|
|
|
|
|
Nach der Versammlung bat Lililja die anwesenden Vykati, sich um Demojon zu versammeln, um die Wuruhudi-Steine aus dem Wald auf die Morgenglanzlichtung zu bringen. Betretenes Schweigen war die Antwort.
Lililja seufzte. Etwas Ähnliches hatte sie erwartet.
Demojon galt in seinem Volk als Außenseiter, als jemand, mit dem man sich besser nicht zeigte. Er war zu emotional und zu impulsiv, als dass er trotz seiner Kompetenz auf seinem Gebiet bei den Mitgliedern seines Volkes Anerkennung finden würde.
Das machte sie zugleich traurig und wütend. Die Anwesenden mussten doch erkennen, wie wichtig es war, die Felsen hierherzubringen!
|

Pranicara war entsetzt über die Ablehnung, die Demojon von den Mitgliedern seines Volkes erfuhr.
|
|
Auch Pranicara war sprachlos. Sie wusste, dass die Vykati ein sonderbares Volk waren, das auf andere magische Völker herabblickte. Doch ihr war nicht bewusst gewesen, wie deutlich sie ihre Verachtung gegenüber jemandem aus den eigenen Reihen zum Ausdruck bringen konnten, der nicht den gängigen Vorstellungen eines Vykati entsprach.
Mitfühlend sah sie Demojon an, der schief lächelnd die Schultern zuckte.
„Ich hatte dich vorgewarnt, dass ich als missratener Vykati gelte“, sagte er, und erneut schwang Unsicherheit in seiner Stimme mit.
|
„Du bist nicht missraten!“, stellte sie wütend fest. „Du bist einmalig und wunderbar! Lass dir nicht immer einreden, dass du nichts wert bist!“ Dann wurde ihre Stimme sanfter, während sie seine Hand streichelte. „Ich finde dich großartig, und ich bin glücklich darüber, dich näher kennengelernt zu haben.“
Ein zaghaftes Lächeln legte sich auf Demojons Gesicht, und er umarmte sie, wohl wissend, dass die anderen Vykati dies mit abfälligen Blicken bedachten.
Plötzlich erklomm zu Lililjas Überraschung die alte Nanistra das Podium. Sie stellte sich an dessen Rand und ließ ihren strengen Blick über die Menge schweifen.
|
Mit fester und klarer Stimme sprach sie: „Ihr solltet euch schämen! Demojon hat mit den Wuruhudi-Steinen eine wichtige Entdeckung gemacht, die das Überleben der Zaubergemeinschaft sichern könnte. Und nur, weil ihr der Meinung seid, dass sein Charakter nicht dem eines Vykati würdig ist, verweigert ihr ihm eure Mitarbeit? Wer soll diese Felsen herbeischaffen, wenn nicht wir Vykati mit unserer Magie? Also stellt eure persönlichen Ressentiments hintenan und helft ihm gefälligst! Ansonsten werde ich mich ihm anschließen und die Felsen gemeinsam mit ihm herbeischaffen. Oder ist doch noch jemand Jüngeres bereit, dies für mich zu übernehmen?“
|
|

Nanistra rief die Vykati dazu auf, Demojon zu unterstützen.
|
Ein Raunen ging durch die Menge. Die Vykati sahen sich betreten an. Schließlich traten zwei junge Vykati auf Demojon zu und sagten deutlich: „Wir helfen dir.“
Für die Waldgeistfrau an seiner Seite hatten sie jedoch nur einen verächtlichen Blick übrig.
Leise murmelte Pranicara Demojon zu: „Sag nichts. Ich komme damit klar.“ Sie zwinkerte ihm zu und gesellte sich zu Rafyndor.
Nachdem die Waldgeistfrau von Demojons Seite gewichen war, kam ein weiterer Vykati auf ihn zu und erklärte vernehmlich: „Ich helfe dir auch!“
Nach und nach entschlossen sich immer mehr Vykati, Nanistras Aufruf zu folgen und Demojon zur Seite zu stehen. Als sich schließlich eine Gruppe von zehn Vykati gefunden hatte, die beim Transport der Wuruhudi-Steine helfen wollte, brach Demojon auf.
Nun hatte Pranicara Zeit, Skukius gründlich zu untersuchen.
|

