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Hass

Rafyndor hatte sich inzwischen von seinem ersten Schock erholt. Wie alle anderen hatte er die Morgenglanzlichtung verlassen, um zu seiner Arbeit zurückzukehren, und dabei Skukius in seinem Korb mitgenommen. Allerdings stand er noch immer unter dem Lichtsegen, den er früh am Morgen von der Hüterin des Lichtes erhalten hatte. So konnte er den schweren, schwarzen Nebel ohne Beschwerden durchqueren.

Während er zu seiner Hütte im Wald unterwegs war, hallten Lililjas Abschiedsworte in seinem Kopf wider: „Es tut mir so unendlich leid. Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen.“

Rafyndor kehrte mit Skukius im Korb zu seiner Hütte zurück.

Ach, meine allerliebste Lililja, da gibt es nichts zu verzeihen, dachte er unentwegt.

Pranicara hatte gesagt, dass Lililja längst über seine Gefühle für sie Bescheid wusste. Er musste sich in seinem Verhalten ihr gegenüber also nicht länger zurückhalten. Endlich konnte er ihr zeigen, was er für sie empfand, sie zärtlich ansehen, ohne sich dafür schämen zu müssen, und sie liebevoll umarmen, ohne dabei diese fürchterliche Angst in sich zu tragen, dass sie sein Geheimnis entdecken könnte.

Aber warum nur hatte sie sich in Mojalian verlieben müssen und nicht in ihn, Rafyndor?

Bei dem Gedanken an Mojalian durchbohrte ihn ein Stachel des Hasses.

Wie konnte dieser ihn nur so hintergehen? Mojalian hatte ihm einst versprochen, sich nicht zwischen ihn und Lililja zu drängen. Und nun hatte er sie doch für sich gewonnen, hatte sie so lange umworben, bis sie sich in ihn verliebt hatte.

Das war nun nicht mehr zu ändern. Aber daran trug wahrlich nicht seine Lililja die Schuld. Das war allein das Werk dieses Geisterwesens, dieses Seelen-Drastas!

In diesem Moment hasste Rafyndor Mojalian so abgrundtief, wie er noch niemals jemanden gehasst hatte.



Rafyndor kam in den Sinn, dass Lililja stets eng umschlungen mit ihm über die Wege der Hauptstadt gelaufen war.

Doch plötzlich kam ihm ein anderer Gedanke:

Lililja war stets eng umschlungen mit ihm über die Wege der Hauptstadt gelaufen. Warum hatte sie das zugelassen, wenn ihr Herz doch eigentlich jemand anderem gehörte und sie über Rafyndors Gefühle für sie Bescheid gewusst hatte?

Für den Bruchteil eines Moments durchzuckte ihn ein hässlicher Gedanke: Hatte sie mit ihm gespielt?

Doch sofort widersprach er sich selbst entschieden: Nein! Das würde seine Lililja niemals tun!

Plötzlich erinnerte er sich an die Worte, die sie ihm nach ihrem Spaziergang an jenem ersten Abend zum Abschied gesagt hatte, nachdem Pranicara ihn aus seiner selbst gewählten Isolation zurückgeholt hatte: „Seit ich dich kenne, habe ich in dir immer meinen kleinen Bruder gesehen, auf den ich aufpassen muss. Ich liebe dich, Rafyndor, und du sollst immer zu mir kommen können, was auch immer dir auf dem Herzen liegt.“

Ja, dachte er zärtlich. Sie liebte ihn auch, wenn auch nicht auf die Weise, die er sich so sehnlichst gewünscht hatte.

Der Kuss in der Kristallhöhle, nachdem er erstarrt war, und das Um-den-Hals-Fallen nach seiner Rückkehr − all das deutete auf ihre Liebe zu ihm hin. Allerdings, und er seufzte tief auf, handelte es sich lediglich um geschwisterliche Liebe.

Ja, dachte er bedauernd. Lililja liebt mich wie eine große Schwester ihren kleinen Bruder. Aber eben nicht mehr.

