zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnisA 3) Die Waldgeistfrau


Die Waldgeistfrau



Kurz bevor Tarodastrus die Waldgeistfrau erreichte, schien sie doch etwas hinter sich wahrzunehmen. Sie fuhr herum.

In ihrem Gesicht erkannte er schiere Panik.

Als sie den fremden Besucher erblickte, weiteten sich ihre dunkelgrünen Augen vor Angst, und ihr ganzer Körper begann zu zittern.

Welch ein unkontrollierter Gefühlsausbruch, dachte Tarodastrus missbilligend.

Unter den Vykati wäre ein derartiges Verhalten undenkbar gewesen. Sie ließen ihre Gefühle niemals so unverhohlen nach außen dringen. Doch was hatte er auch von einem Volk erwartet, das angeblich kaum zu einer vernünftigen Verständigung fähig war?

Als die Waldgeistfrau das fremde Aussehen Tarodastrus' wahrnahm, trat Panik in ihren Blick.

Er blieb stehen, hob beschwichtigend die Hände und sagte mit ruhiger Stimme: „Beruhige dich. Ich möchte nur nach dem Weg fragen.“

Die Angst in ihren Augen wich nicht. Im Gegenteil, ihr Zittern schien noch stärker zu werden. Eine Antwort erhielt er nicht.

Damit zerschlug sich auch seine Hoffnung, von dieser Waldgeistfrau Hilfe zu bekommen. Er musste sich eingestehen, dass von ihr keine Unterstützung zu erwarten war.

Nun gut. Die Wahrscheinlichkeit hatte ohnehin dagegen gesprochen.

Er wandte sich ab. Viel Zeit hatte ihn dieser erfolglose Versuch schließlich nicht gekostet. Immerhin war sie ihm gegenüber nicht aggressiv geworden, sodass er sich nicht hatte verteidigen müssen. Das war allerdings auch das einzig Positive, das er dieser Begegnung abgewinnen konnte.

Innerlich schüttelte Tarodastrus den Kopf. Die Geschichten, die unter den Vykati über die Waldgeister erzählt wurden, schienen also doch nicht völlig aus der Luft gegriffen zu sein, auch wenn dieses Volk inzwischen offenbar gelernt hatte, sich angemessen zu kleiden.

Er hatte sich bereits einige Schritte von der Waldgeistfrau entfernt, als er plötzlich hinter sich eine zaghafte Stimme vernahm.

„Nach welchem Weg sucht Ihr denn?“



Tarodastrus traute seinen Ohren nicht, als er unvermittelt die Frage der Waldgeistfrau vernahm.

Tarodastrus blieb wie angewurzelt stehen. Für einen Augenblick war er unfähig, sich zu bewegen.

Hatte die Waldgeistfrau gerade mit ihm gesprochen? Mit dieser klaren, angenehmen Stimme? Mit so wohlgewählten Worten?

Er blinzelte. Sein Verstand schien sich gegen diese Erkenntnis zu sträuben.

Nein. Waldgeister konnten nicht sprechen.

Und doch hatte er jedes einzelne Wort verstanden.

Langsam drehte er sich zu ihr um und zwang sich, seine Fassung wiederzugewinnen. Sein Gesicht nahm wie von selbst jene Maske an, die über Jahre hinweg jede Regung verborgen hatte.

Innerlich jedoch war er aus dem Gleichgewicht geraten.

Wie konnte ein Waldgeist sich derart gewählt ausdrücken?

Mit ruhigen Schritten ging er wieder auf sie zu, während seine Gedanken fieberhaft versuchten, die Geschichten, die er über die Waldgeister gehört hatte, mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen.

Sie sprach. Sie artikulierte sich. Kein Grunzen. Keine tierischen Laute.

Erst jetzt bemerkte er, dass sich ihre dunkelgrünen Augen erneut vor Angst geweitet hatten. Unwillkürlich wich sie einen Schritt vor ihm zurück.

Was für ein schwaches Wesen, dachte er verächtlich.