Nach der Versammlung untersuchte Pranicara Skukius noch einmal intensiv.
|
|
„Und du bist sicher, dass der dunkle Magier dunkle Flüche auf dich abgefeuert hat?“, fragte sie schließlich erstaunt. „Ich kann keinerlei Verletzungen finden, nur viele alte Narben.“
„Das sind die Überbleibsel aus meinem früheren Leben bei den dunklen Magiern“, erklärte Skukius mit fester Stimme.
Pranicara sah erst ihn, dann die anderen Anwesenden verwundert an.
„Tja“, sagte sie, „somit gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder, er hat dich jedes Mal verfehlt...“
|
„Niemals!“, warf Skukius ein. „Er war immer absolut treffsicher!“
„...oder“, fuhr sie fort, „du bist durch deinen magischen Unfall immun gegen dunkle Magie geworden.“
Skukius sah aus, als würde er plötzlich etwas verstehen.
„Das würde erklären“, sagte er, „warum ich dem magischen Käfig entkommen konnte, in den Hadadust mich und meine Familie gesperrt hatte, um dunkle Flüche an uns zu testen.“
Die Umstehenden wurden bleich.
„Was hat der Schuft getan?“, knurrte Rafyndor, der es nicht glauben konnte.
Skukius wiederholte seine Aussage noch einmal und erklärte dann leise: „Daher konnte ich dir bei den Vorbereitungen auf den Schleiersturm nicht beim Anbringen der magischen Netze vor den Höhlen helfen. Es ging einfach nicht.“
Rafyndor nickte verständnisvoll.
„Skukius“, sagte Pranicara sanft, „ich würde dich gerne über Nacht unter Beobachtung halten. Du siehst nicht so fit aus, als dass ich dich gerne allein fliegen lassen würde. Wärst du einverstanden, die Nacht bei mir zu verbringen?“
|
In Skukius' Augen erschien Panik, und er sah Rafyndor bittend an.
Daraufhin wandte sich der Waldhüter an Pranicara und fragte: „Kann ich das übernehmen? Wenn es nur darum geht, dass er nicht allein ist, kann er auch mit zu mir in die Waldhütte kommen.“
„Das ist kein Problem“, meinte Pranicara. „Ich bringe dir gleich ein Tonikum vorbei, mit dem du sein Gefieder vorsichtig einreiben musst. Das sollte auch gegen die alten Narbenschmerzen helfen.“
|
|

Rafyndor bat, Skukius’ Pflege für die Nacht übernehmen zu dürfen.
|
Rafyndor warf Lililja einen fragenden Blick zu, doch sie lächelte milde.
„Wir werden heute Abend einmal auf den Spaziergang verzichten“, erklärte sie nachsichtig. „Ich denke, Skukius und du, ihr werdet euch viel zu erzählen haben.“
Rafyndor strahlte Skukius an. „Dann kommst du mit zu mir, und meinetwegen darf Rangalo auch kommen. Hoffentlich verwüstet der mir nicht die Hütte!“
Rafyndor verdrehte die Augen, während Lililja und Pranicara lachten.
Inzwischen kehrte die Gruppe um Demojon auf die Morgenglanzlichtung zurück.
|

Jeweils zwei Vykati ließen einen Felsen vor sich herschweben.
|
|
Jeweils zwei Vykati berührten einen Felsbrocken mit der Hand und ließen ihn vor sich herschweben. Demojon dirigierte die Gruppe und verteilte die Felsen ringförmig über die gesamte Lichtung.
Die Vykati ließen die Felsen vorsichtig zu Boden sinken.
Sobald alle an den geeigneten Stellen standen, lief Demojon von Wuruhudi-Stein zu Wuruhudi-Stein, berührte jeden mit der Hand und sprach dabei: „Vadho Wuruhudi! Entfalte dich und lass dein wahres Potenzial erstrahlen.“
|
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, begannen die Adern des Felsens zu pulsieren. Der Stein wuchs, wurde höher und breiter, bis er das Zehnfache seiner ursprünglichen Größe erreicht hatte. Dann hörte das Pulsieren der Adern auf.
Nachdem Demojon diese Prozedur bei allen Felsen durchgeführt hatte, betrachtete er sein Werk und rümpfte die Nase.
Dieser eine Felsen sollte besser noch zwei Schritte weiter links stehen, dachte er. Aber um diesen Felsen jetzt noch zu bewegen, bräuchte es zehn Vykati und nicht nur zwei.
Er sah sich nach seinen Helfern um und stellte erstaunt fest, dass sie ihm allesamt bewundernde Blicke zuwarfen. Verunsichert schaute er zu Pranicara hinüber, die strahlend den Daumen in die Höhe streckte und applaudierte.
|
Demojon räusperte sich und sagte dann mit möglichst fester Stimme: „Darf ich euch noch einmal um einen Gefallen bitten? Dieser Felsen müsste noch ein wenig verrückt werden. Wenn ihr alle mit anfasst, sollte das möglich sein.“
Ohne zu murren, kamen die Vykati heran.
Demojon erklärte ihnen, wohin der Fels verschoben werden musste, und zeigte jedem Einzelnen die Stelle, an der er seine Hand auflegen sollte. Als alle Vykati richtig standen, zählte Demojon von drei an rückwärts. Gemeinsam sprachen sie im Chor: „Hovara!“
|
|

