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Plötzliche Magie



Als sich die Zaubergemeinschaft am nächsten Morgen erneut in der Kristallhöhle versammelte, schimmerte Skukius' Federkleid besonders intensiv.

Er war ungemein stolz auf die Arbeit, die er am Vortag im Wald hatte verrichten dürfen und mit der er Rafyndor, seinem Freund, auf so unmittelbare Weise ein großes Stück weitergeholfen hatte.

Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, wirklich ein Anrecht darauf zu haben, hier in der Kristallhöhle zu sein.

Natürlich hatte er sich gefreut, als er nach Abschluss seines Unterrichts bei Meister Lehakonos Zugang zur Versammlung erhalten hatte. Doch ihm war durchaus bewusst gewesen, dass er sich von den anderen Zauberwesen hier unten unterschied. Zum einen war er der einzige Vogel unter den vielen Magiern, zum anderen hatte er bislang keinerlei magische Leistungen vorzuweisen, die ihn dazu berechtigt hätten, sich als Teil der Zaubergemeinschaft zu betrachten.

Nun aber, nach der Arbeit des vergangenen Tages und seiner erfolgreichen magischen Ernte der Bäume, hatte er sich den Zugang zur Versammlungshöhle verdient. Jetzt konnte niemand mehr behaupten, er sei hier fehl am Platz und würde nur einer Marotte Meister Lehakonos' wegen hier unten geduldet.

Nein, nun konnte er mit Fug und Recht von sich behaupten, ein Zauberwesen zu sein. Dieses Bewusstsein ließ ihn förmlich von innen heraus strahlen, und er konnte es nicht verhindern. Es störte ihn allerdings auch nicht. Er wusste, was er geleistet hatte, und wusste nun, dass er einer von ihnen war − auch ganz ohne Hände!

Skukius saß auf dem Unterarm Rafyndors, der ihn anstrahlte und ebenfalls mit neuer Zuversicht in die Kristallhöhle gekommen war.

Hatte sich der Waldhüter am Vortag noch dazu zwingen müssen, den Versammlungsort zu betreten, weil ihm klar war, wie weit er mit seinen Vorbereitungen hinterherhing, so hatte er ihn heute selbstbewusst und voller Zuversicht betreten. Er war überzeugt, dass er die Sicherung des Waldes mit Skukius' Unterstützung problemlos bis zum Eintreffen des Schleiersturms bewältigen würde.

Pranicara und Lililja lächelten die beiden an. Sie hatten selbst erlebt, was Skukius zu leisten vermochte, und freuten sich darüber, dass Rafyndor seine Zuversicht zurückgewonnen hatte. Er war wieder der selbstbewusste Waldhüter, den sie kannten.

Na also, dachte Pranicara im Stillen. Jetzt ist Rafyndor wirklich wieder zurück! Das hat allerdings auch lange genug gedauert!

Meister Lehakonos betrat den Versammlungsraum.

Wie immer, wenn er eintraf, winkte er einigen Magiern zu, wechselte kurz ein paar Worte mit den Wasserwesen und kam anschließend zu ihnen. Eigentlich wollte er sie nur kurz begrüßen, bevor er zum Podium ging. Doch als er Skukius' ungewöhnlich intensiv schimmerndes Federkleid bemerkte, hielt er inne.

Etwas hatte sich verändert. Irgendetwas musste vorgefallen sein, das dieses Schimmern bewirkte.

Meister Lehakonos wurde nervös. Jetzt hatte er allerdings keine Zeit, sich näher damit zu beschäftigen, denn die Zaubergemeinschaft wartete bereits darauf, dass er die Versammlung eröffnete.

Daher sagte er lediglich: „Ich würde nach der Versammlung gerne noch mit euch reden. Habt ihr nachher noch etwas Zeit für mich?“

Die vier Wesen nickten etwas verwundert, und Meister Lehakonos ging weiter zum Podium.

Kaum hatte er es betreten, kehrte sofort Ruhe in der Kristallhöhle ein. Wie schon am Vortag fragte er die einzelnen Gruppen, wie weit sie mit ihren Vorbereitungen waren.

Als er auf den Wald zu sprechen kam, benötigte Rafyndor dieses Mal keinen aufmunternden Stupser von Lililja.

