
Rafyndor musste sich beeilen, wenn er den Wald noch rechtzeitig vor dem Eintreffen des Schleiersturms sichern wollte. Es lag noch viel Arbeit vor ihm.
Als Meister Lehakonos ihn heute Morgen in der Kristallhöhle darauf angesprochen hatte, hätte er sich am liebsten verkrochen. Schließlich wusste er nur zu gut, dass er die Zeit, in der er längst mit den Vorbereitungen hätte beginnen sollen, mit seinen eigenen Problemen verbracht und sich damit seiner Verantwortung entzogen hatte.
Lililja hatte ihm einen aufmunternden Stoß versetzt und ihm zugeraunt: „Pranicara und ich werden dich dabei schon unterstützen. Nun antworte endlich!“ Daraufhin hatte er gesagt, dass er es in drei oder vier Tagen schaffen würde. Ganz sicher war er sich allerdings nicht, ob ihm dieses Kunststück tatsächlich in so kurzer Zeit gelingen würde.
Als der alte Lehrmeister ihm dann auch noch den Schutz der Tiere übertragen wollte, hatte Rafyndor sich vollkommen überfordert gefühlt. Das hätte er niemals in dieser kurzen Zeit bewältigen können!
Umso erleichterter war er gewesen, als sich dieser dicke Vykati Jadoruc gemeldet und Pranicara dafür vorgeschlagen hatte. Wie missbilligend Jadoruc ihn dabei angesehen hatte! Vermutlich war er noch immer wütend darüber, dass Rafyndor sich einfach davongeschlichen hatte − und damit hatte er vollkommen recht.
Rafyndor hatte tatsächlich unverantwortlich gehandelt.
Aber er konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Er konnte nur noch zeigen, dass er jetzt alles daransetzte, die Sicherung des Waldes rechtzeitig abzuschließen.
Er begann damit, die Bäume jeder Region fest im Boden zu verankern.
Dazu hockte er sich vor den jeweiligen magischen Knotenpunkt, legte eine Hand darauf und verband sich geistig mit der Erde. Dann sprach er, während er die andere Hand in die Luft hielt, das Zauberwort „Enkara!“. Diese Magie bewirkte, dass die Wurzeln der Bäume tiefer in den Boden vordrangen und sich dort einen festen Halt suchten.
Anschließend versetzte er die Bäume in Tiefschlaf. Zum einen würden sie dadurch vom Brausen des Sturmes und dessen magischer Energie nicht geweckt werden, zum anderen würden sie die magische Ernte nicht miterleben, die für Bäume im Normalschlaf äußerst schmerzhaft war.
Bei der magischen Ernte wurden nicht einzelne Früchte gepflückt, sondern sämtliche Früchte auf einmal. Das musste sich, dachte Rafyndor, ungefähr so anfühlen, als würde ihm jemand seine gesamte Lockenpracht auf einmal vom Kopf reißen. Um den Bäumen diesen Schmerz zu ersparen, sprach er das Zauberwort für den Tiefschlaf: „Maja Urkajus!“
Bis Rafyndor jedoch sämtliche magischen Knotenpunkte aufgesucht, die Bäume fest im Boden verankert und in Tiefschlaf versetzt hatte, war es bereits früher Nachmittag geworden. Wenn die Arbeit in diesem Tempo weiterging, würde er niemals rechtzeitig fertig werden, dachte er mit wachsender Panik. Er brauchte Hilfe − und zwar dringend!
Heute Abend würden Lililja und Pranicara kommen. Das hatten sie ihm versprochen.
Der Gedanke an Lililja ließ ihn kurz innehalten.
Es hatte ihn tief getroffen, als sie ihm am Vorabend bei ihrer Verabschiedung gesagt hatte, dass sie ihn wie einen kleinen Bruder liebte, obwohl er doch so tiefe Gefühle für sie hegte. Niedergeschmettert und unglücklich war er nach Hause gestapft, hatte sich die Welt verfluchend auf sein Bett geworfen und sich dort seinen Gedanken hingegeben.
Und doch waren zwischendurch immer wieder Bilder vor seinem inneren Auge aufgetaucht, in denen er sich gemeinsam mit Lililja ein Leben aufbaute. Es waren Wunschbilder, das wusste er. Aber sie hatten ihn glücklich gemacht.
