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Der Vykati reagierte nicht. Weder der Felsen noch ihre Worte schienen sein Interesse zu wecken. Doch so schnell würde Vanakara nicht aufgeben.
„Das ist Rubinmoos, eine dezent wirkende magische Pflanze. Wenn man sie berührt, beruhigt sie das Gemüt“, erklärte sie.
Wieder blieb jede sichtbare Reaktion aus. Offenbar wollte er sie möglichst schnell loswerden, vermutete sie, doch sie ließ sich nichts anmerken. Dafür war sie bereits zu weit gegangen. Sie durfte jetzt nicht scheitern.
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Der Vykati reagierte nicht auf ihre Worte.
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Das Rubinmoos schien bei ihm allerdings keinerlei Eindruck zu hinterlassen. Nicht einmal ein flüchtiger Blick glitt zu dem roten Bewuchs auf dem Felsen.
Doch es gab eine weitaus kostbarere magische Pflanze hier am Jada-Schrein, eine, die noch seltener vorkam als das Rubinmoos. Vielleicht würde sie den Vykati damit erreichen können.
Daher fuhr sie in bewusst leichtem Ton fort: „Ich muss Euch allerdings noch warnen. Wenn Ihr die Kartographie hier durchführt, seid auf der Hut vor den Sternenblumen.“
Vanakara beobachtete ihn aufmerksam und achtete auf jede noch so kleine unbewusste Regung. Für einen kurzen Moment glaubte sie, einen Anflug von Ungeduld in seinen Augen zu erkennen.
Warum reagierte er gereizt auf diese Bemerkung?, fragte sie sich irritiert. War er als Kartograph bereits so häufig auf diese Pflanzen gestoßen, dass sie für ihn nichts Besonderes mehr darstellten? Doch dieser Gedanke erschien ihr wenig wahrscheinlich. Die Sternenblumen waren selbst für erfahrene Wesen eine außergewöhnliche Erscheinung.
Unsicherheit breitete sich in ihr aus. Wenn weder das Rubinmoos noch die Sternenblumen den Vykati von der Bedeutung des Artefaktes überzeugen konnten, welchen Versuch sollte sie dann noch unternehmen?
„Im Waldgeistergebiet wachsen die Sternenblumen nur hier an diesem Ort“, ergänzte sie schließlich mit vorsichtiger Stimme.
Für einen Moment befürchtete sie, dass selbst diese Information ihn völlig unbeeindruckt lassen würde. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Seine Augen wanderten kurz über den Jada-Schrein, als würde er die Umgebung absuchen und nach den beschriebenen Pflanzen suchen.
Vanakara stutzte. Kannte er die Sternenblumen nicht? Wusste er nicht, dass jeder, der ihnen nahekam, unweigerlich ihre einzigartige, betörende Magie spüren musste? Ihre Wirkung war nicht zu übersehen, oder vielmehr nicht zu überfühlen.
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Vanakara dachte darüber nach, ob die Vykati das Wissen über die magischen Pflanzen in ihrer Heimet, einer kargen Felslandschaft, verloren haben könnten.
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Und plötzlich traf sie eine Erkenntnis.
Die Vykati lebten seit beinahe eintausend Jahren in den kargen Felslandschaften Vanavistarias. War es möglich, dass dieses lange Leben in Abgeschiedenheit dazu geführt hatte, dass sie das Wissen um die magischen Sternenblumen verloren hatten?
Das würde zumindest erklären, warum der Vykati so seltsam auf ihre Worte reagierte.
Umso wichtiger war es, wurde ihr bewusst, den Vykati vor der Gefahr dieser Pflanzen zu warnen.
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Sollte er ihrer Magie ohne Vorbereitung ausgesetzt werden, konnten die Folgen für seinen Geist unabsehbar sein. Als Heilerin durfte sie nicht zulassen, dass ein Wesen durch ihre Untätigkeit Schaden nahm.
