zurück StartseiteDer Planet AgibaraniaWesen und OrteTitelseiteInhaltsverzeichnisA 9) Rakhata


Rakhata
(Rakhatas Perspektive)





Rakhata saß an ihrem Schreibpult und gestattete sich eine kleine Auszeit. Kein Kunde weit und breit − und ihr Kollege war auch unterwegs. So war sie in der Kartographie-Werkstatt vollkommen allein und ließ ihre Gedanken schweifen.

Sollte zufällig ein Vykati an der Werkstatt vorbeigehen und einen Blick durchs Fenster werfen, sähe es so aus, als grüble sie über ein Kartenproblem. Doch in Wirklichkeit waren ihre Gedanken bei Tarodastrus, ihrem Kollegen, um den sie sich nun seit beinahe drei Jahren bemühte − ohne auch nur den Ansatz eines Erfolges. Es war zum Verzweifeln!

Rakhata ließ ihre Gedanken schweifen.

Dabei hatte sie hier damals die Stelle mit voller Zuversicht angetreten, dass ihre effiziente Arbeit den Hüter des Lichtes von sich überzeugen könnte. Aber es schien ihn absolut nicht zu beeindrucken.

Großmeister Visalus, der Oberste Rang einer geheimen, exklusiven Bruderschaft, der sie angehörte, hatte ihr befohlen, den Hüter des Lichtes emotional von sich abhängig zu machen, damit die Bruderschaft Einfluss auf diesen bedeutsamen Vykati − und somit sogar auf die politische Führung Vanavistarias − nehmen konnte. Doch all ihre Anstrengungen waren bislang ins Leere gelaufen. Egal, wie sie sich Tarodastrus gegenüber gab, er ließ von ihrer Seite einfach keine Nähe zu.

Der alte Großmeister, der den Hüter des Lichtes von Kindesbeinen an beobachtete, hatte erwähnt, dass dieser − entgegen jeden vykatianischen Anstands − in all seinen Beziehungen Gefühle gezeigt habe. Keine seiner Partnerschaften sei, wie bei den Vykati üblich, von Planung und Berechnung geprägt gewesen; vielmehr hätten sie stets unter dem Zeichen von Anhänglichkeit und Zärtlichkeit gestanden.

Aus diesem Grund konnte die Bruderschaft schon zwei Erfolge verzeichnen, doch jedes Mal, wenn sie glaubte, sie hätten den Hüter des Lichtes unter Kontrolle, hatte dieser die Beziehung abrupt beendet. Es sei sehr schwer, ihn unter der Kontrolle zu halten, hatte der Großmeister erklärt. Daher sollte Rakhata vorsichtig, aber gezielt vorgehen.



Rakhata erlebte Tarodastrus immer nur kalt, distanziert und schweigsam.

Von dieser angeblich heftigen Gefühlswelt, von der der Großmeister gesprochen hatte, war bei Tarodastrus, so wie sie ihn bislang kennengelernt hatte, allerdings nichts zu spüren. Er gab sich kalt, distanziert und schweigsam – eben so, wie man es bei einem guten Vykati erwarten konnte.

Zwar stand es ihr nicht zu, die Worte des Großmeisters in Zweifel zu ziehen, dennoch erwiesen sich die bisherigen Ansätze als unzureichend.

Da Tarodastrus weder ihr noch anderen Vykatifrauen gegenüber von sich aus Ambitionen zeigte, eine Verbindung ins Auge zu fassen, hatte sie ihm schon mehrmals deutlich angezeigt, dass sie durchaus Interesse an ihm hatte. Doch immer blockte er ab.

Dabei hätte er sich durchaus mit ihr blicken lassen können. Sie gehörte zu den besten Kartographinnen, die die Reichsglorie aufweisen konnte. Tarodastrus und sie hätten ein sehr erfolgreiches Duo abgeben können, aber es schien ihm zu reichen, dass sie für ihn arbeitete.

Der Hüter des Lichtes ließ sich ohnehin anscheinend nicht von dem Renommee eines Vykati beeindrucken. Nie sah man ihn in der Nähe einer hoch angesehenen Persönlichkeit − immer nur in Begleitung dieses entsetzlichen Sadothus, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle halten konnte oder wollte − eine verachtenswerte Unart für einen Vykati. Kein Vykati verstand, warum sich der berühmte Hüter des Lichtes ausgerechnet mit diesem Paria einließ und dieser einen solchen Einfluss auf ihn hatte.