Sie besaß genügend Verstand, die gemeinsame Sprache Vanavistarias zu sprechen, doch offenbar fehlte ihr jede Disziplin, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Für einen kurzen Moment stieg Gereiztheit in ihm auf. Er erstickte sie sofort.

Stattdessen blieb er erneut stehen, hob beschwichtigend eine Hand und sagte mit ruhiger, kontrollierter Stimme: „Ich tue dir nichts.“

Ohne ihre Reaktion abzuwarten, fügte er hinzu: „Ich suche einen Ort mit vier mächtigen Jada-Eichen. In ihrer Nähe soll ein großer Felsen liegen, der von rotem Moos überwachsen ist.“

Aufmerksam beobachtete Tarodastrus die Waldgeistfrau. Zeigte sich in ihrem Gesicht ein Zeichen des Wiedererkennens? Konnte sie ihm tatsächlich weiterhelfen?

Für einen kurzen Moment meinte Tarodastrus, neben der Furcht auch Entsetzen in den Augen der Waldgeistfrau aufblitzen zu sehen.



Für einen kurzen Moment meinte Tarodastrus Entsetzen bei der Waldgeistfrau wahrzunehmen.

Doch der Ausdruck verschwand so schnell wieder, dass er sich nicht sicher war, ob er sich nicht getäuscht hatte.

Sie holte tief Luft. Langsam schien sie ihre Fassung wiederzugewinnen. Mit noch immer leicht bebender Stimme, aber deutlich ruhiger als zuvor, fragte sie: „Warum sucht Ihr diesen Ort?“

Das geht dich eigentlich nichts an, dachte Tarodastrus und spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. Er unterdrückte das Gefühl jedoch sofort. Schließlich wollte er eine Auskunft von ihr. Wenn er dafür ihre Frage beantworten musste, blieb ihm wohl nichts anderes übrig. Allerdings bezweifelte er, dass die Waldgeistfrau überhaupt vollständig erfassen würde, worum es ihm ging.



Tarodastrus zeigte seine große Ledertasche und erklärte, dass er die Gegend kartographieren wolle.

Er deutete auf die große Tasche, die er mit sich führte. „Ich werde die Gegend um diesen Ort kartographieren.“

Wie erwartet schwieg die Waldgeistfrau zunächst. Nachdenklich biss sie sich auf die Lippen und betrachtete ihn aufmerksam.

Es wäre erheblich effizienter, wenn sie weniger Fragen stellen und mich stattdessen einfach zu dem Ort führen würde, dachte Tarodastrus.

Seine Ungeduld wuchs, auch wenn sie sich auf seinem Gesicht nicht widerspiegelte.

Doch ihre nächste Frage brachte ihn erneut aus dem Gleichgewicht.

„Warum wollt Ihr die Gegend vermessen? Sie liegt im Gebiet der Waldgeister. Das ist kein Ort, über den ihr Vykati verfügen dürft.“

Woher weiß dieses Geschöpf, was Kartographie ist?

Verwirrt starrte er sie an.

Konnte es sein, dass Waldgeister über weit mehr Verstand verfügten, als die Vykati ihnen zutrauten?

Nein. Das war unmöglich. Und doch hatte diese Waldgeistfrau offenbar genau verstanden, was er hier vorhatte.

Für einen Augenblick wusste Tarodastrus keine Antwort. Er konnte ihr unmöglich von Sadothus' Auftrag erzählen. Also musste er sich eine andere Erklärung für die Kartographierung einfallen lassen. Doch welche?

Vykati waren es nicht gewohnt zu lügen. Neugierige Fragen galten als unangebracht, Fehler wurden verschwiegen. Gespräche beschränkten sich auf das Notwendigste.

Sadothus würde jetzt sofort eine passende Geschichte einfallen, dachte Tarodastrus mit einem inneren Seufzen.

Gerade das war einer der Gründe, weshalb sein Freund bei den Vykati so schlecht angesehen war.

Doch Tarodastrus besaß diese Gabe nicht.