„Auf dieser Seite der Jada-Eichen ist die Wirkung der Sternenblumen noch kaum spürbar“, erklärte sie eindringlich. „Doch je weiter Ihr in den hinteren Bereich des Jada-Schreins vordringt, desto stärker wird ihre Magie. Ihr müsst vorsichtig sein. Nicht wenige sind den Sternenblumen durch Unachtsamkeit verfallen.“
Das Gesicht des Vykati blieb weiterhin eine undurchdringliche Maske. Doch nach einem kurzen Zögern antwortete er: „Zeig mir diese Blumen.“
Erleichterung durchströmte Vanakara. Sie hatte ihr erstes Ziel erreicht. Doch nun lag eine neue Herausforderung vor ihr.
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Je näher sie dem hinteren Teil des Jada-Schreins kam, desto stärker spürte sie die vertraute Magie der Sternenblumen. Das Gefühl vollkommener Harmonie begann von ihr Besitz zu ergreifen, doch dieses Mal durfte sie sich ihm nicht hingeben.
Sie brauchte all ihre Aufmerksamkeit, um den Vykati zu beobachten und auf jede seiner Reaktionen achten zu können. Sie durfte nicht zulassen, dass dieses Gefühl sie umhüllte und ihre Gedanken forttrug.
Manomar, hilf mir!, flehte sie in Gedanken.
Sie warf einen Blick zurück zu dem Vykati, der ihr folgte. Seine sonst so unbewegte Maske war verschwunden. Zum ersten Mal zeigte sich offen Verwirrung in seinem Gesicht.
Unwillkürlich musste Vanakara schmunzeln.
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Je näher Vanakara dem hinteren Teil des Jada-Schreins kam, desto mehr spürte sie die betörende Wirkung der Sternenblumen.
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Doch mit jedem weiteren Schritt spürte sie, wie schwerer es wurde, sich gegen die sanfte Macht der Sternenblumen zu behaupten. Die vertraute Wärme, die tiefe Ruhe, die alles um sie herum zu erfüllen schien... Sie wollte sich dieser Harmonie nur zu gerne hingeben.
Manomar, steh mir bei. Lass mich meine Sinne bewahren, bat sie erneut.
Als sie den hinteren Teil des Jada-Schreins erreichte, lag vor ihr das kleine Feld aus dunkelblauen, sternenförmigen Blumen. In ihrer Mitte leuchtete jeweils ein weißer Blütenstempel, während die zarten Blütenblätter funkelten, als wollten sie das Licht des Sternenhimmels einfangen.
Der Anblick war ihr vertraut − ebenso wie das Gefühl vollkommener Harmonie, das sich augenblicklich in ihr ausbreitete. Die Sorgen um die Zukunft und die Bedrohung des Jada-Schreins schienen für einen Moment bedeutungslos. Alles war gut. Alles hatte seinen Platz.
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Als Vanakara unter den Einfluss der Sternenblumen geriet, begann sie glückselig zu lächeln.
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Ein glückliches Lächeln erschien auf ihren Lippen, während sie zu dem Vykati hinüberblickte.
Doch sein Ausdruck riss sie aus dieser Empfindung. Seine weit geöffneten Augen, die unübersehbare Verwirrung darin, erinnerten sie daran, warum sie hier war.
Sie holte tief Luft und zwang sich, ihre Gedanken zu sammeln.
Sie durfte sich nicht verlieren. Sie musste ihre Aufgabe erfüllen.
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„Das“, erklärte sie leise und deutete auf die Blumen, „sind Sternenblumen. Spürt Ihr die betörende Magie, die sie besitzen?“
Erneut spürte Vanakara, wie die sanfte Macht der Pflanzen nach ihr griff, wie sie sie umhüllen und in die vertraute Harmonie zurückziehen wollte.
Manomar, hilf mir!, flehte sie inständig.
Der Blick des Vykati ruhte einen Moment lang auf ihr. Darin lagen Unruhe, Sorge und Nachdenklichkeit − Gefühle, die sie bei ihm kaum erwartet hätte. Doch dann wandte er sich wieder den Blumen zu.
Plötzlich wich er erschrocken einige Schritte zurück.
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„Das ist... interessant!“, brachte er hervor. Seine Stimme klang unsicher, beinahe nervös. „In unserem Volk existieren die Sternenblumen nur in Märchen. Aber...“ Er schluckte schwer. „Laut diesen Geschichten geht von ihnen eine große Gefahr aus. Sie können den Geist eines Wesens verwirren.“
Dann wandte er sich wieder ihr zu.
