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Der Abend des ersten Tages


Als Jadoruc am Morgen aus der Haustür getreten war, wusste er schon, dass dies kein guter Tag werden würde.
Als Jadoruc an diesem Abend nach Hause zurückkehrte, lag ein arbeitsreicher Tag hinter ihm. Begonnen hatte er ganz normal, so wie immer. Doch schon als er aus der Tür trat und den schwarzen Nebel sah, wusste er, dass es kein guter Tag werden würde.

Anerkennend musste er allerdings zugeben, dass die Befürchtung der Hüterin eingetroffen war: Der Hauchzauberdunst war manipuliert worden. Sie hatte die Zaubergemeinschaft vorgewarnt, sodass es zumindest unter den Führern des Landes keine böse Überraschung gegeben hatte. Das hatte sie trotz ihres jungen Alters recht geschickt gemacht, dachte er.

Dann war er durch den magischen Ruf in die Kristallhöhle gerufen worden. Schon darüber hatte er sich sehr geärgert, erinnerte er sich. Vor allem darüber, dass sie allen Zauberwesen zumutete, diesen beschwerlichen Weg durch den dichten, schwarzen Nebel bis zur Kristallhöhle auf sich zu nehmen.

Wie viele düstere Gedanken waren ihm dabei durch den Kopf gegangen!

Wenn er nicht über ein solches Durchhaltevermögen verfügt hätte, lobte er sich selbst, wäre er wohl gar nicht bis zum Versammlungsort gelangt. Es war entsetzlich gewesen, und er war froh, als er endlich sein Ziel erreicht hatte.

Alle hatten abgekämpft ausgesehen. Niemand war leichten Schrittes hierher gelangt, und er hatte Verständnis für jedes Zauberwesen, das diesen beschwerlichen Weg nicht auf sich genommen hatte. Ob er selbst es beim nächsten Mal noch einmal tun würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Dann war die Elfe eingeschwebt. Anders konnte man es wirklich nicht bezeichnen. So leichtfüßig, wie sie in die Kristallhöhle gekommen war, konnte man ihre Art der Fortbewegung nur als „Schweben“ bezeichnen. Sie war direkt auf das Podium zugelaufen und hatte einen Lichtsegen gesprochen.

Plötzlich war jegliche Schwermut von ihm abgefallen. Er fühlte sich leicht und beschwingt, ja geradezu unendlich rein. Das hatte ihn wirklich überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet.

Er musste zugeben, dass diese Aktion ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht hatte. Eigentlich hatte er ihr seine Hilfe anbieten wollen, doch nach dem Lichtsegen fühlte er sich so wohl in seiner Haut, dass er diesen Vorsatz umgehend vergessen hatte.

Als sie anschließend die Versammlung leitete, tat sie dies mit so viel Bravour, dass man den Eindruck gewinnen konnte, sie hätte ihr ganzes Leben lang nichts anderes gemacht. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an, ihr seine Hilfe anzubieten. Sie schlug sich wirklich hervorragend!

Daher hatte er sich auch für die Arbeitsgruppe gemeldet, die sich mit dem dunklen Magier befassen wollte, obwohl er eigentlich noch seinen Unterricht für den nächsten Tag hätte vorbereiten müssen. Doch er hatte das Gefühl, dass der Unterricht im Moment nicht an erster Stelle stehen sollte. Wichtiger war es, etwas über die Bedrohung herauszufinden.



Nachdem Lililja den Lichtsegen über die anwesenden Magier gebreitet hatte, hatte sich Jadoruc so wohl gefühlt, dass er spontan vergaß, ihr seine Hilfe bei der Führung des Landes anzubieten.

Als er die Versammlung verließ, hatte er den schwarzen Nebel, der ihn draußen erwartete, tatsächlich völlig vergessen. Zu seiner Verwunderung wich dieser ohnehin vor seinen Schritten zurück. Damit hatte die junge Elfe ihn endgültig überzeugt. Sie musste die Hüterin des Lichtes sein. Anders konnte er sich diese Begebenheit nicht erklären.