Selbstbewusst und ohne jede Nervosität antwortete er: „Viele Arbeiten sind erledigt. Ich denke, spätestens in zwei Tagen wird der Wald sicher sein.“

Meister Lehakonos hob eine Augenbraue. Er musste ganz dringend mit dieser Gruppe reden. Da war etwas vorgefallen, dachte er. Doch zunächst mussten noch die anderen Verantwortlichen für die Sicherheitsmaßnahmen befragt werden.

Zum Schluss wandte sich der alte Lehrmeister an Pranicara: „Wie sieht es mit dem Schutz der Tiere aus?“

Pranicara antwortete ohne Umschweife:

„Gut. Die Tiere des Waldes haben Höhlen zugewiesen bekommen, in die sie sich zurückziehen sollen, wenn der Sturm kommt. Ich hatte vorher mit den Erdwächtern besprochen, welche Höhlen am sichersten sind. Insofern dürfte diesen Tieren nichts passieren. Für die Tiere in den Parkanlagen muss ich noch geeignete Unterschlüpfe finden. Ich bin aber bereits mit den Steinwächtern im Gespräch, ob in den Gebäuden entsprechende Plätze für sie freigemacht werden können. Dann wären auch diese Tiere sicher. Es wurde mir allerdings schon signalisiert, dass sich da etwas machen lässt. Ich denke, morgen sind alle Tiere versorgt.“

„Sehr schön“, entgegnete Meister Lehakonos. „Dann schließe ich für heute die Versammlung und wünsche allen einen schönen Tag. Morgen werden wir uns wiedersehen.“

Er verließ das Podium und ging direkt auf die Gruppe um Skukius zu, die ihm bereits erwartungsvoll entgegensah.

Bevor Meister Lehakonos auf das Thema zu sprechen kam, das ihm auf dem Herzen lag, betrachtete er den Korvum-Raben noch einmal eingehend.

Dann richtete er einen intensiven, durchdringenden Blick in die Runde und fragte: „Was ist gestern passiert?“

Rafyndor, Lililja, Pranicara und Skukius sahen sich an. Mit dieser Frage hatten sie nicht gerechnet.

Mit freudigem Strahlen in den Augen erklärte Rafyndor: „Ich hatte ein wenig Panik, die Sicherung des Waldes nicht rechtzeitig abschließen zu können, und habe Skukius gebeten, mir dabei zu helfen. Allerdings hatte ich zunächst nur im Sinn, dass er die Früchte mit dem Schnabel erntet und in große Netze fallen lässt. Wie sich dann völlig überraschend für uns alle herausstellte, verfügt Skukius über eine große Magie und konnte die magische Ernte durchführen. Das ging natürlich viel schneller.“

Als Rafyndor die tiefernste Miene des alten Lehrmeisters bemerkte, erlosch sein Strahlen augenblicklich. „War es falsch, Skukius um Hilfe zu bitten?“, fragte er unsicher.

Meister Lehakonos schwieg. Sein Blick ruhte auf Skukius.

Schließlich wandte er sich Rafyndor zu und sagte mit einem erzwungenen Lächeln: „Nein, es war nicht falsch, Skukius um Hilfe zu bitten. Schließlich wollte er schon die ganze Zeit einen Beitrag leisten, und du hast ihm damit sicherlich eine große Freude bereitet.“

Dann kehrte sein Blick wieder zu Skukius zurück. Sorgenfalten erschienen auf seiner Stirn.

„Ich frage mich nur, was die Anwendung der Magie bei dir ausgelöst hat, Skukius“, sagte er sanft.

Rafyndor, Pranicara und Lililja sahen Meister Lehakonos verständnislos an. Sie verstanden weder seine Frage noch die Sorge, die aus seinen Worten sprach.

„Wenn ihr Zeit habt“, sagte Meister Lehakonos schließlich zu allen, „würde ich euch vier bitten, mich zu meinem Anwesen zu begleiten. Dann erkläre ich euch, warum ich so besorgt bin.“

Eigentlich hätten die vier Wesen weiter an der Sicherung der Hauptstadt arbeiten müssen. Doch die Sorgen des alten Lehrmeisters beunruhigten sie so sehr, dass sie ohne Umschweife zustimmten und gemeinsam mit ihm die Kristallhöhle verließen.