Und so hatte er beschlossen, sich von dieser Situation nicht niederdrücken zu lassen.
Stattdessen wollte er geduldig darauf hoffen, dass sich Lililjas Gefühle für ihn eines Tages verändern würden.
Vielleicht würde auch sie irgendwann erkennen, dass er für sie mehr war als nur ihr kleiner Bruder. Möglicherweise würden die Bilder in seinem Kopf keine Wunschbilder bleiben, sondern eines Tages Wirklichkeit werden.
Er musste nur geduldig warten.
Mit den Gedanken an Lililja, die ihn wieder fröhlich stimmten, überlegte Rafyndor erneut, wo er nun möglichst schnell Hilfe bekommen konnte. Da fiel ihm Skukius ein. Der Korvum-Rabe würde ihm gewiss gerne helfen.
In der Höhle, in die sich Rafyndor zurückgezogen hatte, hatte er sich oft genug darüber beklagt, dass die gesamte Hauptstadt wegen der Vorbereitungen auf den Schutz vor dem Schleiersturm aus dem Häuschen war und ihm niemand eine Aufgabe übertrug, mit der er zeigen konnte, dass auch er seinen Teil dazu beitragen konnte.
Rafyndor pfiff auf den Fingern, und Skukius kam in seiner lautlosen Art herbeigeflogen.
„Hör mal, Skukius“, begrüßte ihn Rafyndor, „du suchst doch nach einer Arbeit, bei der du zum Schutz unserer Hauptstadt beitragen kannst. Ich hätte da eine wichtige Aufgabe für dich − und ich muss gestehen, du würdest mir damit einen riesigen Gefallen tun! Ich befürchte, ich werde sonst nicht rechtzeitig fertig.“
Skukius überlegte, wie ernst Rafyndor sein Angebot wohl meinte, und setzte vorsorglich seine übliche skeptische Miene auf: ein Auge zugekniffen, das andere weit aufgerissen. Misstrauisch fragte er: „Was genau soll ich tun?“
„Kannst du nicht damit anfangen, die Früchte der Bimara-Buchen zu ernten, damit ich sie in die Höhlen schaffen kann?“, fragte Rafyndor. „Ich lege dir ein Netz unter den Baum, du lässt die Bucheckern hineinfallen, und dann kümmere ich mich um den Rest. Während du die Früchte erntest, kann ich mich schon um die Verstärkung der Schutzblätter für die Blattwichtel kümmern. Wenn du zumindest sämtliche Bimarias übernehmen würdest, könnte ich mich später auf die anderen Bäume konzentrieren.“
Skukius erkannte, dass Rafyndor ihm diese Arbeit nicht etwa aus Gefälligkeit übertrug. Es war eine wichtige Aufgabe, die erledigt werden musste, und der Waldhüter bat ihn ernsthaft darum, sie zu übernehmen.
Seit Bekanntwerden des bevorstehenden Schleiersturms war dies das erste Mal, dass ihm jemand eine Aufgabe zutraute, die tatsächlich dem Schutz des Zentrums der Hellen Magie diente. Skukius spürte, wie Freude in ihm aufstieg, und nickte stolz. Er hatte sich so sehr gewünscht, seinen Teil zum Schutz der Hauptstadt beitragen zu dürfen, doch niemand hatte in ihm eine nützliche Arbeitskraft gesehen.
Jetzt bot Rafyndor ihm an, eine wichtige Aufgabe zu übernehmen. Es war ein so gutes Gefühl, dass es ihn überglücklich machte.
Und mit einem Mal begann seine Federkrone zu strahlen und magisches Licht auszusenden.
Rafyndor beobachtete dies mit vor Verblüffung offenstehendem Mund. Skukius erschrak selbst über das plötzliche Leuchten, woraufhin das Strahlen sofort wieder verschwand. Ängstlich schaute er den Waldhüter an, als wollte er prüfen, ob dieser ihm die Aufgabe nun immer noch übertragen würde.
„Was war das?“, hauchte Rafyndor, noch immer völlig erschüttert.
