zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnisA 10) Der Mahnruf


Der Mahnruf



Während der nächsten Wochen konzentrierte sich Tarodastrus wieder auf seine Arbeiten in der Reichsglorie.

Er suchte in Karten nach Ritualstätten, bestimmte magische Knollenpunkte und Linien, überprüfte magische Stabilitäten, markierte Gefahrenstellen und riskante Gebiete, übertrug seine gewonnenen Erkenntnisse in schon vorhandene Karten oder erstellte neue, wenn die Überarbeitung nicht mehr ausreichte. Es waren routinierte Tätigkeiten, die ihn nicht sonderlich forderten, aber notwendig waren und zuverlässig erledigt werden mussten.

Tarodastrus führte Routinearbeiten durch.

Hin und wieder zog er Rakhata zu Rate, obwohl es unter den Vykati als Zeichen unzureichender Kompetenz galt, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Doch Tarodastrus maß diesem Umstand wenig Bedeutung bei.

Er kannte die Grenzen seiner Fähigkeiten und wusste ebenso, dass Rakhata in bestimmten Bereichen präziser arbeitete als er selbst. Sie reagierte stets korrekt auf seine Anfragen, ohne Zögern oder offene Missbilligung.

In den Tagen danach veränderte sich jedoch ihr Verhalten ihm gegenüber in vorhersehbarer Weise. Vorschläge wurden häufiger, Formulierungen verbindlicher, die Distanz geringer. Tarodastrus ging nicht darauf ein. Er wies nichts zurück, er bestätigte nichts − und nach einer Weile ebbten die Annäherungsversuche ab, wie sie es immer taten.



Tarodastrus und Sadothus trafen sich fernab der sonstigen vykatianischen Treffpunkte.

Abends, wenn die anderen Vykati sich im Park der Reichsglorie trafen um gesehen zu werden und ihre Stellung zu festigen, verbrachte Tarodastrus seine Zeit fernab dieses Ortes mit Sadothus. Er hörte ihm zu, während dieser mit unverhohlener Begeisterung von seinen jüngsten Funden berichtete, von Textstellen, Artefakten und Zusammenhängen, die bislang unbeachtet geblieben waren. Tarodastrus stellte gelegentlich eine Frage oder ließ sich eine Behauptung erläutern, mehr aus methodischem Interesse als aus Neugier. Es war eine der wenigen Situationen, in denen von ihm keine sichtbare Anpassung erwartet wurde.

Eines Morgens − es war jetzt einen guten Monat her, dass er unverrichteter Dinge aus dem Silberwindhain zurückgekehrt war − hatte er gerade damit begonnen, seine gesammelten Unterlagen zu ordnen, als plötzlich ohne Vorwarnung Resogurions besorgte Stimme in seinen Gedanken erklang: Tarodastrus! Es gibt eine magische Instabilität in Vanavistaria!

Tarodastrus hielt mit seinen Arbeiten umgehend inne und fragte in Gedanken erschrocken nach: Was sagst du?

Auf Valivisia haben wir die Signalwellen einer magischen Instabiltät von Agibarania empfangen, meinte Resogurion weiterhin voller Unruhe. Leider konnten wir diese nur sehr oberflächlich eingrenzen. Aber wir sind sicher, dass sie aus Vanavistaria kommt.

Tarodastrus versuchte seine Gedanken zu ordnen. Vanavistaria war riesig! Wo genau sollte er anfangen, nach der magischen Instabilität zu suchen? Und wieso trat sie auf?

Welche Ursache könnte diese magische Instabilität hervorrufen?, dachte er in Richtung Resogurion und fühlte Panik in sich aufsteigen, die seinen Körper verkrampfen ließ.

Für gewöhnlich taucht sie dann auf, wenn jemand mit einem überaus mächtigen magischen Artefakt herumexperimentiert, das er nicht beherrschen kann, erklärte Resogurion.



Tarodastrus wusste nicht, wo er in Vanavistaria nach der magischen Instabilität suchen sollte.

Woher soll ich denn wissen, welches Wesen hier in Vanavistaria gerade mit einem solchen Artefakt hantiert?, dachte Tarodastrus verzweifelt. Wie sollte er dieses Wesen jemals und vor allem auf die Schnelle finden?

Hast du keine Ahnung, wo sich das Wesen gerade befindet?, fragte er Resogurion in Gedanken, die sich gerade zu überschlagen schienen.

Leider nein, antwortete dieser bedauernd. Ich kann dir nur sagen, dass die Quelle der magischen Instabilität materiellen Ursprungs ist. Daher ist es mir unmöglich, diese ausfindig zu machen. Ich spüre lediglich die Auswirkungen und dass sie schon weit fortgeschritten ist.

Tarodastrus wurde konfus. Er fühlte sich hoffnungslos überfordert.

Er wusste nicht, was er tun sollte, wo er anfangen sollte, zu suchen. Wie konnte er diese magische Instabilität aufspüren?



Tarodastrus fragte Resogurion nach allen Informationen, die er ihm geben konnte.