Zudem hatte er sich ein winziges Häuschen am Rand der Reichsglorie zugelegt, in einem Viertel, das keinen guten Ruf genoss. Nicht viele Vykati wussten oder ahnten auch nur, dass dort der berühmte Hüter des Lichtes wohnte. Würde die Bruderschaft ihn nicht stets überwachen, hätte auch Rakhata ihn nie in diesem zwielichtigen Viertel vermutet.

Doch Tarodastrus schien keinen verstärkten Wert auf einen untadeligen Ruf zu legen − und das war etwas, was sie seltsamerweise enorm anzog.



Rakhata verstand nicht, warum Tarodastrus vorzog, in einer zwielichtigen Gegend zu wohnen.

Sie schalt sich häufig dafür, dass sie ihm nicht mit der Professionalität begegnen konnte, die von ihr zu Recht erwartet werden konnte. Schließlich war sie eine Privilegierte, eine der achtundzwanzig Auserwählten, ein Mitglied der geheimen „Bruderschaft der verschwundenen Magie“. Sie war eine Vorzeige-Vykati, die niemals die Kontrolle verlor!

Doch der Hüter des Lichtes verursachte in ihr eine Irritation, die sie bislang nicht hatte beheben können. Sie registrierte ein unerklärliches Bedürfnis nach seiner Präsenz − ein Störgefühl, das ihre Konzentration unterlief. Diese Empfindung durfte sie nicht zulassen! Er war lediglich ein Ziel, das sie im Auftrag der Bruderschaft für sich gewinnen musste. Eine emotionale Nähe von ihrer Seite durfte nicht entstehen! Das musste sie verhindern!

Doch wenn sie wirklich ehrlich vor sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass sie diesen Kampf bereits verloren hatte. Nach außen hin, vor allem vor den Augen der Bruderschaft, konnte sie nach wie vor die eiskalte, berechnende Taktikerin spielen, doch innerlich war sie sich bewusst, dass Tarodastrus in ihr eine innere Resonanz auslöste, für die sie bislang kein Modell besaß.

Unbewusst entfuhr Rakhata ein tiefer Seufzer.

Erschrocken blickte sie aus dem Fenster, ob jemand sie gerade beobachtet. Glück gehabt!, dachte sie, als sie niemanden auf der Straße sah. Aber das half nichts. Der Seufzer war passiert. Ihre Kontrolle bekam Risse, Aussetzer, die sie sich nicht leisten durfte! Sie musste sich zusammenreißen, ihre Gedanken in andere Bahnen lenken, weg von ihrem Kollegen!



Rakhata dachte an das Treffen der Bruderschaft vor zwei Abenden zurück.

Daher zwang sie sich, an das letzte Treffen der geheimen Bruderschaft in den Dunklen Klüften an der Nordgrenze des Gebietes der Vykati zu denken, dass zwei Tage zuvor am Abend stattgefunden hatte. Die achtundzwanzig Mitglieder waren hier zu ihrer monatlichen Zusammenkunft erschienen, um ihre Fortschritte in ihrer Einflussnahme auf diverse wichtigen Persönlichkeiten mitzuteilen, und weitere Schritte auf ihrem Weg zur Macht zu planen.

Als Rakhata immer noch keinen Erfolg bei ihren Bemühungen um Tarodastrus mitteilen konnte, hatte Großmeister Visalus erneut deutlich seine Ungeduld geäußert.

„Ich befinde mich zwar in einem engen Arbeitsverhältnis mit dem Hüter des Lichtes“, hatte sie zu erklären versucht, „aber Tarodastrus geht mit Problemen immer zu Sadothus, diesem unwürdigen Vykati. Ihm vertraut er sich stets an, nicht mir. Wäre es nicht möglich, dass wir einen Keil zwischen die beiden treiben? Wenn Sadothus nicht mehr als Ansprechpartner für Tarodastrus zur Verfügung steht, wendet er sich dann vielleicht mir zu.“

Großmeister Visalus hatte kurz darüber nachgesonnen, dann jedoch den Kopf geschüttelt und mit strenger Stimme erklärt: „Nein, wenn wir aktiv gegen Sadothus vorgehen, besteht die Gefahr, dass unsere Bruderschaft aufgedeckt wird. Du wirst dich wohl noch mehr anstrengen müssen, Rakhata, ansonsten müssen wir in der Bruderschaft davon ausgehen, dass du ohne den nötigen Ehrgeiz handelst − und damit unwürdig bist, ihr weiterhin anzugehören.“

Unwürdig. Das Wort hatte in ihr nachgeklungen wie ein Hammerschlag.