„Ich weiß es nicht“, gestand Skukius kleinlaut. „Das passiert ab und an, wenn ich mich so unglaublich freue.“
Rafyndor schaute den Vogel lange an und dachte nach. Schließlich sagte er langsam: „Skukius, kann es sein, dass Magie in dir steckt?“
„Meister Lehakonos hatte das damals auch vermutet, bevor er mich zum Unterricht zugelassen hat“, antwortete der Korvum-Rabe. „Allerdings hat er mir nie irgendwelche magischen Aufgaben übertragen. Daher habe ich nie ausprobieren können, ob ich tatsächlich Magie in mir habe.“
„Na dann“, sagte Rafyndor leichthin, „werden wir jetzt herausbekommen, ob du Magie in dir hast. Komm mit!“
Er ging zu einer Bimara-Buche. „Kannst du den Baum irgendwie mit deinen Flügeln berühren?“
Skukius setzte sich auf einen Ast der Bimara und ließ seine Flügel herabhängen, sodass sie den Ast berührten.
Rafyndor erklärte: „Versetz dich in diesen Ast, verschmelze mit ihm. Stell dir vor, du wärst selbst ein Zweig dieses Astes. Wenn du soweit bist, sprich das Wort ‚Padum‘. Wenn du Magie in dir hast, sollten sämtliche Bucheckern dieses Astes von allein auf die Erde fallen und dort ein kleines Häufchen bilden.“
Skukius war aufgeregt, versuchte aber, sich zu konzentrieren und mit dem Zweig eins zu werden. Er schloss die Augen und spürte, wie er selbst zu einem Teil des Astes wurde. Er fühlte den Lebenssaft durch sich hindurchfließen, der tief aus der Wurzel kam. Er war zur Bimara-Buche geworden.
Dann sprach er: „Padum!“
Skukius hörte es um sich herum prasseln. Erschrocken öffnete er die Augen und sah, wie sämtliche Bucheckern der Bimara-Buche herunterregneten und sich auf einem Haufen sammelten.
Freudig erregt darüber, dass es tatsächlich funktioniert hatte, schaute er zu Rafyndor. Der stand schon wieder mit vor Verblüffung offenem Mund da.
„Warum hat dich noch niemand zum Schutz des Zentrums der Hellen Magie eingesetzt?“, hauchte der Waldhüter. „Deine Federkrone hat geleuchtet, als wolltest du den ganzen Wald erhellen, und dann sind alle Bucheckern auf einmal heruntergefallen.“
Skukius schaute glücklich auf den großen Haufen Bucheckern. „Funktioniert diese Magie bei allen Bäumen oder nur bei den Bimara-Buchen?“, fragte er.
Rafyndor kam aus dem Staunen nicht heraus und konnte den Blick kaum von dem Haufen Bucheckern abwenden. Dann schüttelte er den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, und antwortete, während er Skukius anstrahlte: „Das funktioniert bei allen Bäumen. Ich glaube fast, ich werde mit deiner Hilfe doch noch rechtzeitig vor dem Eintreffen des Schleiersturms fertig.“
Während Skukius nun von Baum zu Baum flog und die Ernte der Früchte übernahm, kümmerte sich Rafyndor um die Bäume der Blattwichtel. So waren beide den ganzen Nachmittag über beschäftigt, bis kurz vor Sonnenuntergang Lililja und Pranicara im Wald eintrafen, um Rafyndor ebenfalls bei seinen Arbeiten zu unterstützen.
„Was leuchtet hier denn dauernd auf?“, fragte Pranicara und suchte nach der Quelle des Lichtes.
Rafyndor grinste breit und erklärte: „Das ist Skukius beim magischen Ernten der Baumfrüchte. Der Korvum-Rabe steckt voller Überraschungen.“
Nachdem Pranicara und Lililja sich selbst von der magischen Leistung des Vogels überzeugt hatten − sie konnten Rafyndors Schilderung zunächst kaum glauben −, trugen auch sie ihren Teil dazu bei, den Wald für den kommenden Schleiersturm zu schützen.
Bis tief in die Nacht hinein arbeiteten die vier an der Sicherung. Rafyndor war sich sicher, dass er mit dieser Unterstützung nicht nur rechtzeitig mit den Arbeiten fertig werden würde, sondern dafür sogar weniger Zeit benötigen würde, als er ursprünglich eingeplant hatte.
|