zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnis1o) Der Abendspaziergang


Der Abendspaziergang

Rafyndor arbeitete, bis sich die Sonne dem Horizont näherte, dann beendete er sein Tagewerk für heute.

Sein Herz begann schneller zu schlagen, und er spürte eine angenehme Aufregung in sich aufsteigen.

Gleich würde er sich wieder mit Lililja treffen − mit seiner Lililja, die sich so sehr gefreut hatte, ihn wiederzusehen, dass sie sämtliche Etikette vergessen und sich in seine Arme gestürzt hatte. Es hatte sich wunderbar angefühlt, sie in den Armen zu halten und ihr über die Wange zu streicheln.

Für einen kurzen Augenblick war sie wieder die kleine, unbeschwerte Elfe gewesen, mit der er durch den Wald getobt war, auf der Jagd nach dem Regenbogen.



Als sich die Sonne dem Horizont näherte, beendete Rafyndor sein Tagewerk und freute sich auf das Treffen mit Lililja.

Doch dann war sie wieder zur Hüterin der Natur und der Magie geworden, hatte sich aus seiner Umarmung gelöst und war ihrer Arbeit nachgegangen. Aber das Strahlen in ihren Augen, als sie ihn zum Abschied noch einmal angesehen hatte, sprach Bände. Sie liebte ihn auch − das hatte sie ihm heute gezeigt. Aber war es dieselbe Art von Liebe, die er für sie empfand?

Nein, er würde seine neu entdeckten Gefühle für sie nicht ansprechen. Wenn sie ihn auf die gleiche Weise liebte wie er sie, dann würde sie auch den ersten Schritt machen. Davon war er überzeugt. Er würde einfach abwarten und die gemeinsame Zeit mit ihr genießen.



Lililja wirkte, als würde die Sonne durch sie hindurchscheinen.

Als er den gemeinsamen Treffpunkt erreichte, stand sie wieder vor der untergehenden Sonne. Sie strahlte ihm mit so viel Wärme im Blick entgegen, dass er beinahe den Eindruck hatte, die Sonne würde durch sie hindurchscheinen. Es erwärmte sein Herz ungemein, und in diesem Augenblick fühlte er sich so glücklich, wie er es sich kaum hätte vorstellen können.

Sie nahm seine Hand in die ihre − eine Geste, die sie ihm schon lange nicht mehr gezeigt hatte.

Eigentlich, überlegte Rafyndor, hatte sie das seit ihrer Wahl zur Hüterin der Natur und der Magie nicht mehr getan.

Gemeinsam schlenderten sie den Weg entlang durch die wunderbare Natur des Zentrums der Hellen Magie.

Lange Zeit schwiegen sie in stiller Übereinkunft. Schließlich durchbrach Lililja die Stille.

„Ich habe mir große Sorgen um dich gemacht, Rafyndor“, gestand sie. „Seit ich dich kenne, bist du immer zu mir gekommen, wenn dich etwas bedrückt hat. Daher war ich ich so beunruhigt, weil du mir dieses Mal ausgewichen bist.“

Rafyndor hatte mit dieser indirekten Frage gerechnet und sich seine Antwort bereits im Vorfeld zurechtgelegt. Die wahren Gründe konnte er ihr nicht nennen, aber er wollte zumindest so weit wie möglich bei der Wahrheit bleiben.

„Weißt du“, begann er seine Erklärung, „Meister Lehakonos hatte an jenem Morgen von der Entzweiung der magischen Völker gesprochen, weil sie sich nicht darüber einig werden konnten, welche Art von Aufgabe der Schleiersturm mit sich bringen würde. Ich musste den ganzen Tag darüber nachdenken und war schließlich dermaßen durcheinander, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Ich glaube, ich bin einfach vor meiner Angst davongelaufen.“

Lililja schaute ihn mitfühlend an. Sie kannte seine Verzagtheit, und dieser Grund erschien ihr durchaus einleuchtend.

