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MITF





Als die Waldgeistfrau aus seinem Blickfeld verschwunden war, verdrängte Tarodastrus seine Gedanken an die heutige Begegnung in den Hinterkopf und begann mit den Routinearbeiten.

Zunächst suchte er sich einen geschützten, festen Platz außerhalb des Jada-Schreins, an dem er vor der betörenden Wirkung der Sternenblumen sicher war. Hierzu prüfte er vor allem die Windrichtung, damit nicht etwaige Pollen ihn doch noch erreichen konnten.

Schließlich stellte er seine große Tasche ab, entnahm ihr eine mitgebrachte Decke, die er auf den Waldboden ausbreitete, und weitere Instrumente, die er darauf legte. Mit geübten Händen setzte er die Teile des Winkelmessgerätes zusammen.

Als er aus einem geschützten Fach der Tasche seinen Sternenkompass herausholte und diesen zu den anderen Dingen auf die Decke legen wollte, fiel ihm auf, dass der Stern in der Mitte unablässig rotierte. Was war mit seinem Sternenkompass geschehen?



Tarodasatrus breitete außerhalb des Jada-Schreins eine Decke aus.

Er klopfte leicht an die Scheibe des Gerätes, doch änderte sich nichts an der Bewegung im Inneren desselben. Daraufhin besah er sich den Sternenkompass von allen Seiten, auch hier war keine Beschädigung zu bemerken. Vorsichtig löste er die hintere Schutzkappe ab, um gegebenenfalls eingedrungenen Dreck zu entfernen, aber auch innen war alles in Ordnung. Warum verhielt sich das Instrument nur so merkwürdig? Er setzte die Kappe vorsichtig wieder auf.



Tarodasatrus bedeutete der Sternenkompass mehr, als er zugeben wollte.

Als emotionsloser Vykati dürfte sein Herz eigentlich nicht so an einem einfachen Gebrauchsgegenstand hängen, aber der Sternenkompass war mehr als das. Es war ein Symbol der Freundschaft zwischen ihm und Sadothus. Sein Freund hatte ihm diesen einst zum Einstieg in seinen Beruf als Kartograph geschenkt. Es war eine Sonderanfertigung. Dass dieser nun defekt war, traf ihn härter, als er sich eingestehen wollte.

In seinem Volk wurden beschädigte Gegenstände einfach entsorgt. Eine Reparatur war ineffizient und somit vergeudete Zeit.

Tarodastrus konnte diesen Sternenkompass aber nicht einfach entsorgen. Das war unmöglich. Er hoffte, eine Neukalibrierung mithilfe des Kosmischen Resonanzankers würde den Defekt beheben, und so steckte er das Instrument vorsichtig zurück in das geschützte Fach der Tasche.

Dann suchte er sich einen etwas erhöhten Platz, von dem er aus mithilfe des hölzernen Winkelmessgerätes erste Daten erheben konnte, welche er sich auf einem Pergament notierte.

Obwohl seine Lehrer ihn immer wegen seiner Umständlichkeit gerügt hatten, hatte sich Tarodastrus angewöhnt, jeden aufgeschriebenen Wert noch einmal zu überprüfen. Es war ihm stets wichtig gewesen, korrekt zu arbeiten − und sein hervorragender Ruf, den er sich inzwischen als Kartograph erarbeitet hatte, führte er auf diese für einen Vykati als Unart verrufene Angewohnheit zurück.

So nahm er auch dieses Mal eine zweite Messung vor, um den notierten Wert auf Richtigkeit zu überprüfen. Doch er musste verärgert feststellen, dass ihm beim ersten Mal ein Fehler unterlaufen war: Die rechte Grenze des Jada-Schreins lag um 0,4 Grad näher am Nullpunkt, als er sich diesen notiert hatte. Einem Vykati durften solche Flüchtigkeitsfehler nicht unterlaufen, ging es ihm durch den Kopf. Solche Abweichungen von seiner üblichen Präzision irritierten ihn.

Er notierte den neuen Wert und kontrollierte ihn ebenfalls noch einmal. Doch auch dieses Mal zeigte das Winkelmessgerät einen anderen Wert an, als er ihn aufgeschrieben hatte.