In seinem Studierzimmer angekommen, bat Meister Lehakonos alle Anwesenden, Platz zu nehmen, und ließ sich selbst in seinem Sessel nieder. Skukius flog auf eine Stuhllehne.

Der alte Lehrmeister seufzte tief auf, dann begann er zu erzählen:

„Als mir Skukius vor einigen Jahren auf dem Baum aufgefallen war, weil er meinen Unterricht mit einer Intensität verfolgte, die für einen Vogel höchst ungewöhnlich war, wunderte ich mich zunächst nur über seine große Intelligenz. Ich dachte mir jedoch nichts weiter dabei. In Vanavistaria gibt es eine so große Vielfalt an unterschiedlichen und wunderbaren Wesen − warum sollte es also nicht auch einen Korvum-Raben geben, der über eine außergewöhnliche Intelligenz verfügt?“

Der alte Lehrmeister lächelte Skukius an und fuhr dann fort: „Als ich ihn schließlich zu mir bat und ihm anbot, an meinem Unterricht teilzunehmen, begann plötzlich seine Federkrone zu strahlen und magisches Licht auszusenden.“

Rafyndor nickte zustimmend. Genau das hatte er am Vortag ebenfalls erlebt.

„Skukius war darüber jedoch genauso erstaunt wie ich“, fuhr der alte Lehrmeister fort. „Das wiederum zeigte mir, dass Skukius selbst nicht wusste, dass er über Magie verfügte. Daher musste ich davon ausgehen, dass er nicht mit dieser Magie geboren worden war. Also stellte sich die Frage: Wie war diese Magie in ihn gelangt?“

Meister Lehakonos machte eine kurze Pause und wartete auf Skukius' Reaktion. Doch der Korvum-Rabe sah ihn weiterhin genauso neugierig an wie die anderen drei Wesen. Der alte Lehrmeister schloss daraus, dass auch Skukius selbst nicht wusste, wie er an seine Magie gelangt war.

Deshalb wählte Meister Lehakonos seine nächsten Worte mit Bedacht, um Skukius nicht zu erschrecken.

„Ich vermutete, dass sie ihm durch einen magischen Unfall zugefügt worden war.“

Meister Lehakonos sah, wie der Korvum-Rabe erstarrte. Die drei anderen jedoch hingen so gebannt an seinen Lippen, dass sie Skukius' Reaktion nicht bemerkten.

Daher fuhr Meister Lehakonos schnell fort: „Vermutlich hat Skukius selbst nicht mitbekommen, dass bei diesem magischen Unfall die Magie in ihn hineingeflossen ist. Es muss eine mächtige Magie gewesen sein, der unser Korvum-Rabe damals ausgesetzt war, sonst hätte er nicht eine solche Menge an Magie in sich aufnehmen können.“

Er blickte sanft lächelnd zu Skukius, der begonnen hatte, auf seiner Stuhllehne nervös hin und her zu trippeln.

„Da diese Magie aber nur ein einziges Mal in Erscheinung getreten war, nämlich in dem Moment, als ich Skukius seinen Herzenswunsch erfüllte, an meinem Unterricht teilnehmen zu dürfen, nahm ich an, dass seine Magie mit seinen Emotionen verknüpft war.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und das konnte nur bedeuten, dass du...“

Nun sprach er den Korvum-Raben direkt an, und seine Stimme war dabei besonders sanft und mitfühlend.

„... schon einmal Erfahrung mit Magie gemacht hattest, die jedoch wahrscheinlich keine gute war.“

Rafyndor, Lililja und Pranicara ließen ihre Blicke zu dem Korvum-Raben wandern. Neugierig betrachteten sie ihn.

Skukius trippelte panisch auf seiner Stuhllehne hin und her. Sein Blick war auf die Fenster gerichtet, doch es gab keine Fluchtmöglichkeit. Er kam hier nicht weg!

Meister Lehakonos bemerkte die Panik in Skukius' Augen und sagte sanft:

„Es tut mir leid, wenn ich an etwas gerührt habe, das dir unangenehm ist, Skukius. Du hast dich sicherlich immer gefragt, warum ich dir keine magischen Aufgaben gegeben habe, obwohl ich wusste, dass viel Magie in dir steckt. Es geschah aus Sorge um dich, Skukius, nicht weil ich Angst hatte, dass du deine Magie missbrauchen würdest. Ich wusste einfach nicht, ob das Anwenden der Magie bei dir ein Trauma auslösen würde, das du nicht bewältigen könntest. Ich habe mir nur große Sorgen um dich gemacht.“

Skukius sah in die gütigen, sanften Augen des alten Lehrmeisters und wurde allmählich ruhiger. Er begann zu verstehen.

