|
|
|
|
|
|
Wie vom Blitz getroffen, setzte Tarodastrus' Denken für einen Moment aus. Dann kehrten die Gedanken mit voller Wucht zurück.
|
Die Waldgeistfrau hatte seine Absicht vollständig verstanden. Wie war das möglich? Und nicht nur das! Die Geschöpfe des Waldes wussten offenbar von dem magischen Artefakt.
Seine bisherigen Annahmen zerfielen. Alles, was er erwartet hatte, erwies sich als falsch. Die Wirklichkeit war eine völlig andere.
Und dann war da noch diese ungefilterte Reaktion der Waldgeistfrau. Das Entsetzen in ihrer Stimme. In ihren Augen. In ihrer gesamten Körperhaltung. Etwas Derartiges hatte Tarodastrus noch nie erlebt.
Seine Gedanken verloren sich. Die Kontrolle, die er über sich und die Situation zu haben glaubte, schien ihm endgültig zu entgleiten. Ein inakzeptabler Zustand.
|
|

Tarodastrus ließ sich äußerlich nichts anmerken, doch innerlich war er vollkommen durcheinander.
|
Er musste handeln. Er musste die Kontrolle zurückgewinnen.
Mit äußerster Beherrschung in der Stimme, darauf bedacht, keinen Hinweis auf seine innere Verwirrung nach außen dringen zu lassen, erklärte er ruhig: „Das Artefakt wird nicht beschädigt werden. Ich werde darauf achten.“
„Ihr versteht nicht!“, rief die Waldgeistfrau aus. „Das Artefakt ist die Lebensgrundlage der Natur des Jada-Schreins. Es erhält die Pflanzen und die kleinsten Lebewesen dort. Wenn Ihr es ausgrabt, wird ein großer Teil dieser Natur vergehen. Die Pflanzen und Tiere sind auf die Magie des Artefaktes angewiesen!“
Tarodastrus beobachtete sie schweigend. Die Waldgeistfrau verlor zunehmend die Kontrolle über ihre Gefühle. Und endlich fand sein vykatianisches Denken wieder festen Halt.
Waldgeister legten offenbar keinerlei Wert auf emotionale Zurückhaltung, stellte er nüchtern fest. Darüber hinaus schienen sie eine höchst eigenartige Vorstellung von Magie zu besitzen.
|

Tarodastrus wunderte sich über die seltsame Magie-Auffassung der Waldgeister.
|
|
Naturmagie.
Eine solche Form von Magie existierte nicht. Sie fand sich in keiner Lehre der Vykati. Und was in den Lehren der Vykati nicht vorkam, konnte nicht existieren.
Die Vykati waren das magisch mächtigste Landvolk Vanavistarias. Es gab nichts, was ihnen verborgen blieb. Schließlich hatten sie die Magie tiefer erforscht und verstanden als jedes andere Volk.
Doch es lag nicht an ihm, diese Waldgeistfrau über derartige Grundlagen aufzuklären.
|
Seine Aufgabe war eine andere. Er musste die Umgebung des Artefaktes kartographieren. Und diese Waldgeistfrau schien den Schlüssel zu dem gesuchten Ort zu besitzen. Allerdings machte sie nicht den Eindruck, als würde sie ihn freiwillig dorthin führen.
„Hör zu“, sagte er schließlich in ruhigem Tonfall. „Du scheinst den Ort zu kennen, den ich suche. Würdest du mich dorthin bringen?“
Der Blick der Waldgeistfrau wandelte sich von Aufregung zu Empörung. Mit leicht geöffnetem Mund starrte sie ihn an.
Warum bemühen sich Waldgeister nicht darum, ihre Gefühle zu verbergen?, fragte sich Tarodastrus. Welchen Vorteil erhoffen sie sich davon, Fremden derart deutlich zu zeigen, was in ihnen vorgeht?
Er wartete auf ihre Antwort.
Falls sie ablehnte, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als erneut zur Reichsglorie zurückzukehren und Sadothus nach einer genaueren Beschreibung des Ortes zu fragen. Hier weiter Zeit zu verlieren, obwohl sie ihm ohnehin nicht helfen wollte, wäre sinnlos.
Schon wollte er sich abwenden und gehen, als sich ihr Gesichtsausdruck erneut veränderte. Die Empörung wich Misstrauen.
„Wer hat Euch den Auftrag zur Kartographierung gegeben?“, fragte sie. Der Argwohn in ihrer Stimme war unüberhörbar.
Tarodastrus spürte erneut Ungeduld in sich aufsteigen. Schon wieder eine Frage. Schon wieder eine Verzögerung.
Doch er unterdrückte das Gefühl sofort. Diese Information konnte ihm keinen Schaden zufügen.
|
„Ein Vykati“, antwortete er sachlich.
„Und dieser hat Euch den Ort beschrieben?“
Tarodastrus nickte.
„War er selbst dort? Oder kennt er den Ort nur aus Aufzeichnungen?“
Er musste sich beherrschen, um nicht gereizt zu reagieren. So viele Fragen. Dennoch blieb seine Stimme ruhig.
|
|

Tarodastrus erklärte, dass ihm ein Vykati den Auftrag zur Kartographierung gegeben hätte.
|
„Er hat den Ort gesehen und ihn als potenziell gefährlich eingestuft.“
Doch die Waldgeistfrau ließ nicht locker. „Wie kommt er zu der Annahme, dass der Jada-Schrein gefährlich sein könnte?“
|

Tarodastrus versuchte sich an die Worte von Sadothus zu erinnern.
|
|
Tarodastrus rief sich Sadothus' Worte in Erinnerung. Dann antwortete er: „Er sagte, er hätte noch nie ein solches rotes Moos auf einem Felsen gesehen. Außerdem herrsche dort eine merkwürdige Atmosphäre. Es wirkte auf ihn, als würde das rote Moos ihn vor etwas warnen, das er nicht erkennen konnte.“
Die Waldgeistfrau senkte den Blick. Ihre Schultern sanken herab. Es schien, als wäre plötzlich jede Kraft aus ihr gewichen. Lange Zeit sagte sie nichts.
Tarodastrus spürte, wie seine Ungeduld erneut zunahm. Konnte sie keine Entscheidung treffen?
|
Doch natürlich! Sie war schließlich ein Waldgeist. Kein effizient arbeitender Vykati. Vermutlich benötigten solche Wesen einfach mehr Zeit, um zu einer Schlussfolgerung zu gelangen.
Dann richtete sie sich plötzlich wieder auf. Sie hob den Kopf, blickte ihm direkt in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Nun gut. Kommt mit. Ich führe Euch zum Jada-Schrein.“
|

Die Waldgeistfrau forderte Tarodastrus mit fester Stimme auf, mitzukommen.
|