|
|
|
|
|
Tarodastrus näherte sich der Gruppe um Sadothus. Er bemühte sich, die Stimmung zwischen den Wesen zu erfassen.
Als er mit den Wächtern zum Jada-Schrein gelangt war, hatte er den Eindruck gehabt, dass zwischen den drei Anwesenden ein friedliches Gespräch stattfand. Doch nach dem angstvollen Blick, den die Waldgeistfrau Sadothus zugeworfen hatte, zweifelte er inzwischen etwas an seiner ersten Einschätzung.
|
Er grüßte die Anwesenden mit seinem üblichen stummen Nicken und blickte von einem zum anderen. Die Gesichter sahen angespannt aus, weniger friedlich als er zunächst angenommen hatte.
Da wandte sich der Waldgeistmann an ihn: „Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr den jungen Mann mit einem Gravitationszauber an den Boden gebunden hattet?“
Tarodastrus nickte. „Es war unumgänglich“, rechtfertigte er sich.
|
|

Tarodastrus grüßte Sadothus und die Waldgeister mit einem stummen Nicken.
|
„Ihr könnt tatsächlich die Gravitation beherrschen?“, fragte der Waldgeistmann interessiert.
Tarodastrus schüttelte verneinend den Kopf. „Wir können sie nur punktuell verstärken oder abmildern.“
„Wir können nicht fliegen“, warf Sadothus mit sarkastischer Stimme ein.
Tarodastrus blickte seinen Freund verwundert an. In Sadothus' Stimme lag ein scharfer Unterton, den er an ihm nicht kannte. Spürte er hier einen Hauch von Feindseligkeit? Was hatte hier stattgefunden, während er fort gewesen war?
„Wusstest du“, fragte Sadothus nun ironisch, „dass Waldgeister glauben, die Magiearten von im Boden vergrabenen Artefakten bestimmen zu können? Sie nutzen dafür eine eingefärbte Holzscheibe.“
|

Tarodastrus fiel auf, dass die Waldgeistfrau eine Holzscheibe in den Händen hielt.
|
|
Irritiert schaute Tarodastrus die Waldgeister an. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Waldgeistfrau eine tellergroße Holzscheibe in der Hand hielt. Aber warum reagierte Sadothus darauf mit einer solchen Bitterkeit?
„Vykati haben keinen Zugang zur Funktionsweise des magischen Sensors“, erklärte Hariphor. „Daher hält Euer Freund diesen vermutlich für einen Schwindel.“
Tarodastrus wandte seinen Blick Sadothus zu, der genervt mit den Augen rollte.
|
Sein erster Eindruck eines friedlichen Gesprächs war eindeutig falsch gewesen, stellte Tarodastrus fest. Zwischen Sadothus und den Waldgeistern musste es heftige Spannungen gegeben haben nach dem zu urteilen, wie sie aufeinander reagierten.
„Sie haben mir zeigen wollen, dass sie in der Lage sind, Heilungsmagie und Naturmagie nachzuweisen“, erklärte Sadothus sarkastisch, „aber an der allumfassenden Magie sind sie gescheitert. Na sowas!“ Ein ironisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Bevor Tarodastrus reagieren konnte, hörte er die Waldgeistfrau mit deutlichem Misstrauen in der Stimme fragen: „Hat Euer Gravitationszauber den jungen Vykati in diesen apathischen Zustand versetzt?“
Diese Frage traf ihn so unerwartet, so völlig aus dem Zusammenhang gerissen, dass er einen Moment lang nicht reagieren konnte. Doch er sah, wie Sadothus erbleichte. Also riss sich Tarodastrus zusammen und erklärte mit fester Stimme − mehr, um seinen Freund von dessen Unschuld zu überzeugen als um sich vor den Waldgeistern zu rechtfertigen: „Nein. Die Wirkung der Sternenblumen war durch die magische Instabilität extrem verstärkt worden. Sie trafen den jungen Vykati vollkommen unvorbereitet. Sein Geist war bereits verloren, bevor wir hier eintrafen. Der Gravitationszauber hatte keinen Einfluss mehr auf ihn.“
|
Obwohl er die Augen auf die Waldgeistfrau gerichtet hielt, achtete er im Augenwinkel genau auf Sadothus' Reaktion. Das starre Gesicht, das dieser zeigte, sprach Bände. Seine Worte hatten nicht gegriffen. Sein Freund zog sich innerlich zurück.
Wie konnte Tarodastrus ihm nur helfen?
Da fiel sein Blick erneut auf die Holzscheibe und er sprach in sachlichem Ton: „Mein Freund erwähnte gerade, dass Ihr mit diesem Instrument die Magieart bestimmen könnt?“
|
|