Demojon bat die Helfer, noch einmal beim Verrücken eines gewachsenen Felsen zu helfen.
|
Der vier Meter große Felsen hob sich in die Luft. Mit Tippelschritten veränderten die Vykati ihre Positionen.
Als Demojon den Felsen an die gewünschte Stelle manövriert hatte, rief er: „Stopp!“, und zählte erneut von drei an rückwärts. Mit dem gemeinschaftlich gesprochenen Wort „Dropa“ setzten sie ihn an der vorher gezeigten Stelle ab.
„Ich danke euch“, sagte Demojon mit strahlenden Augen. „Nun stehen alle Felsen dort, wo sie strategisch am günstigsten platziert sind.“
Einer der Vykati-Helfer begann zu applaudieren, und schon bald fielen die anderen Vykati sowie alle noch anwesenden Zauberwesen auf der Morgenglanzlichtung mit ein. Demojon wurde rot und wusste nicht, wohin er schauen sollte. Daher suchte er Pranicaras Blick und konzentrierte sich auf ihr warmherziges Lächeln.
Als der Applaus verklungen war, lief Pranicara auf Demojon zu, fiel ihm um den Hals und jubelte: „Das war sagenhaft! Alle Wesen deines Volkes waren tief beeindruckt von dir!“
Demojon seufzte. „Leider wird diese Euphorie nicht lange anhalten“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Spätestens wenn ich meine Begeisterung wieder einmal nicht zügeln kann, werden die alten Vorbehalte mir gegenüber genauso stark zurückkehren.“
Das weitaus gravierendere Problem, das zu seiner endgültigen und unumkehrbaren Verbannung aus der Gemeinschaft der Vykati führen würde, wollte er lieber nicht ansprechen.
|

Auf dem Weg zu Rafyndors Hütte erzählte Skukius von seinen Albträumen.
|
|
Nachdem sich die Versammlung endgültig aufgelöst hatte, griff Rafyndor nach dem Korb mit dem Korvum-Raben und machte sich auf den Weg zurück zu seiner Hütte.
Unterwegs druckste Skukius ein wenig herum.
„Rafyndor“, sagte er schließlich zögernd, „ich werde von Albträumen geplagt, die sich immer um meine Zeit bei den dunklen Magiern drehen. Es kann sein, dass ich im Schlaf schreie. Deshalb wollte ich nicht bei Pranicara bleiben.“
„Wenn du schreist, werde ich dir sanft über den Rücken streicheln. Meinst du, das könnte dir helfen?“, fragte der Waldhüter behutsam.
|
„Wir können es ja einmal versuchen“, sagte Skukius dankbar. „Aber eigentlich wollte ich dich wegen des Schreiens nur warnen.“
|
In der Waldhütte angekommen, stellte Rafyndor Skukius' Korb neben seinem Bett ab, sodass er im Liegen problemlos nach dem Korvum-Raben greifen konnte.
Vorsichtig fragte er: „Wie kommt es eigentlich, dass du plötzlich so offen über deine Vergangenheit reden kannst?“
„Als ich damals zu euch gekommen bin“, begann Skukius noch immer ein wenig zögernd, „wollte ich meine Vergangenheit vergessen. Das hatte auch mit meinem schlechten Gewissen gegenüber meiner Familie zu tun. Ich war geflohen und hatte sie bei Hadadust zurückgelassen. Ich wollte alles verdrängen und nie wieder darüber sprechen.
|
|