Vanakara erkannte, wie viel Kraft es ihn kostete, seinen Blick von den Blumen abzuwenden. Doch auch sie selbst musste sich konzentrieren, um nicht erneut in die beruhigende Wirkung der Sternenblumen einzutauchen.
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Plötzlich trat der Vykati erschrocken einige Schritte zurück.
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Sie nickte verständnisvoll und antwortete ruhig: „Wenn man zu lange in ihrer Nähe bleibt, zeigen die Sternenblumen tatsächlich eine gefährliche Seite. Ihre Magie kann den Geist eines Wesens langsam verändern, die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerren und eine Abhängigkeit hervorrufen. Irgendwann glaubt das Wesen, dass wahres Glück und Erfüllung nur noch in der Nähe dieser Blumen zu finden sind.“
Für einen Moment gestatte sie sich, ihren Blick über die Blumen schweifen zu lassen. „Es ist, als würde die Seele nach und nach von ihrer Schönheit gefangen genommen werden.“
Dann richtete sie ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf den Vykati. „Allerdings geschieht dies erst, wenn man mehrere Tage ununterbrochen in ihrer Nähe verbringt. Unsere Heiler achten sehr genau darauf, dass niemand dieser Gefahr ausgesetzt wird. Wir nutzen dieses Feld zur Behandlung von Seelenverletzungen oder zur Erholung nach schweren Verlusten.“
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Unwillkürlich schweifte der Blick des Vykati erneut zu den Blumen.
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Während sie sprach, wanderte der Blick des Vykati erneut zu den Blumen zurück.
Für einen kurzen Moment erschien ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht. Dann schien er all seine Kraft aufzubieten, riss den Blick los und presste hervor: „Gehen wir wieder auf die andere Seite des Jada-Schreins. Hier bin ich nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.“
Vanakara kam dieser Bitte nur zu gerne nach. Auch ihr fiel es zunehmend schwer, ihre Gedanken beisammen zu halten und sich nicht erneut der betörenden Magie der Sternenblumen hinzugeben.
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Kaum hatte sie den Wirkungskreis der Blumen verlassen, bemerkte sie, wie der Vykati mit zutiefst erleichtertem Gesichtsausdruck mehrere tiefe Atemzüge nahm.
Auch Vanakara war froh, ihren Geist wieder vollständig unter Kontrolle zu haben. Dennoch verwunderte sie die Reaktion des Vykati auf dieses eigentlich so einschneidende Erlebnis.
Erstaunlich, dachte sie. Wie schnell er sich von der Wirkung der Sternenblumen erholt hat.
Doch sie hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Ihr Anliegen war zu wichtig. Sie hoffte, dass dieses Erlebnis den Vykati zumindest ein wenig empfänglicher für ihre Worte gemacht hatte.
Daher begann sie erneut zu erklären: „Diese magischen Blumen wachsen nur an einem Ort, an dem ein mächtiges magisches Artefakt mit Naturmagie im Boden ruht.“
Sie ließ ihre Worte einen Moment wirken, bevor sie eindringlich fortfuhr: „Wenn ihr Vykati uns dieses Artefakt nehmt, werden die Sternenblumen und das Rubinmoos vergehen. Es ist die Magie des Artefaktes, die diese Pflanzen am Leben erhält. Diese Magie meinen wir, wenn wir von Naturmagie sprechen.“
Erwartungsvoll blickte sie ihn an. Doch der Vykati antwortete nicht.
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Stattdessen beobachtete sie, wie sein Blick langsam zu dem Felsen mit dem Rubinmoos wanderte. Nachdenklich betrachtete er den roten Bewuchs, bevor er zögernd darauf zuging und seine Hand danach ausstreckte.
Hatte er verstanden, was sie ihm zu erklären versuchte? Hatte sie ihn tatsächlich erreicht?
Vanakara hielt den Atem an, während sie beobachtete, wie er vorsichtig über das Moos strich. Nach und nach schien die Anspannung aus seinem Gesicht zu weichen. Sein Blick wurde ruhiger.