Tarodastrus bemerkte im Augenwinkel, wie Sadothus erbleichte.
|
Tarodastrus hoffte, dass er durch diese Frage Sadothus' Gedanken in eine neue Richtung lenken konnte. Auf wissenschaftlichem Gebiet fühlte sich sein Freund immer sicher − selbst wenn er dieses Gerät für untauglich hielt.
Die Waldgeistfrau zögerte zunächst. Doch nach einem Blick zu ihrem Gefährten fragte sie nun etwas weniger abweisend: „Darf ich es Euch vorführen?“
Tarodastrus nickte. Er registrierte im Augenwinkel, dass sich Sadothus' Aufmerksamkeit ihm zuwandte. Seine Taktik schien aufzugehen.
|

Die Waldgeistfrau erklärte die Benutzung des magischen Sensors.
|
|
Die Waldgeistfrau nahm die Holzscheibe, in deren Mitte ein großer Kristall saß und deren Rand in zwölf gleichgroße Felder mit einer blassblauen Färbung geteilt war, zwischen ihre beiden Hände und suchte sich einen sicheren Stand. Dann schloss sie die Augen und erklärte: „Der magische Sensor funktioniert nur dann, wenn man sich selbst als Teil der Natur begreift und körperlich erdet. Indem ich den Sensor mit beiden Händen greife, stelle ich einen geschlossenen Resonanzkreis her, sodass er auf die magischen Schwingungen hier reagieren kann. Dann versuche ich heilsame Vibrationen zu erspüren. Wenn welche vorhanden sind, wird der Sensor diese anzeigen.“
|
Sie verstummte und Tarodastrus beobachtete beeindruckt, wie die Farbflächen des Sensors eine leuchtend türkise Färbung annahmen.
Die Färbung hielt für einige Sekunden an, dann verblasste sie wieder und das matte Blau erschien wieder.
„Ihr spracht bei unserem ersten Aufeinandertreffen auch von Naturmagie, die hier vorherrschen soll“, meinte Tarodastrus, um Sadothus' Aufmerksamkeit weiter fokussiert zu halten. „Könnt Ihr mir diese auch anhand des Sensors zeigen?“
|
Die Waldgeistfrau nickte, nahm wieder ihre Stellung ein und schloss die Augen. Mit Erstaunen nahm er diesmal die Farbveränderung ins Dunkelgrüne wahr.
Sadothus' Blick hatte sich jedoch gewandelt. Er wirkte nicht mehr so erstarrt, aber keinesfalls ruhiger als vorher.
Vielmehr zeigte sein Gesichtsausdruck, als er seinen Freund ansah − und Tarodastrus war darüber vollkommen irritiert −, eine ausgeprägte Geringschätzung!
|
|

Tarodastrus bemerkte mit Erstaunen, wie sich die Farbfelder dunkelgrün färbten.
|
Sein Eindruck bestätigte sich als dieser dann mit deutlichem Spott in der Stimme sagte: „Du kannst ja mal versuchen, ob dieser angebliche Sensor auch bei dir funktioniert.“
Tarodastus war verwirrt.
Der Waldgeistmann hatte erklärt, dass Vykati keinen Zugriff auf den Sensor hatten. Warum also sollte es ihm anders ergehen als Sadothus? Es würde ihm ebenfalls nicht gelingen. Was also bezweckte Sadothus mit dieser Aufforderung?
Und schon fuhr Sadothus im gleichen Tonfall fort: „Vielleicht reagiert er auf dich. Du scheinst ihm ja mehr Vertrauen entgegenzubringen als ich.“
So kannte er Sadothus nicht. In all den Jahren, die sie befreundet waren, hatte Sadothus sich nicht ein einzige Mal so abfällig ihm gegenüber gezeigt. Sein Freund musste vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten sein, dachte er besorgt.
Sadothus' Verhalten war so außergewöhnlich, dass Tarodastrus völlig ratlos war, was er nun tun sollte. Unschlüssig blickte er ihn an.
Da mischte sich die Waldgeistfrau mit einem freundlichen Lächeln ein, hielt ihm den Sensor hin und meinte: „Bitte, versucht es. Vielleicht gelingt es Euch als Hüter des Lichtes tatsächlich, die magischen Schwingungen mit dem Sensor einzufangen.“
Zögernd nahm Taordastrus den magischen Sensor entgegen und atmete einmal tief durch. Er schloss die Augen und versuchte sich an das zu erinnern, was die Waldgeistfrau bei der Demonstration erklärt hatte.
|

