zurück Startseite → Der Planet Agibarania → Wesen und Orte → Titelseite → Inhaltsverzeichnis → 3g) Das Geständnis


Das Geständnis

Als Lililja und Rafyndor von Nanistra, die die Elfe wie inzwischen üblich mit ihrem zuvorkommenden Lächeln begrüßt hatte, zu Meister Lehakonos geführt wurden, war bereits eine große Gruppe Zauberweisen anwesend. Diese schauten ziemlich verwirrt, als Nanistra freundlich verkündete: „Lililja ist angekommen, Hohenmagier“, und dann mürrisch hinzufügte: „Und ein Gast.“

Alle Augen richteten sich fragend auf Meister Lehakonos, doch dieser schüttelte nur schulterzuckend den Kopf. Nach wie vor konnte er sich nicht erklären, warum Nanistra ausgerechnet bei Lililja eine Ausnahme von ihrer sonst so mürrischen Art machte.

Beim Hohenmagier war schon eine große Gruppe Zauberweisen anwesend.

Rafyndor wiederholte vor dem Rat der Zauberweisen Rangalos Aussage und berichtete auch, dass der Vasta-Sperling bereit sei, seinen Angreifer zu identifizieren.

Skukius wurde losgeschickt, um den jungen Goblin Arokando in das Studierzimmer von Meister Lehakonos zu bitten. Da Skukius nun keine Zeit mehr für ihn hatte, kam Rangalo durch das offene Fenster hereingeflattert und setzte sich bei Rafyndor auf die hingehaltene Hand.

Er musterte die Anwesenden genauso neugierig, wie sie ihn betrachteten. Dann zwitscherte er: „Der dicke Magier schaut mich ziemlich böse an.“

Rafyndor musste schmunzeln und erklärte in der Sprache der Vasta-Sperlinge: „Das ist Jadoruc. Er misstraut euch Vögeln grundsätzlich.“

Der Waldgeist holte das Schälchen und das Fläschchen mit dem kalten Kemulitee hervor, schüttete etwas Flüssigkeit in das Schälchen und hielt es Rangalo hin. „Es wird gerade dein mutmaßlicher Angreifer geholt“, erklärte er diesem sanft.

Der Vasta-Sperling hüpfte auf den Schälchenrand und nahm einige Schlucke des Getränks. Dann setzte er sich bei Rafyndor auf den Kopf und versteckte sich in dessen Lockenpracht.

„Rangalo“, sprach Rafyndor sanft, „du bist hier sicher. Du musst dich nicht verstecken.“

Doch Rangalo war nicht bereit, sein Versteck zu verlassen.

Lililja beobachtete das Verhalten des keinen Vogels mit einem Schmunzeln.



Lililja amüsierte sich über Rangalos Versteck.

„Stört es dich arg, wenn Rangalo auf deinem Kopf sitzt?“, fragte sie Rafyndor.

Dieser schüttelte vorsichtig den Kopf.

„Dann lass ihn sich dort oben verstecken“, meinte sie. „Es ist vielleicht gar nicht mal so schlecht, dass Arokando − sollte er tatsächlich der Angreifer gewesen sein − nicht weiß, dass sein Zeuge noch lebt. An seiner Reaktion auf unsere Anschuldigung wird sich zeigen, wie er zu dieser Missachtung seines Schwurs steht.“

Rafyndor nickte bedächtig.

„Wenn du kannst, zwitschere mir ganz leise zu, ob er es ist oder nicht“, sagte Rafyndor an Rangalo gewandt, „damit er nicht mitbekommt, dass du da bist.“

Rangalo zwitscherte leise: „In Ordnung“, und außer Rafyndor und Lililja, die direkt neben ihm stand, hörte niemand etwas von dem Gepiepse.

In diesem Moment klopfte Nanistra an die Tür, öffnete, schlurfte herein und meldete in ihrer üblichen mürrischen Art: „Ein Gast.“

Ein junger Goblin betrat das Studierzimmer. Er ließ den Kopf hängen und wirkte mitgenommen.

Rafyndor spürte schon daran, dass Rangalo augenblicklich erstarrte, dass dies sein Angreifer sein musste. Daher wunderte er sich nicht, dass von Rangalo kein Pieps kam.

Er nickte Lililja unmerklich zu, und sie gab die Information flüsternd an Meister Lehakonos weiter.

„Arokando“, begann der Hohenmagier ernst, „gegen dich werden sehr schwere Anschuldigungen vorgebracht. Unsere Hüterin der Natur und der Magie hat im Magiefluss die Anwendung dunkler Magie festgestellt und vermutet, dass jemand seinen Schwur des Lichtes gebrochen hat.“

Bevor Meister Lehakonos noch fragen konnte: „Was sagst du zu dieser Anschuldigung?“, nickte Arokando bereits traurig zustimmend mit dem Kopf.

„Ja“, antwortete er leise, „ich habe den Schwur gebrochen und einen kleinen Vasta-Sperling getötet. Es war nicht meine Absicht, ihm das anzutun. Ich habe die dunkle Magie absolut unterschätzt, und deshalb ist das kleine bunte Wesen gestorben. Es tut mir so unendlich leid!“



Arokando, der junge Goblin, gab seine Verfehlung ohne große Ausreden zu.

Er schaute offen, aber tieftraurig in die Gesichter der Zauberweisen. Lililja spürte, dass Arokando diesen Vorfall tatsächlich zutiefst bedauerte.

