur und der Magie, deine Lililja, die selbst kleine, unbedeutende Blattwichtel für so wichtig erachtet, dass sie sie immer wieder fragt, wie es ihnen geht und ob sie etwas für sie tun könne. Kannst du dir vorstellen, dass sie die Aufgabe des Schleiersturms über diese kleinen Blattwichtel erheben würde?“

Rafyndor schüttelte noch entschiedener den Kopf.

„Und jetzt schau auf dich selbst, auf den Obersten Waldhüter von Vanavistaria, der stets einen großen Bogen um die Besitzansprüche von Pilzgnomen macht, weil er sie so nimmt, wie sie sind. Der weiß, wie man einen Korvum-Raben, der sich in der magischen Welt oft allein vorkommt, weil er ‚nur‘ Flügel und keine Hände besitzt, glücklich macht, indem er ihm einen kleinen Freund zur Seite stellt.“

Sie zeigte auf Skukius und Rangalo, die glücklich miteinander schwatzend und pfeifend vor ihnen herflogen und sich zwischendurch immer wieder gegenseitig Kunststücke vorführten.

„Kannst du dir vorstellen, dass dieser Waldhüter die Aufgabe des Schleiersturms als so wichtig erachtet, dass er sich von seinen kleinen gefiederten Freunden abwenden würde?“, fragte sie mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Rafyndor begann langsam zu nicken.

„Du hast recht, Pranicara. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns entzweien werden, nur weil wir uns bei der Aufgabe des Schleiersturms nicht einig werden können, ist doch sehr gering. Ich weiß auch nicht, warum ich mir solche Sorgen gemacht habe.“

Pranicara grinste breit. „Na, weil du schon immer ein kleiner Schattenschreck warst, Rafyndor, und weil wir dich alle genau aus diesem Grund so unglaublich lieb haben.“

Rafyndor umarmte seine Cousine erneut und dankte ihr für ihre klaren Worte.

„Gut, dass Skukius sich nicht an sein Versprechen gehalten hat“, stellte er noch einmal fest.

Die Welt war für ihn plötzlich wieder hell und liebenswert.

Der Weg führte Pranicara und Rafyndor direkt zum Anwesen des Hohenmagiers. Auf Pranicaras Drängen hin sollte sich Rafyndor bei Meister Lehakonos zurückmelden und sich für sein Fehlen bei den letzten beiden Treffen entschuldigen.



Rafyndor umarmte dankbar seine Cousine.

„Ich befürchte, Meister Lehakonos wird Lililja und mir unsere Erklärungen für deine Abwesenheit nicht ganz abgenommen haben“, hatte die Waldgeistfrau gemeint. „Daher macht es Sinn, wenn du ihm unsere Version bestätigst und ihm mitteilst, dass du wieder alles im Griff hast.“



Vor dem Anwesen diskutierten Meister Lehakonos, Jadoruc und Lililja noch einige wichtige Punkte.

Als die beiden Waldgeister aus dem Durchgang auf die Lichtung traten, sahen sie drei Wesen vor dem Anwesen stehen, die miteinander sprachen. Es waren Meister Lehakonos, Jadoruc und Lililja.

Anscheinend war gerade das tägliche Treffen der dreizehn Zauberweisen im Studierzimmer des Hohenmagiers zu Ende gegangen, das seit der Ankündigung des Schleiersturms stets nach der Mittagspause stattfand. Offenbar gab es noch einige Punkte, die die drei miteinander durchdiskutieren mussten.

Leise Stimmen schallten zu ihnen hinüber. Verstehen konnten die beiden jedoch nichts.

Plötzlich erblickte Lililja die beiden Waldgeister, die sich dem Anwesen näherten. Sofort unterbrach sie das Gespräch, entschuldigte sich bei den beiden Magiern und rannte ihnen entgegen. Sie fiel Rafyndor um den Hals und drückte ihn so fest, wie ihre Kraft es zuließ. Tränen der Erleichterung liefen über ihre Wangen.

Rafyndor war von dieser Begrüßung überwältigt. Er hatte noch immer ein wenig Sorge gehabt, dass Lililja ihm seine plötzliche Abwesenheit übel genommen haben könnte, trotz Pranicaras Versicherung, dass sie sich lediglich Sorgen um ihn machte. Als sie ihn nun so überaus stürmisch umarmte und dabei jede Etikette und ihre hohe Position außer Acht ließ, konnte er nicht anders, als sie ebenfalls warm und liebevoll zu umfassen.

„Hey, Lililja, ich bin ja wieder da!“, sagte er sanft und streichelte ihre Wange.

Es tat gut, sie wieder zu spüren und sie wieder in seiner Nähe zu wissen. „Pranicara hat mir geholfen, meine Gedanken zu ordnen. Es geht mir gut.“

Lililja genoss die Umarmung. Doch schlagartig wurde sie sich ihrer Gesprächspartner bewusst, die sie dabei beobachtet haben mussten, wie sie ihren vertrauten Freund so stürmisch begrüßt hatte. Behutsam löste sie sich aus Rafyndors Armen.



Lililja fiel Rafyndor glücklich um den Hals.

Sie strahlte ihn an. „Lass uns heute Abend wieder einen Spaziergang machen, Rafyndor. Treffen wir uns an der üblichen Stelle, dann können wir reden, einverstanden? Ich muss jetzt noch mit Meister Lehakonos und Meister Jadoruc einige Details klären.“

Sie strich ihre Kleidung glatt, ordnete kurz ihr Haar und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann strahlte sie Rafyndor noch einmal an, lächelte Pranicara dankbar zu und und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die beiden Magier. Mit nun angemessener Haltung angesichts ihrer Position ging sie zu ihnen zurück.

Sie war die Hüterin der Natur und der Magie, und das zeigte sie auch in ihrem Auftreten.

Pranicara und Rafyndor blieben an ihrem Platz stehen und warteten auf das Ende des Gesprächs. Anschließend wollte Rafyndor den Hohenmagier aufsuchen und ihm seine Abwesenheit erklären.

Während Jadoruc angesichts des Gefühlsausbruchs Lililjas ein wenig die Stirn runzelte, konnte sich Meister Lehakonos ein belustigtes Schmunzeln nicht verkneifen.

Da war er wieder gewesen − der kleine Wirbelwind von damals, der durch die Wälder streifte, an den Bäumen lauschte und kleine, verschreckte Waldgeister aus ihrer Apathie herausholte.

Für einen kurzen Augenblick sah er sie wieder vor sich: Lililja, wie sie dem kleinen Rafyndor mit ausgebreiteten Armen hinterher rannte und dabei herzhaft lachte.


Für einen kurzen Moment hatte Lililja wieder
Wesenszüge gezeigt, die sie als Kind
gehabt hatte.

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