Bei Tarodastrus nahm der magische Sensor eine leichte türkise Farbe an.
|
|
Zunächst richtete er seine Aufmerksamkeit auf seine Füße und stellte die Stiefel bewusst fest auf den Boden. Dann wandte er sich seinen Händen zu und ergriff die Holzscheibe mit voller Aufmerksamkeit. Zu seiner Überraschung spürte er, wie ihn diese bewusste Haltung innerlich zur Ruhe brachte. Sein Geist klärte sich, wurde offen für äußere Eindrücke, und er stellte sich heilsame Schwingungen vor.
Plötzlich vernahm er ein entsetztes Atemholen der Waldgeistfrau. Tarodastrus schlug die Augen auf und blickte sie erschrocken an.
Entgeistert starrte sie auf die Holzscheibe. Als er ihrem Blick folgte, stellte er verwundert fest, dass die zwölf Flächen die Farbe gewechselt hatten. Sie erstrahlten zwar nicht in dem satten Türkis, wie sie bei der Waldgeistfrau geleuchtet hatten, aber die Farbe hatte deutlich von mattblau ins Türkis gewechselt.
|
Verwirrt blickte Tarodastrus Sadothus an, dessen abwertender Blick sich ebenfalls gewandelt hatte. Staunend starrte er die Scheibe an.
Mit Erleichterung nahm Tarodastrus wahr, dass die Wut aus Sadothus gewichen war und endlich die wissenschaftliche Neugier wieder die Oberhand gewonnen hatte. Er bemerkte das interessierte Leuchten in dessen Augen, das seit ihrem Aufbruch in den Silberwindhain gefehlt hatte. Sadothus war wieder in seinem Element!
Tarodastrus sah ihm an, dass er was sagen wollte, doch der Waldgeist kam ihm zuvor. Begeistert rief dieser: „Könnt Ihr auch die Naturmagie erspüren?“
Tarodastrus zuckte mit den Schultern. Er wusste nicht, ob es ihm dieses Mal auch gelingen würde. Dennoch stellte er sich wieder wie beim ersten Mal hin und konzentrierte sich auf den Resonanzbereich, wie die Waldgeistfrau es genannt hatte.
|
Während er sich jedoch heilsame Schwingungen vorstellen konnte, fehlte ihm für die Naturmagie jegliche Idee. Wie sahen natürliche Schwingungen aus?
Ihm fiel der rasante Wechsel der Farben beim Reisen mit dem Zeitdurchbrechungs-Amulett ein, aber waren das natürliche Schwingungen? Er stellte sich den unkontrollierbaren Flug eines Schmetterlings vor. Aber auch hier zweifelte er, dass es natürliche Schwingungen waren.
Schließlich gab er auf.
|
|

Tarodastrus versuchte vergeblich, die Heilungsmagie mit dem magischen Sensor zu testen.
|
Als er die Augen öffnete, hatte sich die Färbung des Sensors nicht verändert. Vielleicht war es vorhin ohnehin nur ein Zufallstreffer gewesen, dass die Farbe gewechselt hatte − oder die Demonstration durch die Waldgeistfrau hatte noch nachgehallt.
|

Tarodastrus wurde von Sadothus gebeten, die allumfassende Magie zu testen.
|
|
Er wollte gerade den Sensor zurückgeben, als Sadothus ihn bat: „Kannst du mal versuchen, ob du die allumfassende Magie hier erspüren kannst, die mir der Magieresonanzmesser angezeigt hat?“
Sadothus' Stimme klang konzentriert, fast angespannt.
Tarodastrus nickte und nahm nun zum dritten Mal die Stellung ein. Anders als die Naturmagie war ihm die allumfassende Magie durchaus ein Begriff. Sadothus hatte oft genug mit ihm darüber gesprochen.
|
Und so schloss er die Augen, konzentrierte sich erst wieder auf seine Füße, dann auf den Sensor und ließ in Gedanken das Bild einer Kugel entstehen, die sämtlichen magischen Schwingungen in sich vereinte.
Wieder nahm er das Keuchen der Waldgeistfrau wahr, was ihn bewog, die Augen zu öffnen.
Im ersten Moment wurde Tarodasatrus durch ein helles Licht geblendet, das aus dem Kristall des Sensors herausstrahlte, Doch dann gelang es ihm, seinen Blick auf die Holzscheibe zu richten, und er erkannte irritiert, dass die Felder des Sensors nicht einfach eine andere Farbe angenommen hatten, sondern jedes Feld in einer anderen Farbe hell leuchtete und das Spektrum des Regenbogens abbildete. Zeigte der Sensor hier tatsächlich die allumfassende Magie an, die Sadothus immer gehofft hatte, zu finden? Sollte er sie hier im Jada-Schrein wirklich gefunden haben?
Fassungslos hob Tarodastrus seinen Blick und bemerkte, dass Sadothus zufrieden lächelte.
„Jetzt wissen wir, welche Art von Magie die MITF hervorruft“, strahlte er, und Tarodastrus war erleichtert, dass Sadothus sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden zu haben schien.
|

Tarodastrus bemerkte erleichtert, dass Sadothus sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden zu haben schien.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Tarodastrus' Perspektive
|
|
Aus der Sicht der Waldgeistfrau
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Sadothus' Perspektive
|
|
Aus der Sicht des Waldgeistmannes
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|