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Vanakara beobachtete, wie der Vykati mit der Hand vorsichtig das Rubinmoos berührte.
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Hoffnung keimte in ihr auf.
Vielleicht hatte dieser Vykati endlich erkannt, welche Bedeutung das Artefakt für den Jada-Schrein besaß. Vielleicht würde er verstehen, dass es nicht einfach nur ein Gegenstand war, den man bergen und mitnehmen konnte.
Erleichtert atmete sie auf und ließ ihm die Zeit, die er benötigte, um seine Gedanken zu ordnen.
Doch als er schließlich den Kopf hob und tief Luft holte, zerbrach ihre Hoffnung mit einem Schlag.
„Ich bin hier, um Karten zu zeichnen, nicht um mich mit Spekulationen über ein Artefakt aufzuhalten“, erklärte er mit einer Spur von Härte in der Stimme. „Darüber sollen andere entscheiden.“
Vanakara starrte ihn an, unfähig, seine Worte sofort zu verarbeiten.
Sie hatte alles gewagt. Sie hatte ihm vertraut, ihn zum Heiligtum geführt und ihm gezeigt, was auf dem Spiel stand.
Und dennoch hatte sich nichts geändert.
Der Vykati würde seine Aufgabe erfüllen. Er würde die Gegend um den Jada-Schrein kartographieren, und seine Auftraggeber würden anschließend kommen, um das Artefakt an sich zu nehmen.
Eine tiefe, hoffnungslose Leere breitete sich in ihr aus.
Manomar, Manosom!, begann sie stumm zu beten. Es kann nicht in eurem Sinne sein, dass dieses Heiligtum geschändet wird. Nun liegt es an euch, dies zu verhindern.
Sie dachte an die Kartographen ihres eigenen Volkes, die bereits mehrfach versucht hatten, diese Gegend zu vermessen und jedes Mal gescheitert waren. Den genauen Grund dafür kannte sie nicht. Es hieß lediglich immer wieder, dass eine Kartographierung dieses Gebietes nicht möglich sei.
Vielleicht, so keimte ein kleiner Hoffnungsschimmer in ihr auf, würde es dem Vykati ebenso ergehen. Doch angesichts der weit größeren magischen Fähigkeiten seines Volkes war sie sich nicht sicher, ob er nicht doch einen Weg finden würde, die Hindernisse zu überwinden.
Aber was konnte sie noch tun?
Sie hatte alles versucht. Sie hatte ihren Mut zusammengenommen, sich dem Vykati gestellt und ihm die Bedeutung des Jada-Schreins gezeigt. Und dennoch war sie gescheitert.
Nun lag es nicht mehr in ihrer Hand.
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Vankara hoffte, dass Hariphor, der Waldhüter des Silberwindhains noch etwas bewirken konnte.
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Vielleicht, dachte sie, konnte Hariphor noch etwas bewirken. Immerhin war er der Waldhüter des Silberwindhains. Wenn jemand noch eine Möglichkeit sah, dann er.
Vanakara straffte die Schultern, holte tief Luft und wandte sich dem Vykati zu. „Nun denn. Dann gibt es wohl nichts weiter zu sagen.“ Ihre Stimme klang gefasst, doch sie konnte ihre Enttäuschung nicht vollständig verbergen.
Mit steifen Schritten verließ sie den Jada-Schrein und kehrte zum Merigold-Feld zurück.
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Während des Weges ging sie erneut alle Möglichkeiten durch, die ihr noch blieben, um den Vykati von seinem Vorhaben abzuhalten.
Doch außer Hariphor einzuschalten, fiel ihr nichts ein.
Aufmerksam suchte sie die Umgebung nach einem Eulenbärchen ab − einem kleinen, vierbeinigen, gefiederten Wesen mit abstehenden Ohren. Diese Tiere waren ausgesprochen zutraulich und hatten ihr bereits häufiger geholfen, wenn sie jemandem eine Nachricht überbringen musste.
Natürlich hätte sie auch einen Korvum-Raben um Hilfe bitten können, wie Hariphor es regelmäßig tat. Diese großen, lautlos fliegenden Vögel waren schnelle und zuverlässige Boten und fanden stets instinktiv denjenigen, für den eine Nachricht bestimmt war.