Hatte er den Untergrund falsch eingeschätzt? War er zu weich? Als er diesen prüfte, musste er diese Überlegung verwerfen.

Hatte er vielleicht eine der Schrauben nicht fest genug angezogen? Nein, auch an dem Winkelmessgerät lag es nicht.



Tarodasatrus versuchte den Jada-Schrein zu vermessen.

Eine böse Ahnung überkam ihn.

Erneut notierte er den gemessenen Wert und kontrollierte nun zum dritten Mal die ermittelte Zahl – und wieder waren die Daten verändert.

Er spürte ein leichtes Kribbeln in der Magengrube, doch er ignorierte es. Nachdenklich kehrte er zu der Stelle zurück, an der er die Decke ausgebreitet hatte und nahm das Magioskop zur Hand − einer Art Fernrohr für magische Einflüsse.



Tarodastrus erblickte durch die Linse des Magioskops eine rot pulsierende Aura, die den Jada-Schrein erfüllte.

Als er durch die Linse blickte, wurde er fast geblendet von der rot pulsierenden Aura, die den gesamten Schrein einhüllte. Er kniff das Augen zusammen, justierte die Linse vorsichtig, doch die Verzerrungen blieben.

Der gesamte Ort vibrierte vor magischer Aktivität, zu stark, um klare Daten zu erhalten.

Das Kribbeln in seinem Magen verstärkte sich, und in seinem Kopf formte sich ein Fachbegriff:

Magisch-Induzierte Topographische Fluktuationen!

Dieser Name war jedem Kartographen ein Graus. Allerdings hatte Tarodastrus nur darüber gelesen, selbst erlebt hatte er sie bislang nicht. Aber natürlich waren ihm die Auswirkungen der in Fachkreisen mit dem Kürzel MITF bezeichneten Anomalien bekannt: Eine Landschaft, die unter dem Einfluss mächtiger Magie in ständiger Bewegung war − unmerklich für das bloße Auge, aber mit chaotischer Wirkung. Höhen änderten sich, Entfernungen verzerrten sich, feste Punkte wurden fließend.

Er ließ den Arm mit dem Magioskop sinken. Das magisch Artefakt war unerreichbar.

Wenn dieses schon einen solchen Einfluss auf die Umgebung hatte, obwohl es noch im Boden vergraben lag, dann entzog es sich außerhalb des Erdreichs jeglicher Kontrolle durch ein Wesen Vanavistarias. Es war davon auszugehen, dass dieses Relikt bereits seit Jahrhunderten hier lag und inzwischen so viel Magie absorbiert hatte, dass allein der Versuch einer Bergung unweigerlich zu einer magischen Instabilität führen musste, welche vermutlich nicht nur den Jada-Schrein, sondern auch einen Großteil des Silberwindhains vernichten würde. Nein, dieses Artefakt verblieb besser im Boden; es war nicht für einer Bergung vorgesehen. Sadothus würde auf diese Trophäe wohl verzichten müssen.

Während er noch über das äußerst seltene Phänomen der MITF nachdachte, holte er den Winkelmesser zurück und begann, ihn routiniert auseinanderzunehmen. Dann verstaute er die Einzelteile zusammen mit den übrigen Instrumenten in der Tasche. Zum Schluss faltete er die Decke präzise zusammen und packte sie obenauf.

Kaum hatte er seine Tasche geschlossen und sich erhoben, registrierte er zwei grüne Gestalten, die sich auf den Jada-Schrein zubewegten. Das eine war die Waldgeistfrau vom Vormittag. Doch sie wurde von einem männlichen Exemplar begleitet.

Wie die Frau an seiner Seite, zeichnete auch ihren Begleiter eine grüne Hautfarbe und eine grüne, wild gelockte Haarpracht aus, die bis zu den Schultern reichte. Zudem war er − wie Tarodastrus mit nüchterner Erleichterung zur Kenntnis nahm − ebenfalls vollständig bekleidet, wenn auch nicht in einem so kontrastreichen Rot wie die Frau, sondern mit einer grünen Tunika und grünen, eng anliegenden Beinkleidern, die in hohen braunen Stiefeln endeten.



Tarodasatrus erblickte die Waldgeistfrau in Begleitung eines Waldgeistmannes.