Wie sollte er also reagieren?

Nach außen bewahrte er seine gewohnt ruhige Miene, doch innerlich fiel es ihm zunehmend schwer, die aufkeimende Unsicherheit zu verdrängen.



Tarodastrus wünschte, er hätte Sadothus' Fähigkeit, Geschichten glaubhaft zu erfinden.

Diese Waldgeistfrau entsprach in keiner Weise dem Bild, das er von ihrem Volk gehabt hatte.

Sie machte ihn nervös. Diesen Gedanken ließ er jedoch nicht zu.

Ein Vykati wurde nicht nervös. Er beherrschte jede Situation. Nervosität war ineffizient. Sie führte zu Fehlern − und Fehler waren inakzeptabel.



Tarodastrus erzählte, dass er von der vykatianischen Akademie hergeschickt worden sei.

Mit einer kaum wahrnehmbaren Verzögerung − schon das empfand er als beschämend unvykatianisch − antwortete er schließlich mit kühler Stimme: „Die Akademie hat mich entsandt. Unsere Karten des Silberwindhains sind unvollständig. Ich soll sie ergänzen.“

Noch während er sprach, erkannte er, dass sie ihm nicht glaubte. Misstrauisch hob die Waldgeistfrau eine Augenbraue.

„Wenn Ihr möchtet, dass ich Euch helfe, solltet Ihr ehrlich sein. Andernfalls werdet Ihr wohl noch tagelang hier umherirren, ohne den richtigen Weg zu finden.“

Sie hatte ihn durchschaut. Ein kurzer Anflug von Ärger flackerte in ihm auf, doch er unterdrückte ihn sofort.

Natürlich! Improvisation hatte nie zu seinen Stärken gezählt.

Nun breitete sich die Unsicherheit endgültig in ihm aus. Dieses Gefühl hasste er.

Eigentlich hatte er geglaubt, es mit dem Erwachsenwerden hinter sich gelassen zu haben. Doch der Scharfsinn der Waldgeistfrau brachte sein gewohntes Gleichgewicht ins Wanken.

Ihre Fragen. Ihre Schlussfolgerungen. Mit all dem hatte er nicht gerechnet.

Eine Fehleinschätzung, stellte er ernüchtert fest. Eine fatale Fehleinschätzung.

Er musste sich sammeln. Seine innere Stabilität zurückgewinnen. Wenn sie ihm den Weg zeigen sollte, brauchte er eine neue Erklärung. Eine glaubwürdigere.

Seine Gesichtszüge blieben vollkommen regungslos, als er mit derselben emotionslosen Ruhe erklärte: „An den vier Jada-Eichen ist ein gefährliches Artefakt vergraben. Wir Vykati müssen es sichern. Nur wir verfügen über genügend magische Macht, um es zu beherrschen.“

Falls Tarodastrus gehofft hatte, diese Erklärung würde sie endlich überzeugen, musste er sich eines Besseren belehren lassen. Das Gegenteil war der Fall.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Entsetzen und Ungläubigkeit zeichneten sich zugleich auf ihrem Gesicht ab.



Tarodastrus erklärte, dass im Boden ein überaus mächtiges Artefakt vergraben läge, das nur die Vykati beherrschen könnten.

Irritiert bemerkte er, wie ihre Hände zu zittern begannen und sich ihr ganzer Körper verkrampfte. Sie öffnete den Mund, doch zunächst kam kein Laut über ihre Lippen. Nur ein leises Keuchen war zu hören, als müsse sie mit den Worten ringen.

Schließlich brachte sie mit kaum mehr als einem Flüstern hervor, ihre Stimme bebte vor Erschütterung: „Ihr wollt uns das magische Artefakt stehlen, das für die Natur rund um den Jada-Schrein unersetzlich ist!“



Tarodastrus beobachtete, wie die
Waldgeistfrau zu zittern begann
und ihn entsetzt anstarrte.

Tarodastrus'
Perspektive
Aus der Sicht der
Waldgeistfrau

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