Er holte tief Luft, um sich ein wenig zu beruhigen und fragte dann in Gedanken in Richtung Resogurion: Was kannst du mir an Informationen über die Instabilität liefern? Sag mir bitte alles, was du weißt.

Das ist nicht viel, antwortete Resogurion besorgt. Das Artefakt wird vermutlich überaus mächtig sein, da die magische Instabilität schon deutlich kritische Ausmaße angenommen hat. Es hat leider etwas gedauert, bis wir die Signalwellen, die von Agibarania nach Valivisia kamen, richtig gedeutet haben. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es über gleich mehrere Magiearten verfügt.

Wie durch einen Nebel klangen plötzlich Rakhatas besorgte Rufe zu ihm durch: „Tarodastrus, was ist mit dir los? Soll ich Heiler Arjatus holen?“ Doch er reagierte nicht darauf.

Allerdings brachten sie in ihm eine Erinnerung zum klingen, an eine Aussage Resogurions, die er ihm gegenüber vor vielen Jahren tätigte: Du sagtest mir einst, dass du in der Lage seist, mit allen Wesen Vanavistarias gleichzeitig zu sprechen und in deren Geist einzudringen, solange sie dich nicht aktiv blockieren. Ist es dir nicht vielleicht möglich, darüber den Ort etwas einzugrenzen?

Eine kurze Stille, dann kam ein neuer Gedanke von Resogurion: Ich versuche es schon, seit ich auf Agibarania bin, aber ich kriege keinen Zugriff auf den Geist. Es ist keine aktive Blockade, die mich abhält, sondern etwas, das ich nicht greifen kann. Der Geist scheint überfüllt zu sein mit Reizen. Tarodastrus nahm ein leichtes Schmunzeln wahr, als Resogurion ergänzte: Ähnlich wie bei dir damals, als Sadothus meinte, dass du zu verliebt seist, um mich in deinen Geist zu lassen.

Taodastrus war verwirrt. Ein schwer verliebter Magier hantiert mit einem mächtigen Artefakt?, fragte er ungläubig.

Nein, entgegnete Resogurion sofort, nun wieder mit ernster Stimme, ich sagte, es sei ähnlich wie bei dir damals. Es ist etwas anderes. Aber es geht in die Richtung. Ich kann es nicht richtig fassen. Der Geist ist zugleich aufgewühlt und absolut ruhig. Es scheint eine unglaubliche Stille vorzuliegen und doch wird er von unablässigen Gedankenblitzen traktiert. Etwas scheint auf den Geist Einfluss zu nehmen, ohne dass der Magier es steuern kann.

Tarodastrus versuchte sich zu beruhigen, damit er die Informationen, die er von Resogurion erhalten hatte verarbeiten konnte. Es ging um ein mächtiges magisches Artefakt materiellen Ursprungs und einen Magier, dessen Geist manipuliert wurde, der sowohl Ruhe als auch Unbehagen verspürte.

Plötzlich merkte Tarodastrus, wie sich eine Erinnerung in ihm meldete, ein Erlebnis, das ihn erschüttert hatte. Er spürte wie die unterdrückten Gedanken an die Oberfläche seines Bewusstseins drängten, und dann waren sie mit einem Mal da: die Erinnerungen an die vorgegaukelte Harmonie, die allem widersprach, was er einst gelernt hatte − die absolute Ruhe gepaart mit dem Unbehagen, die betörende Wirkung, der er sich kaum widersetzen konnte.

Gleichzeitig kam ihm eine zutieft schockierende Eingebung in den Sinn. Aber, das konnte nicht sein! Nicht Sadothus! Sollte dieser etwa... Tarodastrus wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.



Tarodastrus wurde an die Sternenblumen erinnert.

Sadothus hatte noch nie Tarodastrus' Urteil in Zweifel gezogen − und er würde sich niemals einem mächtigen magischen Artefakt nähern, ohne die Gewissheit zu haben, dass dieses unbedenklich wäre!

Kannst du Sadothus' Geist erreichen?, fragte Tarodastrus alarmiert.

Ja, entgegnete Resogurion und Tarodastrus atmete erleichtert auf, er ist in seinem Studierzimmer. Aber ich spüre, dass du einen Einfall hast. Weißt du nun, wo du nach der magischen Instabilität suchen könntest?

Ohne auf die Frage Resogurions einzugehen, erkundigte sich Tarodastrus erregt: Können diese magischen Instabilitäten auch hervorgerufen werden, wenn jemand ein mächtiges magisches Artefakt ausgräbt?

Wenn es schon lange im Boden liegt und enorme magische Energien aufgenommen hat, ist das möglich, antwortete das Geisterwesen.

Dann habe ich eine Idee, dachte er in Richtung Resogurion und stand auf. Er eilte aus der Werkstatt hinaus.

Hinter sich hörte er noch Rakhatas Worte: „Wo gehst du hin? Was ist mit dir los?“ Doch es gab gerade Wichtigeres, als seine besorgte Arbeitskollegin zu besänftigen. Er musste zu Sadothus − auf der Stelle, ohne Verzögerung!



Tarodastrus eilte zur Tür hinaus.

Tarodastrus'
Perspektive
Rakhatas
Perspektive

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