Kurz kam ihm der Gedanke, ob die weitverbreitete Annahme, Waldgeister liefen nackt umher, auf einer Fehlinterpretation ihrer grünen Kleidung in Kombination mit ihrer Hautfarbe beruhte. Der Gedanke war jedoch spekulativ und nicht zweckdienlich. Folgerichtig verdrängte er ihn sofort wieder.

Als die Waldgeister näher gekommen waren, erkannte er auf dem Gesicht des Waldgeistmannes einen recht finsteren Ausdruck, und Entschlossenheit blitzte in seinen grünen Augen auf.

Auch so ein schwaches Wesen wie seine Partnerin, der seine Gefühle offen zeigte, ging es Tarodastrus durch den Sinn. Weshalb brachte die Waldgeistfrau ihn hierher? Welche Funktion bekleidete er?

Tarodastrus nickte den beiden Neuankömmlingen grüßend zu und wartete darauf, dass der Waldgeistmann sich mitteilte.



Als Tarodastrus erklärte, dass er seine Arbeit beendet habe, reagierte die Waldgeistfrau entsetzt.

Nach einer Zeit des Schweigens fragte der Waldgeistmann schließlich mit deutlichem Misstrauen in der Stimme: „Ihr packt schon wieder zusammen? Habt Ihr Eure Arbeit bereits beendet?“

Tarodastrus nickte kurz zur Bestätigung.

Die Waldgeistfrau riss entsetzt die Augen auf und rief: „Ihr dürft uns das Artefakt nicht nehmen! Der Jada-Schrein ist uns heilig! Ihr könnt Euch doch nicht so einfach über unsere Belange hinwegsetzen!“

Tarodastrus blickte sie mit unbewegter Mine an und dachte missbilligend: Wie kann man nur so die Beherrschung verlieren?

Mit ruhiger Stimme entgegnete er: „Das werden wir nicht tun.“

Die beiden Waldgeister starrten ihn einen Augenblick an. Dann fragte der Mann erneut mit deutlichem Argwohn: „Was soll das heißen, Ihr werdet das nicht tun?“

„Das Artefakt ist zu mächtig, als dass es geborgen werden könnte“, erklärte Tarodastrus unaufgeregt.

„Wie kommt ihr zu diesem Schluss?“, fragte der Waldgeistmann und hob skeptisch eine Augenbraue.

Tarodastrus nahm zur Kenntnis, dass auch dieser Waldgeistmann viele zeitraubende Fragen stellte. Darin unterschied er sich nicht von seiner Partnerin.

Doch obwohl Tarodastrus den Drang verspürte, endlich wieder in seine Heimatstadt zu reisen, entgegnete er nach wie vor in beherrschtem Ton: „Das Artefakt ruft Magisch-Induzierte Topographische Fluktiationen hervor.“

Beide Waldgeister sahen ihn verständnislos an. Während sich das Gesicht des Waldgeistmannes weiter verfinsterte, wandte sich die Waldgeistfrau mit einer Frage an ihn: „Von welcher Art Fluktuationen sprecht Ihr?“

Tarodastrus empfand das Gespräch als zunehmend ermüdend. Welchen Nutzen würden die Waldgeister aus seiner Information ziehen? Nichtsdestotrotz ging er auf die Frage ein und erklärte sachlich: „Die Gegend hier ist in ständiger minimaler Bewegung. Sie lässt keine genaue Vermessung zu.“

Die Waldgeistfrau war immer noch nicht zufrieden. Verwundert fragte sie weiter: „Und nur, weil Ihr die Gegend nicht vermessen könnt, könnt Ihr das Artefakt nicht bergen?“

Tarodastrus schüttelte den Kopf. „Nein“, entgegnete er, „weil es magisch so mächtig ist, dass kein Wesen Vanavistarias es kontrollieren könnte. Eine Bergung würde unweigerlich den ganzen Wald vernichten.“



Tarodasatrus erklärte, dass eine Bergung
des Artefaktes unweigerlich den ganzen
Wald vernichten würde.

Tarodastrus'
Perspektive
Aus der Sicht der Waldgeistfrau Aus der Sicht des Walgeistmannes

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