Jadoruc hatte es als äußerst unangebracht empfunden, dass die Hüterin des Lichtes sich so gut mit dem Schwurbrecher angefreundet hatte.

Was ihm allerdings etwas sauer aufgestoßen war, war die Tatsache, dass sie inzwischen so eng mit dem jungen Goblin befreundet war, der dunkle Magie angewandt hatte. Er nannte sie beim Vornamen und sagte „du“ zu ihr! Wie konnte sie als Hüterin des Lichtes nur mit jemandem wie ihm eine solch enge Beziehung eingehen?

Es war ohnehin eine Unverschämtheit, dass der junge Unhold für seinen Einsatz dunkler Magie auch noch so viel Anerkennung erhielt: eine Assistenzstelle bei Meister Vatanos! Niemand schien ihn für seinen Einsatz dunkler Magie und den Bruch des Lichtschwurs bestrafen zu wollen! Aber er, Jadoruc, würde den jungen Goblin sehr genau im Auge behalten. Der sollte es noch einmal wagen, dunkle Magie anzuwenden!

Nach dem Unterricht hatte sich Jadoruc schließlich mit der Arbeitsgruppe getroffen. Sie hatten ausführlich über die Absichten des dunklen Magiers diskutiert, waren letztendlich aber zu dem Schluss gekommen, dass dieser die Herrschaft über Vanavistaria an sich reißen wollte. Eine andere sinnvolle Absicht war nicht zu erkennen.

Jadoruc ging ins Bett. Am nächsten Tag würde er erneut den beschwerlichen Weg zur Kristallhöhle auf sich nehmen und der Hüterin des Lichtes Bericht erstatten. Sie würde gewiss wieder den Lichtsegen über ihn und die anderen breiten, der alles leichter gemacht und ihm so gutgetan hatte. Dafür lohnte sich die Strapaze des Weges.

Mit diesem Gedanken schlief Jadoruc ein.

Auch Meister Lehakonos ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Er saß in seinem Studierzimmer am Schreibtisch und ließ den Blick durch den Raum schweifen − über die vielen Bücher, Schriftrollen und Artefakte.

Wieder musste er an Mojalian denken. Wie hatte dieser seine Sammlung noch gleich genannt? Eine „materielle Anhäufung des Wissens“. Ja, das war es wohl, nickte der alte Lehrmeister niedergeschlagen. Aber was bedeutete diese in solch dunklen Zeiten wie jetzt?

Seit Lililja die Führung des Landes übernommen hatte, fühlte er sich irgendwie als unnützes Beiwerk, als wäre er seines Postens als Hohenmagier enthoben worden.



Meister Lehakonos dachte über den Tag nach und ließ seinen Blick durch sein Studierzimmer schweifen.

Was brachte ihm alle diese „Anhäufung des Wissens“ angesichts der Bedrohung, die sich über Vanavistaria gelegt hatte? Heute hatte er jedenfalls keinen sinnvollen Beitrag leisten können.

Lililja hatte ihre Sache sehr gut gemacht. Sie war auf die Vorschläge eingegangen und hatte die verbale Auseinandersetzung zwischen dem vorlauten Magier aus den hinteren Reihen − der alte Lehrmeister hatte nicht erkennen können, wer es gewesen war − und Rafyndor hervorragend aufgefangen.

Überhaupt hatte sich Rafyndor heute von einer Seite gezeigt, wie Meister Lehakonos ihn noch nie erlebt hatte. Dass der sonst so schüchterne und zurückhaltende Waldgeist gleich zweimal lautstark auf verbale Angriffe gegen Lililja reagieren würde, hätte der alte Lehrmeister nicht erwartet. Das hätte er eher dessen Cousine Pranicara zugetraut.

Diese finsteren Zeiten schienen eine mächtige Wandlung mit sich zu bringen, dachte Meister Lehakonos. Eine blutjunge Elfe wurde zur Führerin des Landes, ein altgedienter Hohenmagier auf die hinteren Ränge verbannt, ein schüchterner Waldgeist zum Beschützer, eine alte Hausmagd zu einer mächtigen Magierin und ein ewig skeptischer Vykati − hierbei musste er an Jadoruc denken − zu einem zahmen Kätzchen. Seltsame Zeiten waren das!



