|
|
|
|
|
Vanakara bebte innerlich.
Der Vykati betrachtete sie reglos, sein Gesicht eine undurchdringliche Maske. Schließlich sagte er in unterkühltem Ton: „Das Artefakt wird nicht beschädigt werden. Ich werde darauf achten.“
|
Im ersten Moment irritierte sie die Antwort des Vykati. Doch dann begriff sie.
„Ihr versteht nicht!“, rief sie aus, verzweifelter, als sie beabsichtigt hatte. „Das Artefakt bildet die Lebensgrundlage für die Natur des Jada-Schreins. Es ist für die Existenz der Pflanzen und Kleinstlebewesen dort verantwortlich. Würdet Ihr es ausgraben, würde ein Großteil der Pflanzen und Tiere dort verenden. Sie sind auf die Naturmagie des Artefaktes angewiesen!“
Wieder schwieg ihr Gegenüber. Wenn er nur ein wenig mehr Emotionen zeigen würde, dachte sie angespannt. Dann könnte sie erkennen, ob ihre Wort Wirkung zeigten.
|
|

Vanakara war verzweifelt, dass der Vykati nicht die Bedeutung des magischen Artefaktes erfasste.
|
Doch zu einer Gefühlsäußerung schien er nicht fähig zu sein. War er innerlich genauso gefühlskalt wie er es nach außen hin zeigte?
Am liebsten hätte sie ihn gerüttelt und geschüttelt, um endlich eine sichtbare Reaktion bei ihm hervorzurufen. Doch sie bezweifelte, dass dies die erwünschte Wirkung gezeigt hätte.
Plötzlich sprach der Vykati in diesem entsetzlich gefühlsarmen Tonfall: „Hör zu, du scheinst den Ort zu kennen, den ich suche. Würdest du mich dorthin bringen?“
Vanakara starrte ihn ungläubig an.
Wie konnte er auch nur ansatzweise annehmen, dass sie dazu bereit war, dachte sie aufbrausend, nach allem, was er ihr mitgeteilt hatte? Ging er im Ernst davon aus, dass sie zur Verräterin an ihrem eigenen Volk werden würde? Hatte er überhaupt begriffen, was sie ihm zu sagen versucht hatte?
Sie hatte schon den Mund geöffnet, um empört „Natürlich nicht!“ auszurufen, da fiel es ihr mit schmerzhafter Klarheit ein: Der Vykati hatte ihr den Jada-Schrein genau beschreiben können. Wenn er selbst diesen noch nicht betreten hatte, musste er jemanden kennen, der ihm die Eindrücke mitteilen konnte. Und dieser Jemand hatte Zutritt zu dem Schrein!
Sie schluckte ihre empörte Antwort hinunter und fragte stattdessen mit misstrauischem Unterton in der Stimme: „Wer hat Euch den Auftrag zur Kartographierung gegeben?“
|

Vanakara erfuhr, dass der Auftraggeber für die Kartographie ein Vykati war.
|
|
Dieses Mal antwortete ihr Gegenüber ohne zu zögern: „Ein Vykati.“
„Und dieser hat Euch den Ort beschrieben?“, wollte sie wissen und zwang sich, ruhig zu sprechen, obwohl ihre Gedanken rasten.
Ihr Gegenüber nickte.
„War er selbst auch schon an jenem Ort? Oder hat er nur darüber gelesen?“, fragte sie und ein Hoffnungsschimmer breitete sich in ihr aus. Sollte der fremde Vykati nur in einem Buch vom Jada-Schrein gelesen haben, bestand die Möglichkeit, dass der Schutzschirm weiterhin aktiv war und das Artefakt vor dem Zugriff der Vykati sicher.
Doch zu ihrer Enttäuschung antwortete ihr Gegenüber: „Er hat den Ort gesehen und ihn als potenziell gefährlich eingestuft.“
|
Vanakara rang nach Fassung. Der fremde Vykati schien in der Tat vor Ort gewesen zu sein. Das verhieß nichts Gutes. Dennoch erkundigte sie sich: „Wie kommt er darauf, dass der Jada-Schrein gefährlich sein könnte?“
Erneut dieser stumme, emotionslose Blick.
Als der Vykati schließlich antwortete, wollte seine emotionale Ausdrucksweise so gar nicht zu dem starren Gesichtsausdruck passen, den er die ganze Zeit schon zeigte: „Er sagte, er hätte noch nie ein solch rotes Moos auf einem Felsen gesehen, und es herrsche dort eine merkwürdige Atmosphäre vor. Es wirkte so, als würde ihn das rote Moos vor etwas warnen, das er nicht greifen konnte.“
|
Der Widerspruch zwischen den Worten und der gefühlskalten Stimme, gepaart mit der genauen Beschreibung der Atmosphäre am Jada-Schrein, ließ Vanakara zweifellos erkennen: Der fremde Vykati war dort gewesen.
Der letzte Hoffnungsschimmer in ihr erstarb. Die magisch mächtigen Vykati hatten Zugriff auf das Heiligtum der Waldgeister! Und wie der vor ihr stehende Vykati durchblicken ließ, waren sie kurz davor, das Heiligtum zu zerstören.
|
|