Sie fragte mild: „Kannst du uns erzählen, was passiert ist?“

Arokando seufzte, holte tief Luft und begann dann zu erzählen:



Arokando erzählte von seinen streitsüchtigen Nachbarn.

„Meine Nachbarn haben sich schon immer furchtbar gestritten. Früher war es so schlimm, dass sie sich gegenseitig dunkle Flüche auf den Hals hetzten. Dann kam das Geisterwesen nach Vanavistaria, und die Streitereien wurden weniger, bis sie schließlich ganz endeten.“

Er seufzte erneut und fuhr fort: „Mojalian hat wirklich tolle Arbeit geleistet. Aber seit er uns wieder verlassen hat, haben die Streitigkeiten wieder zugenommen. Es sind auch schon die ersten dunklen Flüche wieder gegeneinander ausgesprochen worden. Da habe ich gedacht, ich versuche es mal mit Gedankenmanipulation, damit sich die beiden wieder beruhigen.“

Er schwieg kurz, zuckte traurig mit den Schultern und erzählte weiter:

„Weil ich aber keine Erfahrung mit der dunklen Magie hatte, habe ich erst einmal versucht, Steine zu manipulieren. Ob ein Stein gestern noch grau war und heute plötzlich grün, blau oder rosa schimmerte, würde vermutlich niemandem auffallen, dachte ich. Daher habe ich mich auf die Farben der Steine konzentriert. Es gelang tatsächlich. Aber am nächsten Tag war um jeden der Steine, die ich manipuliert hatte, ein Blumenkränzchen arrangiert worden. Das hat mich erschreckt und nervös gemacht. Ich zerstörte sie zwar sofort, doch sie tauchten jeden Tag wieder auf. Ich wurde von Tag zu Tag nervöser, weil ich Angst hatte, dass jemandem auffallen würde, dass hier dunkle Magie angewandt worden war. Und so legte ich mich auf die Lauer.“

Erneut machte er eine kleine Pause. Lililja spürte, wie er gegen die Tränen ankämpfte.

Arokando schluckte schwer und sprach in einem etwas heiseren Ton weiter: „Gestern, noch vor Sonnenaufgang, habe ich dann einen kleinen Vasta-Sperling dabei erwischt, wie er dieses Blumenkränzchen um einen Stein legte. Da wurde ich wütend und habe den dunklen Fluch auf ihn abgeschossen. Ich wollte ihn nur erschrecken und verjagen, ich wollte ihn nicht töten. Es tut mir so unendlich leid.“

Seine Stimme war zum Schluss immer leiser und brüchiger geworden. Er ließ den Kopf hängen.

Rafyndor hatte die Aussage des jungen Goblins leise in der Vasta-Sprache wiederholt. Er spürte, wie sich Rangalo aus seinem Haar herauskämpfte. Er duckte sich zwar, setzte sich aber für alle sichtbar auf Rafyndors Kopf. Dann ließ er ein leises Tschilpen ertönen.

Der junge Goblin schaute irritiert und suchte nach der Quelle des Geräuschs. Als er Rangalo auf dem Kopf des Waldhüters entdeckte, bekam er große Augen, die sich mit Tränen füllten.

„Er lebt?“, fragte Arokando unsicher.

Rafyndor sah Meister Lehakonos an, um zu erfahren, ob es ihm gestattet war zu sprechen. Dieser nickte.

„Ja“, antwortete Rafyndor, „er wurde rechtzeitig von einem Korvum-Raben gefunden. Dieser wandte helle Magie an und konnte so den dunklen Fluch unschädlich machen und die Wunde wieder heilen.“



Arokando war überglücklich, als er sah, dass der kleine Vasta-Sperling, von dem er angenommen hatte, er hätte ihn getötet, munter auf Rafyndors Kopf tschilpte.

Lililja beobachtete heimlich Jadorucs Reaktion auf diese Nachricht.

Dieser bekam große Augen. Ihn musste diese Nachricht erschüttert haben. Allerdings erkannte Lililja auch in den Gesichtern der anderen Zauberweisen großes Erstaunen.

Arokando liefen inzwischen die Tränen über die Wangen. „Ich bin so froh, dass es dem Vasta-Sperling gut geht“, sagte er in einem Ton tiefster Erleichterung.

Meister Lehakonos übernahm das Wort und erklärte in sehr ernstem Ton: „Arokando, du hast erfahren, welch schlimme Folgen die Anwendung dunkler Magie mit sich bringt. Dir ist bewusst, dass du nach dem Brechen des Schwurs eigentlich vom Unterricht ausgeschlossen werden müsstest?“

Arokando nickte traurig.

„Ist es dein Wunsch, den Unterricht zu verlassen?“, fragte Meister Lehakonos der Vollständigkeit halber.

Arokando schüttelte entschieden den Kopf. Sein Blick wanderte immer wieder zu Rangalo.

„Dann möchte ich dich bitten, draußen zu warten, während wir beraten“, erklärte der Hohenmagier. „Waldhüter, würdet Ihr ebenfalls bitte das Zimmer verlassen?“

Rafyndor mit Rangalo auf dem Kopf und der junge Goblin folgten der Aufforderung. Sie traten auf den Gang hinaus, um hier das Ende der Besprechung abzuwarten.



Rafyndor und Rangalo warteten
mit Arokando auf dem Flur.

Impressum Sitemap Links Feedback