Ein weiterer Seufzer entrang sich seiner Brust.

Abrupt blieb er stehen.

Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass Lililja allein auf dem Weg zum Schattensmaragd war.

Er hatte sie allein losziehen lassen! Niemand war bei ihr, um sie zu beschützen!

Sie hatte einen langen Weg vor sich − zunächst bis zu diesem Smaragd und anschließend weiter zum Portal. Ganz allein, ohne Unterstützung, ohne Begleitung!

Langsam setzte er sich wieder in Bewegung und begann zu überlegen: Wie lange war sie schon unterwegs? Drei Stunden? Das konnte er sicherlich wieder aufholen, wenn er sich beeilte und die Nacht hindurchlief.



Plötzlich wurde Rafyndor bewusst, dass sich Lililja ganz allein auf der Suche nach dem Schattensmaragd befand.

Skukius sollte ihn führen. Er fand schließlich immer alle Wesen, nach denen er suchte. Er musste nur noch das Tonikum für Skukius holen, dann würde er Lililja folgen!

Die Arbeit im Wald würde ihm schon nicht davonlaufen, dachte er angesichts des ohnehin überall wabernden schwarzen Nebels.

Seine Schritte wurden schneller. Vor seiner Hütte setzte er Skukius samt Korb auf der Bank ab, holte das Tonikum und einige wenige weitere Dinge heraus, die er mitnehmen wollte, setzte sich den Korvum-Raben auf den Arm und sagte: „Bring mich zu Lililja!“

Skukius hatte die ganze Zeit geschwiegen, da er gespürt hatte, wie sehr Rafyndor mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen war. Nun jedoch sah er ihn skeptisch an und fragte misstrauisch: „Warum? Meister Lehakonos hat gesagt, sie sei auf einer geheimen Mission.“

„Ja“, stimmte Rafyndor grimmig zu. „Sie will den fehlenden Smaragd für das Portal besorgen und dann...“ Seine Stimme nahm einen feindseligen Klang an. „... Mojalian herholen.“

Skukius erschrak über Rafyndors hasserfüllten Tonfall. Eigentlich hatte er erwartet, dass der Waldhüter sich über die erneute Anwesenheit des Geisterwesens in Vanavistaria freuen würde. Schließlich hatte Rafyndor stets freundlich über Mojalian gesprochen.

Was hatte sich verändert?

Erst jetzt wurde Skukius bewusst, was Rafyndor gerade über Lililjas geheime Mission gesagt hatte, und er erschrak noch mehr.

„Wir sollen das Portal doch nicht erwähnen!“, sagte er leise. „Sonst kommen die Unda Dingsda!“

„Die sind schon längst unterwegs“, entgegnete Rafyndor noch immer grimmig. „Das ist ja der Grund, weshalb sich Lililja auf die Suche nach dem Smaragd macht.“

„Weiß sie denn, wo sich der Stein befindet?“, wunderte sich Skukius.



Rafyndor sprach im feindseligen Ton über Mojalian.

„Ja“, knurrte Rafyndor. Seine Stimme klang wieder feindselig. „Mojalian hat es ihr verraten.“

Das verwirrte Skukius noch mehr.

„Sie weiß schon seit einem Jahr, wo sich der Smaragd befindet, und hat nichts unternommen, um ihn zu beschaffen?“, fragte er irritiert.

Rafyndor gab keine Antwort. Er war in düstere Gedanken versunken, die sich hasserfüllt um das Geisterwesen drehten und zugleich von tiefer Sorge um Lililja erfüllt waren.

„Also führst du mich jetzt zu Lililja?“, fragte Rafyndor ungeduldig.

Skukius horchte in sich hinein, doch er konnte die Elfe nicht erspüren.

„Ich finde sie nicht“, entgegnete er verblüfft.

Er versuchte es noch einmal, doch wieder ließ ihn sein Instinkt im Stich.

Besorgt darüber, dass seine angeborene Fähigkeit durch die dunklen Flüche, die er während des Kampfes hatte einstecken müssen, verschwunden sein könnte, suchte er nach Meister Lehakonos und entdeckte ihn in dessen Studierzimmer.