„Versprich mir, Rafyndor“, sagte sie und schaute ihn eindringlich an, „dass du beim nächsten Mal mit deiner Angst wieder zu mir kommst. Du glaubst nicht, welche Nöte ich ausgestanden habe! Ich konnte mich kaum noch auf meine Aufgaben konzentrieren, weil ich die ganze Zeit darüber nachgedacht habe, ob ich etwas Falsches gesagt oder getan habe, das dich fortgetrieben hat.“



Lililja und Rafyndor sprachen während ihres Abendganges über Rafyndors Ängste.

Rafyndor blieb erschüttert stehen. An die Möglichkeit, dass Lililja sich selbst die Schuld für seine Abwesenheit geben könnte, hatte er nicht einmal ansatzweise gedacht.

„Nein“, hauchte er. „Nein, Lililja, du hast, seit wir uns kennen, niemals etwas Falsches gesagt oder getan, das mich von dir hätte wegtreiben können!“

Ohne darüber nachzudenken, nahm er sie in seine Arme.

„Du warst immer mein Fels in der Brandung! Auf solche Ideen darfst du nie wieder kommen! Es war einzig und allein mein Problem. Du hattest damit rein gar nichts zu tun!“

Lililja erwiderte seine Umarmung ebenfalls warm und herzlich. Dann löste sie sich sanft aus seinen Armen und sagte abschließend, mit einem Strahlen in den Augen und einem warmherzigen Lächeln auf den Lippen: „Ich freue mich auf jeden Fall ungemein, dass du wieder zurück bist. Versprich mir einfach, dass du dich nie wieder ohne Erklärung von mir fernhältst. Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal mit klarem Verstand überstehen würde.“

Rafyndor plagten schwere Gewissensbisse, weil er so selbstsüchtig gewesen war und Lililja ihren dunklen Gedanken überlassen hatte. Daher erklärte er − und er meinte es so ernst wie noch nie, obwohl er es mit einem Zwinkern sagte: „Ich verspreche dir, dass ich dir bei meinem nächsten Rückzug direkt sagen werde, ob es an dir liegt oder nicht.“

Lililja knuffte ihn in die Seite und lachte. Die Anspannung war damit endgültig verflogen, und leichten Fußes folgten sie weiter dem Weg, den sie eingeschlagen hatten.



Rafyndor erzählte Lililja von Havaleon, dem Silberfederadler, den er überreden konnte, die Grenzen der Hauptstadt im Blick zu behalten.

„Heute habe ich jemanden beauftragt, uns rechtzeitig über die Ankunft des Schleiersturms zu unterrichten“, nahm Rafyndor das Gespräch wieder auf.

Lililja schaute ihn neugierig an. Rafyndor deutete zum Himmel, wo weit oben ein Silberfederadler seine Kreise zog. Ob es Havaleon war, konnte er von hier unten nicht erkennen.

„Ich habe einen Silberfederadler gebeten, die Grenzen der Hauptstadt zu überwachen und uns Bescheid zu geben, sollte der Sturm herannahen“, erklärte er.

Lililja war beeindruckt.

„Das ist eine ausgezeichnete Idee!“, rief sie aus und drückte seine Hand voller Anerkennung.

Rafyndor schmunzelte. „Die Unterhaltung mit diesen beeindruckenden Vögeln ist allerdings nicht gerade einfach“, musste er zugeben. „Die Gespräche mit ihnen erinnern wirklich an Akharota-Nüsse: Du musst erst einmal die Schale knacken, um an den Kern zu gelangen.“

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Übrigens habe ich den Übeltäter gefunden, der die Bimara-Buchen angefallen hat.“

Lililja sah ihn mit großen Augen an. „Und wie sah das Tier aus? Du warst dir ja sicher, dass es keines ist, das du kennst.“

„Nun ja“, entgegnete Rafyndor mit resigniertem Blick und seufzte. „Es ist ein Schlitzohr, ein gewiefter kleiner Missetäter, der nichts als Unsinn in seinem kleinen Kopf hat.“

Lililja sah ihn verständnislos an.

