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Der Auftrag
(Sadothus' Perspektive)





Sadothus war mit einem überwältigenden Glücksgefühl aus dem Silberwindhain zurückgekehrt. Gegenüber seinen Kollegen hatte er jedoch verschwiegen, dass er den Nachweis der allumfassenden Magie gefunden hatte. Sie würden ihn ohnehin wieder nur ungläubig belächeln.

Für ihn bedeutete es allerdings eine große Genugtuung zu wissen, dass er all die Jahre richtig gelegen hatte. Für den Moment musste dies genügen. Vielleicht fand er später irgendwann einmal die Zeit und die Muße, sich näher mit diesem Phänomen auseinander zu sezten und einen Beweis dafür zu erarbeiten.

Nun kehrte er erst einmal an seine üblichen Arbeiten zurück und befasste sich in den folgenden zwei Wochen damit, bislang unentdeckten magischen Artefakten hinterher zu jagen.

In den letzten Tagen hatte Sadothus vielversprechende Hinweise auf ein entsprechendes Artefakt im Gebiet der Moorgeister entdeckt und war an diesem Morgen dazu übergegangen, den Ort desselben anhand von diversem alten Kartenmaterial, das noch aus der Zeit vor dem Zerwürfnis stammte, genau zu lokalisieren.

Er hatte es schon auf einige wenige hundert Schritt eingrenzen können, als er plötzlich jemanden in seine Studierstube treten hörte.

Als er von seiner Arbeit aufsah, erkannte er Tarodastrus und wunderte sich ein wenig über dessen Besuch zu einer so ungewohnt frühen Stunde.



Sadothus versuchte ein Gebiet mihilfe von altem Kartenmaterial genauer einzugrenzen.

Doch die Begeisterung des magischen Archäologen über seinen neuen Fund drängte das Erstaunen in den Hintergrund und er rief begeistert aus: „Ah, gut dass du kommst! Ich habe möglicherweise ein magisches Artefakt auf dem Gebiet der Moorgeister entdeckt. Ich muss mir die Gegend erst noch ansehen, bevor ich sie kartographieren lasse. Hast du Lust mitzukommen?“

Tarodastrsus blickte ernst zu ihm hinüber und schüttelte den Kopf: „Nein. Du hast dazu ohnehin keine Zeit.“

Sadothus war erstaunt. Noch nie hatte Tarodastrus ihn aufgehalten. Aber normalerweise kam Tarodastrus auch nicht so früh zu ihm − es könnte also etwas Außergewöhnliches vorliegen, ging es Sadothus durch den Kopf, und er wartete eine weitere Erklärung ab.

„Zum einen soll dir kein weiterer Ortsbann aufgebrummt werden“, fuhr Tarodastrus fort.



Sadothus überlegte mit Schrecken, woher Tarodastrus von seinen Ortsbannen wusste.

Sadothus erstarrte.

Woher hatte seine Freund plötzlich Kenntnis davon? Wer hätte es ihm sagen können? Niemand in der Reichsglorie wusste von den Ortsbannen und somit von seinen Demütigungen! Sadothus hatte sie stets geschickt durch intensive Recherche in der Bibliothek kaschieren können!

Doch ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Tarodastrus schon fort: „Zum anderen brauche ich umgehend deine Hilfe, ohne dass ich dir erklären kann, worum es genau geht.“

Sadothus war dankbar, dass Tarodastrus das Thema auf etwas anderes lenkte, setzte sich aufrecht hin und war sofort konzentriert. Sein Freund brauchte sein Hilfe − etwas, das nicht sehr oft vorkam und somit dringend sein musste. Die Wortwahl war ohnehin so seltsam, dass sie sofort Sadothus' Neugier weckte. Er schaute seinen Freund erwartungsvoll an.

„Ich muss übermorgen ins Zentrum der Hellen Magie reisen und dort für einige Wochen bleiben“, erklärte Tarodastrus. „Niyamos, der Oberste Wächter der Gesetze, hat mich heute dorthin beordert...“

Der Rest der Nachricht ging bei diesem Namen unter.

Niyamos!, dachte Sadothus verdrossen und ließ sich resigniert in seinen Sitz zurückfallen, der Oberste Wächter der Gesetze in Vanavistaria!

Jetzt war klar, woher Tarodastrus seine Informationen hatte. Natürlich musste Niyamos Kenntnis von Sadothus' häufigen Gesetzesübertretungen haben. Schließlich gingen die meisten Ortsbanne, die er sich eingehandelt hatte, von den Elfen aus.

Zudem hatte er sich vor drei Jahren einen omnimagischen Ortsbann 6. Grades bei den Steppengeistern eingehandelt, der die ohnehin beträchtliche Dauer von 36 Tagen um weitere 128 Tage verlängert hatte − und das nur, weil er unwissentlich ein Ritual gestört hatte, das wohl immer nur alle paar Jahre stattfinden konnte. Woher hätte er denn wissen sollen, dass er sich genau in dem magischen Wirkkreis aufhielt, als er nach der kosmische Energiepylone suchte?

