zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnisA 3) Die Waldgeistfrau


Die Waldgeistfrau



Kurz bevor Tarodastrus die Waldgeistfrau erreichte, schien sie doch etwas hinter sich vernommen zu haben, denn sie drehte sich zu ihm um. Er erkannte in ihrem Gesicht schiere Panik, als sie wahrnahm, dass ein fremdes Wesen hinter ihr stand, und sie begann am ganzen Körper zu zittern.

Welch ein unkontrollierter Ausbruch an Gefühlen, dachte er missbilligend. Ein solches Verhalten wäre unter den Vykati undenkbar.

Vykati ließen ihre Gefühle niemals so deutlich nach außen dringen. Aber was hatte er auch erwartet von einem Volk, das kaum in der Lage war, sich zu verständigen?

Dennoch hielt er inne, hob beschwichtigend einen Arm und erklärte in sachlichem Tonfall: „Beruhige dich! Ich wollte nur nach dem Weg fragen.“

Als die Waldgeistfrau das fremde Aussehen Tarodastrus' wahrnahm, trat Panik in ihren Blick.

Die Angst wich nicht aus ihren Augen und das Zittern wurde noch eine Spur stärker. Aber eine Antwort erhielt Tarodastrus nicht.

Er wartete. Allerdings veränderte sich das Verhalten der Waldgeistfrau nicht. Sie blickte ihn ängstlich mit großen, von Panik erfüllten Augen an.

Die Hoffnung, dass diese Waldgeistfrau ihm helfen konnte, zerschlug sich. Tarodastrus musste einsehen, dass er von Seiten dieses Wesens keine Hilfe erwarten konnte.

Nun ja, die Wahrscheinlichkeit hatte dagegen gesprochen. Er wandte sich ab. Die Zeit, die er hier verschwendet hatte, war überschaubar. Immerhin hatte sie ihm gegenüber keine Aggressionen gezeigt, die eine Abwehr von seiner Seite nötig gemacht hätte. Das war aber auch das einzig Positive, das er aus dieser Begegnung ziehen konnte.

Innerlich schüttelte er den Kopf über dieses Volk. Die Geschichten, die unter den Vykati über die Waldgeister kursierten, schienen nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein − auch wenn sie inzwischen gelernt zu haben schienen, sich angemessen zu kleiden.

Er hatte sich bereits einige Schritte von der Waldgeistfrau entfernt, als er plötzlich hinter sich die zaghaft gesprochenen Worte vernahm: „Nach welchem Weg sucht Ihr denn?“



Tarodastrus traute seinen Ohren nicht, als er unvermittelt die Frage der Waldgeistfrau vernahm.

Tarodastrus hielt unvermittelt inne. Für einen Augenblick war er unfähig, sich zu rühren. Hatte die Waldgeistfrau soeben mit ihm gesprochen, mit dieser klaren, angenehmen Stimme und diesen wohlartikulierten Worten? War das wirklich möglich?

Er blinzelte. Sein Verstand schien sich dagegen zu sperren. Nein, Waldgeister waren nicht in der Lage zu sprechen! Und doch, er hatte sie verstanden.

Langsam wandte er sich zu ihr um, während er sich zwang, seine Fassung wiederzuerlangen.

Sein Gesicht nahm die jahrelang trainierte Maske an, die kein Gefühl nach außen zeigte, doch innerlich war er aus dem Gleichgewicht geraten. Wie war es möglich, dass ein Waldgeist sich so artikulieren konnte?

Mit ruhigen Schritten ging Tarodastrus erneut auf die Waldgeistfrau zu, innerlich immer noch damit beschäftigt, die Geschichten, die er über die Waldgeister kannte, mit der Realität abzugleichen. Sie konnte sprechen, konnte sich artikulieren. Sie gab kein Grunzen von sich, keine tierischen Laute.

Er bemerkte plötzlich, wie sich ihre Augen erneut ängstlich geweitet hatten und sie vor ihm zurückwich.

So ein schwaches Wesen, dachte er missbilligend. Sie hatte genügend Verstand, in der Sprache Vanavistarias zu reden, aber ihr fehlte die Disziplin, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Ein Anflug von Gereiztheit stieg in ihm auf, doch er unterdrückte ihn sofort. Stattdessen blieb er wieder stehen, hob erneut die Hand und erklärte mit kontrollierter Stimme „Ich tue dir nichts.“

Ohne eine Reaktion abzuwarten fuhr er fort: „Hier soll es vier dicke Jada-Eichen geben, vor denen ein großer Felsen mit rotem Moos liegt.“

Tarodastrus beobachtete die Waldgeistfrau aufmerksam. Zeigte sie Erkennen? Könnte sie hilfreich sein?

Für einen Moment glaubte er irritiert, neben der Furcht auch noch Entsetzen im Blick der Waldgeistfrau aufblitzen zu sehen. Doch war es so schnell wieder abgeklungen, dass er nicht sicher war, ob er es richtig wahrgenommen hatte.



Für einen kurzen Moment meinte Tarodastrus Entsetzen bei der Waldgeistfrau wahrzunehmen.

Nach einem tiefen Atemzug schien sie sich endlich zu entspannen und fragte mit einer noch etwas bebenden Stimme, aber nicht mehr so erregt: „Warum seid ihr auf der Suche nach diesem Ort?“

Dies ist eine Information, die dich eigentlich nicht zu interessieren hat, dachte Tarodastrus und spürte, wie sich Ärger in ihm ausbreiten wollte. Doch er verbannte das Gefühl sofort. Schließlich wollte er von ihr eine Auskunft haben, und wenn dieses Wissen ihr diese entlocken konnte, musste er wohl oder übel darauf eingehen. Allerdings bezweifelte er, dass die Waldgeistfrau geistig voll erfassen würde, was er hier vorhatte.