Pranicara war inzwischen in ihre Hütte zurückgekehrt, wie der Korvum-Rabe zu seiner Zurfriedenheit feststellte.



Skukius konnte Lililja nicht finden.

Seine Fähigkeit, die von ihm gesuchten Personen aufzuspüren, war also noch vorhanden. Daher versuchte er es ein drittes Mal. Doch auch diesmal gelang es ihm nicht, Lililja zu finden.

„Ich weiß nicht, woran es liegt“, sagte Skukius erschüttert, „aber ich kann Lililja nicht finden. Es scheint, als wäre sie aus meinem Fokus verschwunden.“

Bestürzt sah er Rafyndor an.

Der Waldgeist spürte, wie Panik in ihm aufstieg.

Warum konnte Skukius Lililja nicht ausfindig machen? Was blockierte ihn?

Er, Rafyndor, musste doch etwas unternehmen! Er konnte Lililja doch nicht völlig auf sich allein gestellt den langen Weg zum Portal zurücklegen lassen! Wer wusste schon, mit welchen Gefahren die Wiederbeschaffung des Smaragds verbunden war?

Für einen Moment stand er regungslos da. Dann gewann seine Entschlossenheit die Oberhand.

Jetzt zu Meister Lehakonos zu gehen, würde nichts bringen, dachte Rafyndor. Der Hohenmagier würde ihm sicherlich keinerlei Auskunft geben, da er ausdrücklich betont hatte, dass es sich um eine geheime Mission handelte.

Daher fasste der Waldgeist den Entschluss, am Portal auf Lililja zu warten.



Rafyndor fasste den Entschluss, am Portal auf Lililja zu warten und ihr endlich seine Liebe zu gestehen.

Er musste einfach darauf vertrauen, dass sie durch ihre Lichtmagie geschützt war und diese ihr bei der Wiederbeschaffung des Smaragds helfen würde.

Aber er würde sie am Portal in Empfang nehmen und ihr zeigen, dass er weiterhin für sie da war und es nichts gab, was er ihr verzeihen müsste. Er würde sie in die Arme nehmen und ihr endlich seine Liebe gestehen − und zwar, bevor dieses elende Geisterwesen wieder in Vanavistaria auftauchte!

Das war er sich selbst schuldig. Außerdem musste er einfach die Gewissheit haben, dass Lililja wohlbehalten am Portal ankam.

„Okay, Skukius“, sagte er schließlich mit grimmiger Entschlossenheit. „Dann bring mich zum Portal! Ich werde dort auf Lililja warten.“

Der Korvum-Rabe wies Rafyndor die Richtung und fragte anschließend vorsichtig: „Warum bist du so wütend auf Mojalian? Bei seinem Abschied habt ihr euch doch noch so gut verstanden.“

„Da wusste ich auch noch nicht“, grummelte Rafyndor, „dass er sich meine Lililja schnappen würde.“

Seine Lililja? Hatte Skukius etwas verpasst? Und was meinte Rafyndor mit „schnappen würde“?

„Das verstehe ich nicht“, entgegnete Skukius verwirrt.

Rafyndor hatte jedoch keine Lust, darüber zu sprechen, und schwieg. Skukius ließ ihn daraufhin wieder in Ruhe.

Schweigsam schritten sie durch den Wald.

Irgendwann ließ die Wirkung des Lichtsegens nach. Rafyndors Schritte wurden schwerer und seine ohnehin schon schlechte Laune sank noch weiter.

Da kam Skukius eine Idee. Ob sie hilfreich sein würde, wusste er nicht, aber zumindest wollte er sie ausprobieren.

Er setzte sich auf Rafyndors Schulter. Der Waldgeist wunderte sich zwar, ließ ihn aber gewähren. Er hatte genug eigene Probleme, als dass er sich auch noch um die Turnstunde eines Korvum-Raben kümmern wollte.