Rafyndor stellte Skukius’ Korb so, dass er im Liegen zu ihm hinübergreifen konnte.
|
Hadadusts Stimme brachte alles wieder an die Oberfläche. Ich konnte mich eine ganze Zeit lang nicht rühren, war wie gelähmt. Plötzlich wurde mir klar, dass Hadadust der dunkle Magier sein könnte, der Vanavistaria vernichten will. Und dann kamen mir all meine Freunde in den Sinn, die ich inzwischen gefunden habe, insbesonders du und Rangalo.
Mir wurde bewusst, dass ich nicht zulassen konnte, dass er euch dasselbe antut, was er mir und meiner Familie angetan hatte. Mit dieser Erkenntnis konnte ich mich mit einem Mal wieder bewegen, und ich nahm mir vor, zu meiner Vergangenheit zu stehen und sie nicht länger geheim zu halten.“
Während Rafyndor und Skukius es sich in der Hütte des Waldhüters bequem machten, war Lililja nach Hause zurückgekehrt und freute sich auf einen Gedanken-Abend mit Mojalian. Sie hatte ihm gegenüber ein leicht schlechtes Gewissen, weil sie Rafyndor ihm vorgezogen hatte - obwohl das Geisterwesen ihr stets hilfreich zur Seite gestanden hatte, seit sie die Führung des Landes übernehmen musste, und ihr immer wieder versicherte, dass er sie von Herzen liebte. Sie hatte sich ihm gegenüber ziemlich undankbar verhalten.
|

Lililja wollte sich bei Mojalian dafür entschuldigen, dass sie Rafyndor ihm vorgezogen hatte, doch Mojalian winkte dies als unnötig ab.
|
|
Als sie ihn darauf ansprach und sich entschuldigen wollte, lachte er auf und meinte zärtlich: Ach, mein Liebling, deswegen kann ich dir doch nicht böse sein. Du kennst Rafyndor schon viel länger als mich und hast dich ihm gegenüber immer in einer Beschützerrolle gesehen. Hast du wirklich gedacht, ich würde von dir erwarten, dass du für mich deine Freunde aufgibst? Selbst wenn wir vereint wären und uns täglich sehen könnten, würde Rafyndor in deinem Herzen den größeren Platz einnehmen. Ich sehe aber, dass auch ich fest in deinem Herzen verankert bin, und allein das zählt für mich.
Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie Mojalian sie liebevoll anlächelte. Dann fragte er: Bist du bereit, den Schutzzauber über dich zu sprechen, damit du vor dem Amulett geschützt bist?
|
Lililja nickte.
Daraufhin sprach Mojalian ihr die Schutzformel vor, und sie wiederholte sie laut: „Im Glanz der inneren Sonnenstrahlen, mögest du, dunkles Amulett, erblinden und taub werden für all mein Tun und Sprechen.“
Jetzt bist du für alle Zeiten vor dem Amulett geschützt, Liebes, meinte Mojalian sanft.
Lililja berichtete ihm von Skukius' Erkenntnissen und auch von den vielen Amuletten und Artefakten. Sie spürte, dass diese Neuigkeiten Mojalian in Unruhe versetzten.
Was ist, Mojalian?, fragte sie besorgt.
Mojalian zögerte mit seiner Antwort. Schließlich seufzte er und sagte leise: Diese Artefakte und Amulette deuten auf die Beteiligung eines Unda Palata hin.
Lililja geriet in Panik.
Aber wenn der Unda Palata hier ist und keiner von euch zu uns reisen kann, dann sind wir verloren! Dann wird er Vanavistaria vernichten!
Liebes, beruhige dich!, versuchte Mojalian, sie zu beschwichtigen. Erstens deutet es nur auf seine Beteiligung hin, nicht darauf, dass er bereits auf eurer Welt ist. Und zweitens besteht vielleicht die Möglichkeit, dass das Portal repariert werden kann. Es fehlt ein Smaragd. Wenn dieser wiederbeschafft werden könnte, würde das Portal vielleicht wieder in beide Richtungen funktionieren.
Du musst morgen unbedingt mit Nanistra sprechen, noch bevor du die Versammlung einberufst. Erkläre ihr, wie notwendig es ist, dass sie das Geheimnis um das Portal endlich lüftet. Ich bin mir sicher, dass sie mehr weiß, als sie bislang gesagt hat.
|

Mojalian befürchtete, dass an dem Angriff des Dunklen Magiers ein Unda Palata beteiligt sein könnte.
|
|
|