Doch trotz ihrer Arbeit als Tierheilerin hatte Vanakara nie eine besonders enge Verbindung zu ihnen aufbauen können. Der Grund lag in ihrer Kindheit.
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Als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte eines späten Abends ein Korvum-Rabe ihr Elternhaus aufgesucht. Hektisch hatte er ihrem Vater, einem angesehenen Heiler, mitgeteilt, dass ein psychisch instabiler Waldgeist begonnen hatte, die Sternenblumen im Silberwindhain zu zerstören.
Es war ihre erste Begegnung mit diesen großen schwarzen Vögeln gewesen. Und in ihrer kindlichen Wahrnehmung hatte sie damals nur einen flatternden, krächzenden Dämon gesehen, der ihren Vater mitten in der Nacht aus dem Haus gerufen hatte.
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Als Kind hatte ein Korvum-Rabe Vanakara erschreckt, der ihren Vater zu einem Notfall rief.
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Dieses Bild hatte sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Später hatte sie natürlich verstanden, was tatsächlich geschehen war. Der Korvum-Rabe war nicht die Ursache der Gefahr gewesen, sondern hatte im Gegenteil dazu beigetragen, sie zu beenden.
Dennoch verband sie mit diesen Vögeln bis heute ein Gefühl des Unbehagens, eine irrationale Erinnerung an einen Moment, in dem ihre sichere Welt aus den Fugen geraten war.
Schließlich entdeckte sie eines der kleinen Waldtiere auf einer Akharota-Esche. Das Eulenbärchen versuchte gerade, mit seiner Pfote einige nahrhafte Nüsse aus den Zweigen zu lösen.
Vanakara rief es leise zu sich und reichte ihm eine Handvoll geschälter Nüsse.
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Vankara rief ein Eulenbärchen zu sich.
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„Naghuda, kannst du mir einen Gefallen tun?“, fragte sie in der Sprache der Eulenbärchen, sobald das Tier sie erreicht hatte.
Das Eulenbärchen nickte sofort.
Vanakara wusste, dass die Tiere des Waldes ihr sehr verbunden waren.
Sie hatte ihnen immer geholfen, wenn sie verletzt oder in Schwierigkeiten gewesen waren, und diese Dankbarkeit vergaßen sie nicht.
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„Kannst du Hariphor, den Waldhüter, zu meiner Waldhütte bringen?“, bat sie nachdrücklich. „Mach ihm deutlich, dass es dringend ist.“
Naghuda nickte eifrig und hoppelte so schnell es konnte davon. Vanakara musste schmunzeln.
Auch wenn Hariphor − anders als sie − nicht die Fähigkeit besaß, mit den Tieren des Waldes zu kommunizieren, war sie sich sicher, dass das Eulenbärchen den Waldhüter so lange bedrängen würde, bis er verstand, dass er ihm folgen sollte.
Während Naghuda sich auf den Weg machte, um Hariphor zu finden, trat Vanakara den Heimweg an. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um die Begegnung mit dem Vykati. War wirklich bereits alles verloren? Gab es niemanden mehr, der verhindern konnte, dass die Vykati nach dem Artefakt griffen, das tief unter dem Jada-Schrein verborgen lag?
Hoffentlich würde Hariphor noch einen Ausweg finden. Denn ohne seine Hilfe blieb dem Jada-Schrein vielleicht tatsächlich nur noch der Schutz der Schöpferwesen.
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Während sie auf den Waldhüter wartete, wanderte Vanakara unruhig durch ihre Waldhütte. Ihre Gedanken fanden keinen Halt. Immer wieder stellte sie sich dieselben Fragen:
Wie würden die anderen Waldgeister reagieren, wenn bekannt wurde, dass ausgerechnet sie den Vykati zum Jada-Schrein geführt hatte? Würden sie ihr die Schuld geben, sollte das Heiligtum zerstört werden? Würde man sie aus dem Silberwindhain vertreiben?
Und vor allem: Wie würde Hariphor reagieren?
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In ihrer Hütte lief Vanakara unruhig hin und her.
