zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnisA 5) Der Jada-Schrein


Der Jada-Schrein



Auf dem Weg zum Ort des magischen Artefaktes liefen die Waldgeistfrau und Tarodastrus schweigend nebeneinander her.

Endlich hatte sie mit diesen unproduktiven und nicht enden wollenden Fragen aufgehört, dachte er mit einer stillen Genugtuung und bereitete sich innerlich schon auf seine Arbeit vor.

Trotz seiner Bemühungen, dies zu verhindern, kehrten seine Gedanken ständig zu der Waldgeistfrau zurück. Was hatte sie veranlasst, ihn nun doch zu dem gesuchten Ort zu führen? Dieser Platz musste für die Waldgeister von besonderer Bedeutung sein, und anfangs machte die Waldgeistfrau den Eindruck, als würde sie die Bergung des Artefaktes als eine Art Katastrophe empfinden. Etwas musste ihren Entschluss verändert haben, allerdings blieb ihm der Auslöser unklar.

Schweigend liefen Tarodastrus und die Waldgeistfrau nebeneinander her.

Tarodastrus schalt sich für diese Überlegungen. Es hatte ihn nicht zu interessieren, was die Beweggründe der Waldgeistfrau waren. Für ihn sollte allein der Umstand zählen, dass er seinem Ziel nun endlich näher kam.



Tarodastrus war diesen Weg schon gegangen und musste ihn sich daher nicht merken.

Doch ihr Sinneswandel war viel zu abrupt gekommen, als dass er ihn hätte einordnen können.

Konnte er ihr vertrauen? Oder führte sie ihn in die Irre? Wollte sie ihm gar eine Falle stellen?

Bislang hatte er sich den Weg, dem sie beide folgten, nicht einprägen müssen, denn sie gingen genau den Pfad, auf dem er gekommen war.

Schließlich blieb sie stehen und betrachtete ihn.

Tarodastrus schaute sich kurz um. An dieser großen Lichtung war er während seiner Suche auch vorbei gekommen. Aber warum hielt sie gerade hier an?

Er hob lediglich eine Augenbraue, um ihr zu signalisieren, dass er ihren Stopp nicht nachvollziehen konnte.

„Wisst Ihr, wie Euer Auftraggeber zum Jada-Schrein gelangen konnte?“, fragte die Waldgeistfrau mit nachdenklicher Stimme.

Tarodastrus spürte Irritation in sich aufsteigen. Statt ihn direkt zum Artefakt zu bringen, nahm dies Geschöpf erneut diese zeitraubende Fragerei wieder auf.

Allerdings verstand er die Frage nicht so recht.



Tarodastrus verstand nicht, warum die Waldgeistfrau an der leeren Lichtung stoppte.

Wollte sie wissen, wie Sadothus in den Silberwindhain gekommen war? Oder wie er den Weg dorthin gefunden hatte? Letztere Frage wusste Tarodastrus nicht einmal mit Sicherheit zu beantworten. Er hatte Sadothus nie gefragt, wie er zu seinen Zielen gelangte.

Doch bevor er antworten konnte, fuhr die Waldgeistfrau fort: „Ich frage das nur, weil über dem Jada-Schrein ein magischer Schutzschirm liegt, der verhindert, dass Fremde diesen finden können.“

Nun erkannte er den Zusammenhang. Sie glaubte also allen Ernstes, dass ein von den Waldgeistern errichteter Schutzschirm auch einen Vykati abhalten könnte, den Ort zu betreten. Ein sehr naiver Glaube, dachte Tarodastrus.

„Der Schutzschirm wird nicht effektiv genug sein“, antwortete er sachlich.

Die Waldgeistfrau dachte einen Augenblick nach und entgegnete dann: „Könnt Ihr ihn auch überwinden?“



Tarodastrus würde der Waldgeistfrau schon zeigen, dass er diesen Waldgeisterschutzschirm problemlos überwinden könnte.

„Führe mich zu dem Ort“, antwortete er knapp, dann würde er ihr zeigen, dass ein von den Waldgeistern errichteter Schutzschirm einen Vykati nicht aufhalten könnte.

Zu seiner Irritation schmunzelte sie und meinte nach einem kurzen Zögern und einem tiefen Atemzug: „Gebt mir Eure Hand.“

Solch eine Intimität war Tarodastrus von seinem Volk nicht gewohnt, schon gar nicht bei einer fremden Person. Er zögerte, während seine Gedanken sich überschlugen: Warum wollte sie seine Hand halten? Lockte sie ihn jetzt endgültig in eine Falle? Was genau war die Absicht dahinter?