Vanakara erkannte, dass die Vykati Zutritt zum Jada-Schrein hatten.
|
In Vanakara wollte sich wieder Panik breit machen, doch sie unterdrückte das aufkommende Gefühl. Panik würde sie jetzt keineswegs weiterbringen. Sie musste etwas tun, um das Heiligtum zu retten, um die Vykati davon abzuhalten, das unersetzliche magische Artefakt zu stehlen.
Doch was konnte sie, eine einfache Tierheilerin, gegen diesen mächtigen Vykati unternehmen? Wenn sie diesem jetzt den Zutritt verwehrte, würde ein anderer dieses magisch mächtigen Volkes statt seiner kommen und das Artefakt dennoch entwenden.
|

Vanakara sehnte sich nach Hariphors Ratschlag.
|
|
Hariphor wüsste, was zu tun wäre, dachte sie und fühlte eine lähmende Ohnmacht. Doch Hariphor, der Waldhüter, befand sich zu dieser Zeit stets im Zentrum des großen Silberwindhains, um dort nach dem Rechten zu sehen. Noch nie hatte sie seinen Rat nötiger gebraucht als in diesem Moment. Sie war allein hier mit dem Vykati, und sie allein musste eine Entscheidung treffen.
Sollte sie vielleicht umgehend die Elfen informieren, in der Hoffnung, dass diese den Vykati Einhalt gebieten könnten? Aber würde das die Vykati überhaupt aufhalten können? Würden diese nicht in einem unachtsamen Moment doch noch das Artefakt entwenden?
|
Zwar würden diese sofort als die Diebe identifiziert werden, aber für den Jada-Schrein wäre es zu spät. Die Zerstörung wäre unumkehrbar. Nein, es musste einen anderen Weg geben, das Heiligtum vor den übergriffigen Händen der mächtigen Vykati zu schützen!
Manomar und Manosom, helft mir, den richtigen Weg zu erkennen, flehte sie in Gedanken.
Und plötzlich kam ihr ein Gedanke, so besorgniserregend, dass sie zunächst davor zurückschreckte.
Nein, das wäre ein zu riskantes Spiel, sagte sie sich. Aber, kam eine kleine Stimme aus dem Hinterkopf, die einzige verbleibende Option, die den Jada-Schrein noch retten könnte.
In Gedanken ging Vanakara noch einmal alle Möglichkeiten durch, die ihr einfielen, aber es schien in der Tat die einzige zu sein, die ihr in dieser aussichtslos erscheinenden Situation noch helfen konnte.
Manomar und Manosom, betete sie inständig, lasst mich die richtige Entscheidung getroffen haben und es später nicht bereuen müssen.
Mit einem tiefen Atemzug versuchte sie, die Unruhe zu bändigen, die in ihr tobte. Ihr blieb keine Wahl. Nur so konnte sie hoffen, den Ort und das Artefakt zu schützen. Sie blickte dem Vykati in die Augen und meinte mit fester Stimme: „Nun gut, kommt mit, ich führe Euch zum Jada-Schrein.“
|

Vanakara hatte sich entschieden, den Vykati zum Jada-Schrein zu führen.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Tarodastrus' Perspektive
|
|
Vanakaras Perspektive
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|