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Sie mochte den Waldhüter sehr und hatte stets das Gefühl gehabt, dass auch er ihre Arbeit und ihren Einsatz schätzte. Doch würde diese Wertschätzung bestehen bleiben, wenn er erfuhr, dass sie selbst den Vykati erst zum Heiligtum geführt hatte? Würde aus Anerkennung Verachtung werden?
Für einen kurzen Moment erwog sie, Hariphor nicht die ganze Wahrheit zu erzählen. Vielleicht musste er nicht wissen, dass sie dem Vykati den Zugang ermöglicht hatte. Vielleicht würde es die Situation einfacher machen.
Doch sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Hariphor konnte nur die richtige Entscheidung treffen, wenn er alles wusste. Die Wahrheit durfte nicht durch ihre Angst vor den Konsequenzen verändert werden. Auch wenn das bedeutete, dass sie sich ihrem eigenen Versagen stellen musste.
Niedergeschlagen ließ sie sich auf die Holzbank vor dem Fenster sinken. Draußen leuchteten die grünen Blätter des Silberwindhains im Sonnenlicht, friedlich und unberührt − als würde die Welt nicht wissen, welche Gefahr über dem Jada-Schrein schwebte.
Vanakara starrte hinaus und wartete. Wie würde Hariphor reagieren, wenn er die Wahrheit erfuhr?
Als das Eulenbärchen Hariphor schließlich zu ihr geführt hatte, erzählte Vanakara ihm von dem Vykati, der den Jada-Schrein kartographieren sollte, weil sein Volk beabsichtigte, das magische Artefakt auszugraben.
Wie sie selbst zuvor reagiert hatte, zeigte auch Hariphor deutliches Entsetzen, als er die Nachricht vernahm. Er starrte sie erschüttert an, unfähig, für einen Moment etwas zu erwidern.
Schließlich fragte er mit angespannter Stimme: „Wie haben die Vykati von dem Artefakt erfahren?“
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Vanakara erzählte Hariphor von ihrer Begegnung mit dem Vykati.
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Vanakara zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, gestand sie. Bei diesen Worten fühlte sie erneut das unangenehme Ziehen in ihrem Inneren, denn sie wusste nur zu genau, welche Rolle sie selbst dabei gespielt hatte. „Aber er konnte den Jada-Schrein erstaunlich genau beschreiben, einschließlich der, wie er es nannte, ‚geheimnisvollen Atmosphäre‘ dort.“
Hariphor zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen und rümpfte leicht die Nase. „Wie bist du überhaupt mit ihm ins Gespräch gekommen?“, fragte er schließlich. Sorge spiegelte sich in seinem Blick wider.
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Vanakara senkte den Blick. Am liebsten hätte sie ihm diese Wahrheit erspart. Sie wusste, dass sie eine folgenschwere Entscheidung getroffen hatte, eine, deren Konsequenzen sie nun tragen musste.
Doch sie konnte Hariphor nicht anlügen. Nicht, wenn er den Jada-Schrein noch retten sollte.
Mit einem leisen Seufzen sagte sie: „Er hat mich nach dem Weg zum Jada-Schrein gefragt.“
Wie sie erwartet hatte, erschien Verwirrung in Hariphors Gesicht. „Also kannte er den Schrein nicht wirklich?“, fragte er irritiert.
Dann wurde sein Blick eindringlicher. „Hat er dich gezwungen, ihn dorthin zu führen?“
Vanakara schloss für einen Moment die Augen. Der Moment war gekommen. Sie musste die Wahrheit aussprechen, auch wenn sie damit eingestand, dass sie selbst den Zugang zum Heiligtum ermöglicht hatte. Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Nein“, sagte sie leise. „Er hat mich nicht gezwungen.“
Sie rang nach Worten und fügte niedergeschlagen hinzu: „Da er den Jada-Schrein so genau beschreiben konnte, bin ich davon ausgegangen, dass die Vykati ohnehin bereits davon wussten.“
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Wie sie befürchtet hatte, veränderte sich Hariphors Gesichtsausdruck. Ungläubigkeit wich langsam blankem Entsetzen.
„Und deshalb hast du ihn in das Heiligtum geführt?“, fragte er mit bebender Stimme. Seine Augen waren weit aufgerissen, als könnte er kaum begreifen, was sie ihm gerade erzählt hatte.