Für einen aberwitzigen Moment befürchtete er, sie wolle ihn jetzt doch noch zum Geschlechtsakt bewegen. Doch der Blick der Waldgeistfrau war keineswegs lüstern. Sie schaute ihn lediglich auffordernd an und hielt ihm die Hand hin. Keine Bosheit oder Hinterlist war in ihrem Blick zu erkennen. Und so reichte er ihr schließlich zögernd die Hand.

Die Frau ergriff sie und sprach: „Kommt mit.“ Dabei zog sie ihn auf die leere Lichtung.

Als er die Grasfläche betrat, nahm er einen kalten Windzug wahr und für einen Augenblick verschwamm sein Blick.

Als dieser sich wieder klärte, erhoben sich vor ihm vier mächtigen Jada-Eichen, deren Stämme so dicht beieinander standen, das man meinen konnte, sie wären aus einem gemeinsamen Wurzelwerk gewachsen. Das dichte Laub bildete eine grüne Krone, die das Licht des Waldes filterte. Zu ihren Füßen lag ein mächtiger, grauer Felsbrocken, der zum Teil mit rotem Moos überwachsen war.

Tarodastrus war so verwirrt von dem plötzlichen Auftauchen der Bäume und des Felsens vor ihm, dass ihm für einen Augenblick die Luft wegblieb und er erstarrte.

Zunächst war er von dem überraschenden Anblick so sehr erschlagen, dass er nichts denken und nichts fühlen konnte. Doch dann setzten seine Ohren ein − er vernahm das Knacken und Knarren der Bäume, hoch oben in den Ästen der majestätischen Eichen ein melodisches Singen der Vögel, zwischen den Wurzeln der Bäume ein undefinierbares Rascheln.



Tarodastrus wurde von den Sinneseindrücken am Jada-Schrein fast überwältigt.

Plötzlich strömten auch die Gerüche auf ihn ein: der süße Duft von frischem Moos, die modrige Ausdünstung von feuchtem Laub, das würzig-grüne Aroma frischer Kräuter und ein ganz zarter Blütenhauch.

Er bemerkte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten und ihn unweigerlich das Gefühl überkam, hier läge Magie in der Luft. Er sagte sich sofort, dass dieses Gefühl Unsinn sei − doch seine Nackenhaare warnten ihn beharrlich, dass hier eine Anomalie vorherrschte. Er konnte sie nur nicht recht greifen.

Es musste damit zusammenhängen, sagte er sich, dass er neben dieser Lichtung rein gar nichts von diesen Sinneseindrücken bemerkt hatte, die ihn nun fast überwältigten.

Als er endlich wieder klar denken konnte, wurde ihm bewusst, dass die Waldgeistfrau ihn beobachtete und er erinnerte sich an ihr Schmunzeln vorhin, das er nicht einordnen konnte.

Nun begriff er, was dieses Schmunzeln hervorgerufen hatte, und Scham erfüllte ihn. Nicht nur, dass er den Schutzschirm nicht selbst überwunden hatte, er hatte ihn nicht einmal wahrgenommen!



Tarodastrus fühlte Versagen, als ihm bewusst wurde, dass er den Schutzschirm nicht einmal wahrgenommen hatte.

Ein Vykati durfte ein derartiges Versagen nicht zulassen. Die magische Macht der Vykati lag weit oberhalb der Magie der Waldgeister. Er hatte versagt! Das war unentschuldbar − zumal Sadothus den Schutzschirm problemlos hatte überwinden können. Sein Freund hatte ihm gegenüber diesen nicht einmal erwähnt!

Tarodastrus begann an sich selbst zu zweifeln. Was war nur los mit ihm? Warum funktionierte er nicht richtig?

Sogleich setzten unbewusst Erklärungsversuche ein: Er war frustriert von der langen Suche. Er war irritiert von der Waldgeistfrau. Er war geschwächt durch die vielen unproduktiven Fragen.

Und dennoch war ihm bewusst, dass keine dieser Erklärungsversuche sein Versagen entschuldigten.

Er riss sich zusammen, verbannte die Gedanken in den Hinterkopf und nickte der Waldgeistfrau anerkennend zu. Sie hatte ihn hierher geführt, nun konnte sie gehen. Ihre Dienste wurden nicht länger beansprucht.

Doch die Waldgeistfrau schien dies nicht zu bemerken, denn sie wies auf den großen Felsen und begann wieder mit ihren ineffektiven Fragen: „Habt Ihr jemals ein solch rotes Moos gesehen?“



Die Waldgeistfrau wies Tarodastrus
auf das rote Moos hin.

Tarodastrus'
Perspektive
Aus der Sicht der
Waldgeistfrau

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