Großmeister Visalus wurde langsam ungeduldig aufgrund von Rakhatas mangelndem Fortschritt.

Wenn Großmeister Visalus sie für unwürdig hielt, dann war nicht nur ihre Stellung innerhalb des elitären Zirkels in Gefahr − es betraf ihr Selbstverständnis als Vykati. Wer keine Kontrolle über seine Mission hatte, wer seine Ziele nicht mit Präzision erreichte, hatte keinen Platz in der Bruderschaft.

Sie fühlte schon nahezu körperlich, wie der Schlüssel des Vergessens über ihre Stirn gezogen wurde, jener Schlüssel, der bewirkte, dass jegliche Erinnerung an die „Geheime Bruderschaft der verschwundenen Magie“ verblasste und sich in Luft auflöste.

Das durfte ihr nicht passieren! Sie gehört zu dem elitären Zirkel, zu den achtundzwanzig echten Vykati, die die Werte ihres Volkes nicht nur kannten, sondern lebten − Werte, die für jeden anständigen Vykati selbstverständlich waren: „Vykati bleiben unter sich!“ und „Mit Ehrgeiz und Emotionslosigkeit kommt man zum Erfolg!“

Nein, sie durfte nicht scheitern − und sie musste ihre Gefühle gegenüber Tarodastrus in den Griff bekommen! Ein Scheitern war keine Option!

Aus diesem Grund verbannte sie jeden Gedanken an ihren Kollegen und widmtete sich wieder mit voller Konzentration den Notizen, die sie gerade begonnen hatte.



Rakhata wunderte sich über den frühen Besuch von Payelos in der Kartographie-Werkstatt.

Als sich die Tür der Kartographie-Werkstatt plötzlich öffnete, schaute Rakhata von ihrer Arbeit auf. So früh am Morgen war mit Kundschaft nicht zu rechnen.

Doch sie erkannte den eintretenden schlanken Mann mit den schulterlangen schwarzen Haaren sofort. Es war der Sprecher der „Verborgenen Hände“, dem vierten Rang der Bruderschaft − Payelos.

Payelos trat stets als Kunde auf, wenn er herkam, brachte aber für gewöhnlich Botschaften von der Bruderschaft mit, die er in Codes und subtilen Hinweisen versteckte. Für Außenstehende, vor allem für die Ohren von Tarodastrus, klangen die Gespräche immer wie normale Kundengespräche.

Da die Geheimhaltung der Bruderschaft oberste Priorität hatte, wich Payelos selbst jetzt, da sie in der Werkstatt allein waren, nicht von seinem Prinzip ab.

Rakhata wusste dies und trat ihm also geschäftsmäßig mit der Frage entgegen: „Payelos, was führt Euch her?“

Payelos erklärte in seiner leisen, heiseren Stimme: „Das Luftritual ist erstaunlich schnell gelungen, daher benötige ich von Euch keine weitere Expertise über neue Ritualorte. Allerdings wäre eine Analyse der äußeren Bedingungen von Interesse, um zu verstehen, warum es so schnell gelungen ist.“

Rakhata verbarg ihre Überraschung. Sie hatte genau verstanden, was Payelos ihr mitzuteilen hatte: Mit dem Codewort „Luftritual“ war Tarodastrus gemeint. Dieser war also überraschend schnell zurückgekehrt und sie sollte umgehend ihre heimlichen Spionagetätigkeiten einstellen. Allerdings wollte die Bruderschaft den Grund für die schnelle Rückkehr erfahren und überbrachte ihr den Auftrag, Tarodastrus dahingehend auszuhorchen.

Rakhata nickte und erwiderte: „Ich werde Nachforschungen anstellen und Euch von den Ergebnissen in Kenntnis setzen. In drei Tagen sollte ich die Analyse spätestens abgeschlossen haben.“



Payelos warnte Rakhata vor Tarodastrus’ vorzeitiger Rückkehr.

Payelos nickte knapp, drehte sich um und verließ wortlos die Werkstatt.

Kaum war der Sprecher der „Verborgenen Hände“ gegangen, öffnete sich erneut die Tür und Tarodastrus erschien.

Überraschung musste sie nicht heucheln, rechnete ihre Kollege doch ohnehin nicht damit, dass sie eine Reaktion zeigte. Somit erwiderte sie lediglich sein grüßendes Nicken und wandte sich wieder ihren Aufgaben zu.