Vanakara nickte. Das Bedauern darüber, den Jada-Schrein in eine solche Gefahr gebracht zu haben, lastete schwer auf ihr.
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Harphor war über Vanakaras Entscheidung entsetzt.
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„Ja, leider“, sagte sie zögernd. „Allerdings bin ich mir sicher, dass der Vykati den Weg später ohnehin gefunden hätte, vermutlich mithilfe des anderen Vykati, der ihm den Auftrag zur Vermessung gegeben hatte.“
Unsicher wartete sie auf seine Reaktion.
Eine tiefe Zornesfalte erschien auf Hariphors Stirn, und Vanakara konnte seine Wut nur zu gut verstehen. Sie hatte eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die sie selbst immer wieder infrage stellte.
Doch dann entspannte sich seine Miene überraschend wieder. Mit ruhiger Stimme fragte er: „Was hast du dir erhofft, als du ihn zum Jada-Schrein geführt hast?“
Vanakara senkte den Blick und seufzte. „Ich dachte, wenn ich ihm die Sternenblumen zeige, würde er erkennen, wie wichtig das Artefakt für den Jada-Schrein ist.“ Sie hielt kurz inne. „Und für einen Moment hatte ich tatsächlich den Eindruck, dass es funktioniert hatte. Aber letztendlich ließ er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er wollte die Kartographierung trotzdem durchführen.“
Hariphor schwieg. Ein nachdenklicher Ausdruck trat auf sein Gesicht.
Vanakara hätte zu gerne gewusst, welche Gedanken hinter diesem Blick lagen. Doch sie wagte nicht, ihn zu unterbrechen.
Nach einer Weile fragte er: „Was für einen Eindruck machte der Vykati auf dich? Wirkte er aggressiv oder gewalttätig?“
Vanakara ließ die Begegnung noch einmal vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Nein, Aggressionen zeigte er nicht.“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Er war eher... gefühlskalt. Als hätte er kaum Zugang zu seinen eigenen Emotionen oder würde sie vollständig verbergen.“
Nachdenklich sah sie ihn an. „Warum fragst du?“
Hariphor erwiderte ihren Blick ernst.
„Ich will mit ihm sprechen“, erklärte er. „Und ich will ihm deutlich machen, dass wir Waldgeister es nicht hinnehmen werden, wenn die Vykati sich an unseren Heiligtümern und Artefakten vergreifen. Er soll verstehen, dass ein solches Vorgehen ernste Konsequenzen haben wird, sollten sie sich nicht an unsere Regeln halten.“
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Vanakara bezweifelte, dass sich der magisch mächtige Vykati von einem unbedeutenden Waldgeist beeindrucken ließ.
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„Konsequenzen?“, wiederholte Vanakara skeptisch. Sie konnte ein bitteres Lächeln nicht verhindern. „Als ob sich die mächtigen Vykati um Konsequenzen scheren würden, die sie von uns Waldgeistern zu erwarten haben.“
Was konnten sie schon gegen dieses magisch überlegene Volk ausrichten?
Doch Hariphor antwortete nur mit einem rätselhaften Lächeln. „Wir werden sehen.“
Diese Antwort machte Vanakara neugierig.
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Hariphor schien etwas zu wissen, von dem sie keine Ahnung hatte. Etwas, das ihm Hoffnung gab. Konnte er den Vykati tatsächlich aufhalten?
Als Hariphor sich schließlich verabschieden wollte, trat Vanakara entschlossen vor. „Ich komme mit.“ Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu.
Hariphor öffnete bereits den Mund, um etwas zu entgegnen, doch dann ließ er die Schultern sinken und zuckte nur mit ihnen. Offenbar wusste er, dass es keinen Sinn hatte, sie davon abzubringen.
Also machten sie sich gemeinsam auf den Weg zum Jada-Schrein. Dort, so vermuteten sie, würde der Vykati noch immer mit seiner Arbeit beschäftigt sein.
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Gemeinsam machten sich Hariphor und Vanakara auf den Weg zum Jada-Schrein.
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Tarodastrus' Perspektive
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Vanakaras Perspektive
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Hariphors Perspektive
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