Daraufhin pfiff Rafyndor auf seinen Fingern und rief: „Rangalo!“

Der kleine, bunte Vasta-Sperling flatterte in Windeseile herbei und setzte sich auf die geöffnete Hand des Waldgeistes.

„Das hier ist das große, gefährliche Tier mit den Reißzähnen, das die Bimara-Buchen angefallen hat“, stellte er den kleinen Vogel Lililja vor. „Ein ausgebuffter, intelligenter Vasta-Sperling, dem ich den Namen Rangalo gegeben habe. Wusstest du, dass Vasta-Sperlinge keine Namen haben, weil es so viele von ihnen gibt, dass sich niemand all ihre Namen merken könnte? Aber diesem hier musste ich einfach einen geben.“



Rafyndor stellte Lilija den Vasta-Sperling Rangolo vor.

Dann wandte sich Rafyndor an Rangalo und wechselte in die Sprache der Vasta-Sperlinge: „Übrigens, über meiner Tür an meiner Hütte befanden sich eine Menge Federn und Blätter, die der Wind dort sehr merkwürdig hineingestopft haben muss.“

Lililja verstand zwar nicht, was die beiden sich zuzwitscherten, erkannte aber sofort, dass sie sich über etwas unterhielten, das Rafyndor sichtlich belustigte.

Rangalo fragte: „Und was ist passiert, als du die Tür geöffnet hast?“

„Nichts“, entgegnete Rafyndor, sehr zur Enttäuschung Rangalos. „Ich hatte vorher die Federn und Blätter entfernt.“

Rangalo zuckte mit den Schultern. „Schade“, pfiff er und flatterte davon.

Rafyndor musste laut lachen. Er erzählte Lililja, was Rangalo an seiner Hütte angestellt hatte und dass Mikon, der Blattwichtel, ihn dabei beobachtet und Rafyndor rechtzeitig vorgewarnt hatte.

„Vermutlich hätte ich beim Eintreten sonst einen Dreckregen abbekommen. Ich muss mir noch eine sinnvolle Aufgabe für diesen Vasta-Sperling ausdenken, sonst wird er mir das Leben noch schwer machen“, erklärte er im Brustton der Überzeugung. „Ich glaube, der langweilt sich ungemein und macht deshalb so viel Unsinn.“

Sie folgten dem Weg weiter. Er führte sie an dem kristallklaren Sonnenbach entlang, an den bunten Blumenwiesen, auf denen auch zu dieser späten Abendstunde noch intensiv leuchtende Blumen zu sehen waren, und an den hellen Wäldern, die am Tage lichtdurchflutet und luftig waren.

Schließlich erreichten sie die Weggabelung, an der sie sich stets voneinander verabschiedeten.



Rafyndor hielt Lililja dieses Mal länger als üblich im Arm.

Sie umarmten sich herzlich, und Rafyndor hielt Lililja dieses Mal ein wenig länger im Arm.

„Es tut mir leid, dass ich dir solche Sorgen bereitet habe“, flüsterte er. „Es soll nie wieder vorkommen.“

Dann ließ er sie los.

Sie sah ihn an, legte ihre Hand an seine Wange und sagte: „Seit ich dich kenne, habe ich in dir immer meinen kleinen Bruder gesehen, auf den ich aufpassen muss. Ich liebe dich, Rafyndor, und du sollst immer zu mir kommen können, was auch immer dir auf dem Herzen liegt.“

Rafyndor fühlte einen Stich im Herzen. Er ließ es sich jedoch nicht anmerken und lächelte zurück. Mit etwas heiserer Stimme sagte er: „Ich weiß!“

Sie drehte sich um, winkte ihm noch einmal zu und ging zu ihrem Haus.

Als sie durch die Haustür verschwunden war, drehte auch Rafyndor sich um und kehrte in seine Hütte zurück.

Lililja würde ihn niemals so lieben, wie er sie liebte, dachte er niedergedrückt. Das Glück, das er an diesem Tag empfunden hatte, fiel in sich zusammen.


Niedergedrückt folgte Rafyndor
dem Weg zu seiner Hütte.

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