Mit einem Ohr lauschte sie auf das, was Tarodastrus hinter ihrem Rücken tat. Eine direkte Beobachtung kam nicht infrage, denn er durfte nicht mitbekommen, dass sie ihn überwachte. So konnte sie nur aus den Geräuschen darauf schließen, was er unternahm.



Rakhata lauschte darauf, was Tarodastrus machte.

Sie hörte, wie er zunächst ruhig an seinem Schreibpult saß, schließlich eine Schublade öffnete und vermutlich ein Pergament herausholte. Dann begann die Schreibfeder zu kratzen.

Er schrieb wahrscheinlich den Bericht, dachte sie zufrieden. Es würde sich innerhalb der nächsten Tage sicherlich eine Gelegenheit ergeben, in der sie − allein in der Werkstatt − diesen in Ruhe lesen konnte. Vielleicht bekam sie dadurch schon einen Hinweis auf die vorzeitige Rückkehr ihres Kollegen.

Während Tarodastrus seinen Bericht verfasste, stand sie auf und ging zu einem Regal. Sie tat so, als müsse sie dort etwas nachschlagen. Das gab ihr die Gelegenheit, einen kurzen Blick zu ihrem Kollegen zu werfen und sah ihre Vermutung bestätigt. Er verfasste in der Tat gerade den Bericht.

Während sie am Regal stand und in einem Buch blätterte, bemerkte sie im Augenwinkel, dass Tarodastrus, der seinen Bericht inzwischen beendet hatte, seine Tasche zum Tischchen unter dem Kosmischen Referenzanker trug und sie dort abstellte.

Rakhata drehte sich ein wenig von ihm ab, damit er nicht den Verdacht bekam, sie würde ihn beobachten, lauschte aber weiterhin auf Geräusche, um zu ermitteln, was er gerade trieb.

Sie registrierte, dass er dieses Mal sonderbar lange benötigte, bis er mit dem magischen Spruch „Sandarbha enkara!“ den Referenzanker aktivierte und diesen ungewohnt lange arbeiten ließ. Die Neukalibrierung eines Gerätes war für gewöhnlich innerhalb von wenigen Sekunden erledigt.

So wandte sie nun doch den Blick in seine Richtung und stellte verwundert fest, dass Tarodastrus sämtliche Gerätschaften sorgfältig auf dem Tischchen verteilt hatte. Gerade hatte er begonnen, sie wieder in seiner Tasche zu verstauen.

Als er ihren Blick bemerkte, hob sie eine Augenbraue, um ihm zu signalisieren, dass sein Verhalten in ihr Irritationen auslöste.

Kurz angebunden erklärte er: „MITF“, und setzte sich an sein Schreibpult.



Rakhata registrierte verwundert, dass Tarodastrus sämtliche Instrumente neu kalibriert hatte.

Sie benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, was er gerade gesagt hatte, dann schrillten in ihrem Kopf die Alarmanlagen. MITF − Magisch-Induzierte Topographische Fluktuationen! Tarodastrus war einem dieser seltenen Phänomenen ausgesetzt gewesen, die als überaus gefährlich galten!

Sie benötigte einen Augenblick, um sich zu fangen, und setzte sich dann angespannt zurück an ihr Schreibpult.

Dass Tarodastrus sich natürlich gab, so, als sei nichts vorgefallen, wunderte sie nicht. Immerhin war er ein vorbildlicher Vykati, der seine Angst und Sorge nicht nach außen trug, sondern mit sich allein ausmachte.

Dennoch hatte sie erwartet, dass er ihr diese wichtige Information auch ohne ihren fragenden Blick mitgeteilt hätte. Er musste doch wissen, welche Gefahren mit diesem Phänomen einhergingen und dass er von diesen nun beeinträchtigt sein könnte.

Er wirkte, wie ein kurzer Blick auf ihn anzeigte, recht entspannt und ausgeglichen. Nichts wies auf Kopfschmerzen oder Schwindelgefühle hin. Dennoch, nahm sie sich vor, würde sie ihn in der nächsten Zeit intensiv beobachten, ob sein Verhalten auf Gedächtnislücken oder Wahrnehmungsstörungen schließen ließ.

Auf jeden Fall würde sie die MITF und die damit einhergehenden Risiken, was den Hüter des Lichtes betraf, in dem Bericht an Payelos erwähnen − und auch, ob Tarodastrus ernst zu nehmende Aussetzer zeigte.



Rakhata plante in ihrem Bericht sowohl die MITF
als auch Tarodastrus' Verhalten zu erwähnen.

Tarodastrus'
Perspektive
Rakhatas Perspektive Payelos'
Perspektive

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