Skukius versetzte sich erneut in eine seiner Kopffedern. Er wurde zum Schaft, er wurde zur Fahne, er wurde zum Widerhaken − er war seine Feder.

Dann versuchte er, sich gleichzeitig auf Rafyndors Füße zu konzentrieren. Es gelang ihm leichter, als er erwartet hatte.

Rafyndor war so sehr in seine düsteren Gedanken vertieft, dass er zunächst gar nichts bemerkte. Doch plötzlich registrierte er, dass ihm das Laufen inzwischen wieder leichter fiel.

Verwundert blickte er auf seine Füße und sah, wie der Nebel ihm bereitwillig Platz machte. Im Augenwinkel nahm er wahr, dass Skukius' Federkrone leuchtete.



Skukius setzte sich bei Rafyndor auf die Schulter und erweckte die Magie in sich, sodass Rafyndor das Laufen wieder leichter fiel.

Seine Miene hellte sich auf.

„Hey, danke, Kumpel!“, sagte er. Seine Stimmung hob sich ein wenig.

„Du hattest mich vorhin etwas gefragt“, fuhr er dann fort. „Weißt du noch, was das war?“

Skukius antwortete: „Ich wollte wissen, warum du so wütend auf Mojalian bist.“

Rafyndor seufzte und erzählte ihm von den Gründen für seine Flucht in die Höhle und davon, wie Pranicara ihn dort wieder herausgeholt hatte. Er berichtete, dass er bis heute nicht in der Lage gewesen war, Lililja seine Gefühle zu zeigen, und dass er mit Mojalian endlose Gespräche über sie geführt hatte, weil dieser ihm versprochen hatte, sich nicht zwischen sie zu drängen.

Doch Mojalian hatte sein Versprechen nicht gehalten. Rafyndor erzählte Skukius, dass das Geisterwesen und die Elfe bereits seit Monaten miteinander in Kontakt standen und nun ein Paar waren.



Rafyndor erzählte, dass er Lililja ohne richtigen Abschied auf eine schwere Mission geschickt hatte.

„Und weil mich die Nachricht, dass sie ihn liebt, so sehr geschockt hat, glaubt sie nun, dass ich wütend auf sie bin. Jetzt ist sie auf dieser gefährlichen Mission ganz allein und mit solchen schwarzen Gedanken unterwegs. Deshalb will ich am Portal auf sie warten, um ihr zu sagen, dass ich ihr nicht böse bin und dass ich sie liebe“, schloss er seine Erzählung.

„Ah, damit klären sich auch die anderen Fragen, die ich hatte“, sagte Skukius. „Zum Beispiel, woher du weißt, dass die Unda Dingsda“...“

„Unda Palata“, half Rafyndor aus.

„Genau“, bestätigte Skukius. „Woher du also weißt, dass die Unda Palata bereits unterwegs sind, und warum Lililja plötzlich Kenntnis darüber hat, wo der Stein zu finden ist.“

Froh darüber, Rafyndor aus seiner üblen Laune herausgeholt zu haben, ließ Skukius seine Federkrone weiterhin leuchten.

„Wieso fällt es dir eigentlich nicht mehr so schwer, deine Federkrone zum Leuchten zu bringen?“, fragte Rafyndor verwundert.

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, gestand Skukius. „Ich scheine wohl ähnlich zu ticken wie die Blauschnäuzchen. Allerdings benötigen diese Tiere Pilogi-Pflanzen, um dunkle Flüche abblocken zu können, während ich dunkle Flüche brauche, um die in mir wohnende helle Magie leichter abzurufen. Hadadust hat mir also eigentlich einen riesigen Gefallen getan, als er mich töten wollte und die vielen dunklen Flüche auf mich abfeuern ließ.“

Trotz allem war Skukius keineswegs bereit, seinem einstigen Peiniger dankbar zu sein oder ihm gar zu vergeben.



Skukius vermutete, dass die dunklen Flüche,
die auf ihn abgeschossen worden waren,
seine helle Magie stärker gemacht hatten.

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