Meister Lehakonos hatte sich Nanistras Gruppe angeschlossen, weil er nicht so recht wusste, was er tun sollte.

Da er sich irgendwie unnütz fühlte, hatte er sich in der morgendlichen Versammlung der Gruppe um Nanistra angeschlossen. Sicher, er hätte sich auch für Jadorucs Gruppe entscheiden können, aber die Rangordnung hatte sich verändert. Früher war er der ranghöchste Magier gewesen, der alles koordinierte und dem die Verantwortung zufiel. Nun hatte Lililja diese Aufgabe übernommen.

Daher hätte er sich in Jadorucs Gruppe vermutlich nicht wohlgefühlt. Plötzlich wäre er einer unter Gleichgestellten gewesen, und es hätte sich für ihn wie eine Degradierung angefühlt.

Eigentlich war es das ja auch − nur hatte er keinen Einfluss darauf gehabt. Diese Degradierung war durch das Schicksal über ihn gekommen, nicht durch ein Fehlverhalten seinerseits. Dennoch fühlte es sich an, als wäre er für irgendetwas bestraft worden.

Meister Lehakonos seufzte. Hatte er sich so sehr an den Posten des Hohenmagiers gewöhnt, dass er ihn nun nicht mehr räumen konnte? Dabei hatte er das Amt damals eigentlich eher widerwillig angenommen. Zu seiner eigenen Überraschung war er zum Hohenmagier gewählt worden und hatte die Aufgabe anschließend pflichtgemäß, wenn auch ohne große Begeisterung, übernommen.

Warum fiel es ihm nun so schwer, das Amt an Lililja abzutreten?

„Nanistra“, sagte er.

Angesichts der äußerst merkwürdigen Zeiten war er sich allerdings nicht sicher, ob der magische Vertrag noch immer Bestand hatte und sie ihn hören würde.

Doch tatsächlich kam sie. Sie klopfte an und trat mit einem Tablett ein, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen standen.

„Hohenmagier“, fragte sie, „darf ich Euch ein wenig Gesellschaft leisten?“

Meister Lehakonos stand auf, ging zum Tisch und bot ihr den Sessel an. Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

„Das ist Euer Platz!“, sagte sie sanft.

„Bist du dir sicher?“, rutschte es dem alten Lehrmeister heraus.



Nanistra kam umgehend, nachdem Meister Lehakonos sie gerufen hatte, ins Studierzimmer und brachte Tee mit.

Sie nickte und nahm auf einem Stuhl Platz. Anschließend goss sie Tee in die beiden Tassen und stellte eine davon vor Meister Lehakonos ab. Der alte Lehrmeister nahm die Tasse in die Hand und nippte an seinem Tee.

„Ihr wisst gerade nicht, wo Euer Platz ist, richtig?“, fragte Nanistra sanft.

Meister Lehakonos sah sie an und zuckte dann mit den Schultern.

„In unserer Familie wird erzählt, dass es Meister Banavastrus damals ähnlich ergangen ist, als Tarodastrus die Führung des Landes übernehmen musste“, erklärte sie.

Der alte Lehrmeister blickte sie verwundert an. In den Geschichtsaufzeichnungen wurde Meister Banavastrus stets als agierender und die Geschicke lenkender Hohenmagier dargestellt.

Dann verstand er.

„Tarodastrus!“, sagte er lächelnd. „Er hat seinen Beitrag aus den Geschichtsbüchern gelöscht und alles so dargestellt, als hätte Meister Banavastrus die gesamte Arbeit geleistet, die eigentlich er selbst verrichtet hatte.“

Nanistra lächelte.

„Wenn die Krise vorüber ist“, sagte sie, „werdet Ihr wieder der Hohenmagier sein − mit all der Verantwortung, die derzeit auf der Hüterin des Lichtes liegt. Seht diese Zeit als eine kleine Auszeit an. Später werdet Ihr wieder als Hohenmagier gebraucht.“



Nanistra gab dem Hohenmagier den Rat, diese
Zeit der Bedrohung als kurze Auszeit anzusehen,
da er später wieder gebraucht würde.

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