Dass er mit keinerlei Schutzmaßnahmen für das Zentrum der Hellen Magie betraut worden war, hatte also nichts damit zu tun, dass Meister Lehakonos ihm nichts zutraute. Er hatte vielmehr Angst gehabt, ihm damit zu schaden.

Der alte Lehrmeister sprach in seinem sanften, milden Ton weiter: „Als Rafyndor mir vorhin so stolz erzählte, dass du deine Magie eingesetzt hast, war ich zunächst erschrocken − einfach aus Sorge darüber, was sie bei dir ausgelöst haben könnte. Daher frage ich dich jetzt ganz konkret: Wie geht es dir?“

Skukius, dem durch die Erzählung Meister Lehakonos' einiges klar geworden war, musste über die Antwort erst nachdenken und schwieg deshalb eine Weile. Der alte Lehrmeister wartete geduldig.

Skukius lauschte tief in sich hinein. Was sollte und wollte er von seiner Vergangenheit preisgeben?

Meister Lehakonos hatte mit all seinen Vermutungen ins Schwarze getroffen.

Es stimmte, dass er nicht mitbekommen hatte, wie die Magie in ihn geflossen war. Aber inzwischen wusste er, bei welchem Ereignis dies geschehen war. Denn an den, wie der alte Lehrmeister es genannt hatte, „magischen Unfall“ konnte er sich durchaus erinnern.

Er wollte jedoch nicht darüber reden.

Und es stimmte auch, dass er tatsächlich die dunkle, zerstörerische Magie erlebt hatte.

Damals war er selbst noch nicht mit Magie ausgestattet gewesen. Doch er hatte mit ansehen müssen, wie dunkle Magier sich einen Spaß daraus machten, seine Freunde und Familienmitglieder zu malträtieren und zu töten. Es war grausam gewesen, und Skukius dachte nicht gerne an diese Zeit zurück.

Nach diesem „magischen Unfall“ war er geflohen. Er wollte nicht länger in dieser dunklen Ecke Vanavistarias leben.

So war er hierher ins Zentrum der Hellen Magie gekommen und hatte erkannt, dass hier eine andere Art von Magie unterrichtet wurde − eine Magie, die Heilung bewirkte, sich mit den Elementen der Natur verband und für Harmonie sorgte.

Schon damals war er von dieser Magie fasziniert gewesen. Er wollte sie lernen.

Doch zunächst schienen die Magier ihn immer wieder fortzujagen. Keiner wollte ihn in seiner Nähe dulden, bis Meister Lehakonos auf ihn aufmerksam geworden war und ihn in die „Magie der Naturverbundenheit“ eingeweiht hatte.

Aber bis gestern hatte er diese helle Magie nirgends anwenden können.

Rafyndor hatte ihm die Möglichkeit eröffnet, mit seiner Magie etwas Helles zu bewirken, jemandem zu helfen und sich sogar für den Schutz der Hauptstadt einzusetzen.

Es war ein gutes Gefühl.

Ja, es war tatsächlich ein sehr gutes Gefühl!

Skukius kam zu einem Entschluss. Mit fester Stimme sagte er: „Mir geht es gut, Meister Lehakonos. Ich habe helle Magie angewandt, und das fühlt sich großartig an. Mit Eurer Erlaubnis würde ich Rafyndor gerne weiterhin bei der Sicherung des Waldes helfen.“

Dann wandte er sich an alle Anwesenden und sprach eine große Bitte aus: „Meister Lehakonos hatte mit all seinen Einschätzungen recht. Aber erwartet bitte nicht von mir, dass ich euch von meinem früheren Leben erzähle. Es ist zu schmerzhaft.“

Mitfühlend nickten die anderen, und Meister Lehakonos lächelte.

„Wenn du dich gut dabei fühlst, helle Magie anzuwenden, dann steht dem nichts im Wege, dass du es auch tust“, sagte er sanft.



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