Tarodastrus zeigte seine große Ledertasche und erklärte, dass er die Gegend kartographieren wolle.

So zeigte er auf seine große Tasche und entgegnete sachlich: „Ich werde die Gegend um diesen Platz herum kartographieren.“

Wie erwartet, biss sich die Waldgeistfrau nachdenklich auf die Lippen, während sie ihn stumm anstarrte. Es wäre effizienter, wenn sie weniger Fragen stellen würde und ihn stattdessen zu dem von ihm gesuchten Ort führen würde, dachte er, und konnte seine Ungeduld kaum noch zügeln, auch wenn er sie nicht nach außen dringen ließ.

Doch als sie die nächste Frage mit zittriger Stimme stellte, brachte sie ihn erneut aus dem Gleichgewicht:

„Warum wollt Ihr die Gegend vermessen? Sie liegt im Waldgeistergebiet. Das ist kein Ort, über den ihr Vykati verfügen dürft!“

Woher weiß dieses Geschöpf, was Kartographie ist?, dachte er verwirrt.

War es möglich, dass Waldgeister über mehr geistige Fähigkeiten verfügten als die Vykati ihnen zugestanden? Nein, das war unmöglich! Und doch schien diese Waldgeistfrau genau verstanden zu haben, was er hier tun wollte.

Was sollte er ihr auf die von ihr gestellte Frage antworten? Er konnte ihr nicht Sadothus' Auftrag offenlegen. Er musste sich etwas einfallen lassen, was die Kartographierung erklären würde. Doch was sollte er sagen?

Vykati waren nicht gewohnt, falsche Aussagen zu tätigen. Neugierige Fragen waren verpönt und Fehler wurden verschwiegen. Man beschränkte sich bei Gesprächen auf das Nötigste.

Sadothus würde gewiss sofort eine passende Antwort einfallen, dachte Tarodastrus innerlich aufseufzend. Das war mit ein Grund, warum dieser in seinem Volk so verachtet wurde. Doch Tarodastrus fehlte Sadothus' Fähigkeit, Geschichten zu erfinden. Also wie sollte er nun reagieren?

Nach außen hin weiterhin seine gelassene Maske zeigend, konnte er eine aufsteigende Unsicherheit kaum noch unterdrücken. Die Waldgeistfrau, die so gar nicht den Vorstellungen der Vykati entsprach, machte ihn nervös, ein Gefühl, das er sich selbst nicht zugestand.



Tarodastrus wünschte, er hätte Sadothus' Fähigkeit, Geschichten glaubhaft zu erfinden.

Ein Vykati hatte nicht nervös zu werden! Er musst Herr der Lage sein. Nervosität war ineffizient, sie führte dazu, Fehler zu machen, und Fehler waren inakzeptabel.

Mit einer leichten Verzögerung − auch das war schon nicht vykatianisch und er verachtete sich dafür − meinte er mit kühler Stimme: „Die Akademie hat mich hergeschickt. Unsere Aufzeichnungen des Silberwindhains sind unvollständig. Ich soll hier nachbessern.“



Tarodastrus erzählte, dass er von der vykatianischen Akademie hergeschickt worden sei.

Noch während er sprach, bemerkte er, dass er die Waldgeistfrau keineswegs überzeugt hatte.

Misstrauisch hob sie eine Augenbraue und entgegnete mit kühler Stimme: „Wenn Ihr möchtet, dass ich Euch helfe, dann solltet Ihr ehrlich sein. Ansonsten werdet Ihr wohl noch tagelang hier herumirren, ohne den richtigen Weg zu finden.“

Sie hatte ihn ertappt. Die Lüge war aufgeflogen. Ein kurzes, innerliches Aufblitzen von Ärger durchfuhr ihn, was er sofort unterdrückte. Aber er hätte es wissen müssen. Improvisation lag außerhalb seiner Stärken.

Eine Fehleinschätzung, wie er registrierte. Eine fatale Fehleinschätzung!

Er musste sich fangen, seine Stabilität wiedererlangen. Er benötigte eine neue Geschichte, sollte sie ihm den Weg weisen, eine die glaubwürdiger klang, eine die sie überzeugen würde. Und so entschied er sich, möglichst nahe bei der Wahrheit zu bleiben, ohne zu viel zu verraten.

Seine Gesichtszüge vollständig unter Kontrolle erklärte er mit emotionsloser, kühler Stimme: „An den vier Jada-Eichen liegt ein gefährliches Artefakt vergraben, das wir Vykati sichern müssen. Nur wir verfügen über die nötige magische Macht, es zu beherrschen.“

Hatte er erwartet, dass diese Erläuterung sie endlich dazu bewegen würde, ihm den Weg zu weisen, so musste Tarodastrus erkennen, dass auch diese Geschichte nicht den erwünschen Erfolg gebracht hatte. Im Gegenteil.

Sie starrte ihn mit weit geöffneten Augen an − eine Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit. Irritiert beobachtete Tarodastrus, wie ihre Hände zu zittern begannen und sie zu verkrampfen schien.

Dann öffnete sie den Mund, brachte jedoch zunächst keinen Ton hervor. Ein leises Keuchen drang aus ihrem Mund, als würde sie mit den Worten ringen, die ihr auf der Zunge lagen. Schließlich hauchte sie mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüstern war, aber vor Emotionen bebte: „Ihr wollt uns das magische Artefakt stehlen, das für die Natur rund um den Jada-Schrein unersetzlich ist!“



Tarodastrus beobachtete, wie die
Waldgeistfrau zu zittern begann
und ihn entsetzt anstarrte.

Tarodastrus'
Perspektive
Aus der Sicht der
Waldgeistfrau

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