Seither bedeutete jeder neue Bann, der sich stets um zwei Tage erhöhte, für ihn fast ein halbes Jahr, in dem er in der Reichsglorie festsaß.

Sadtohus war Niyamos zwar noch nie persönlich begegnet, aber es war anzunehmen, dass sein Ruf inzwischen auch zu dem Obersten Gesetzeswächter Vanavistarias durchgedrungen war.

Er spürte, wie Tarodastrus ihn anblickte, auf eine Antwort wartete. Wie viel hatte Niyamos wohl seinem Freund erzählt? Hatte Tarodastrus jetzt vollumfängliche Kenntnis seiner vielen Demütigungen?



Sadothus war dem Obersten Wächter der Gesetze noch nie persönlich begegnet, allerdings konnte er sich denken, dass dieser von seinen Ortsbannen wusste.

„So so“, entgegnete er, ohne auf das eigentliche Anliegen einzugehen. Es beunruhigte ihn viel mehr, dass Tarodastrus nun sein Geheimnis kannte. „Niyamos war bei dir. Und der hat dir vermutlich von den Ortsbannen erzählt, oder?“

Tarodastrus nickte. „Offiziell hat er mich wegen der Aktion im Silberwindhain abgestraft. Inoffiziell war er wegen der Einladung ins Zentrum der Hellen Magie bei mir. Er wollte allerdings nicht auch zu dir gehen, sonst hätte er dir einen neuen Ortsbann auflegen müssen. Du scheinst kein unbeschriebenes Blatt bei den Elfen zu sein.“

Sadothus fühlte den fragenden Blick seines Freundes auf sich gerichtet. Dieser schien auf eine weitere Erklärung zu warten.



Sadothus gab zu, schon ein paar mal bei Gesetzesüberschreitungen erwischt worden zu sein.

Sadothus hätte dieses Thema lieber vermieden, aber immerhin schien Tarodastrus nicht das volle Ausmaß dieser Ortsbanne zu kennen.

Obwohl es ihm nicht behagte, näher darauf einzugehen, erklärte er dennoch, wenn auch etwas widerwillig: „Nun ja, das eine oder andere Mal bin ich bei meinen Aktivitäten auf fremdem Gebiet schon erwischt worden und saß dann zur Strafe eine Zeitlang hier in der Reichsglorie fest, ohne weiter auf die Jagd gehen zu können.“

Tarodastrus hakte nicht nach, was Sadothus mit Dankbarkeit registrierte. Dabei hatte Sadothus es längst geahnt, dass sein Freund ihn für seine Niederlagen nicht verurteilen würde.

Dieser mochte nach außen hin wie ein tadelloser Vykati wirken, aber in mancherlei Hinsicht unterschied er sich elementar von den anderen Angehörigen seines Volkes.

Statt nun also eine abfällige Bemerkung fallen zu lassen, schwenkte er auf einen neuen Sachverhalt um und meinte in seiner ruhigen Art: „Du hättest jetzt die Chance, offiziell ein Gebiet im Zentrum der Hellen Magie erforschen zu lassen. Fällt dir eines ein?“

Sofort kam Sadothus der ehemalige Dualitätstempel in den Sinn − die heutige Ruine, die einst der Anlass war, dass dort das Zentrum der Hellen Magie, die Hauptstadt Vanavistarias, entstand.

Die letzten Aufzeichnungen, die in der vykatianischen Akademie-Bibliothek dazu existierten, stammten aus der Zeit vor dem großen Zerwürfnis, also von vor fast eintausend Jahren. Wäre es nicht faszinierend, diese auf den aktuellen Stand bringen zu können? Vielleicht dürfte er mithilfe von Tarodastrus dann auch später dort selbst einmal Forschungen durchführen.

Allerdings glaubte er sich an eine gewisse Einschränkung zu erinnern, die das Forschen an jener Stelle nicht so einfach machte. Waren es auch Magisch-Induzierte Topographische Fluktuationen gewesen? Wenn er sich nur noch richtig erinnern könnte!



Sadothus dachte sofort an den ehemaligen Dualitätstempel in der Nähe des Zentrums der Hellen Magie.

Vielleicht sollte er sich doch vorher erst noch einmal erkundigen, bevor er Tarodastrus erneut mit einem Auftrag losschickte, bei dem er nach einem Tag schon wieder ergebnislos aufgeben musste.

„Es gibt da tatsächlich etwas, was mich schon längere Zeit interessiert“, meinte er daher nachdenklich. „Aber bevor ich dir nähere Informationen dazu gebe, lass mich noch mal ein wenig recherchieren. Ich werde dich morgen früh in deiner Kartographie-Werkstatt aufsuchen und dir im Beisein von Rakhata den offiziellen Auftrag zur Kartographie geben. Wenn ich richtig liege, wird dich die Arbeit dort einige Wochen lang beschäftigen. Falls sich also ein Kunde wundert, warum du so lange aus der Reichsglorie verschwunden bist, kann Rakhata ihn aufklären, ohne dass es zu Irritationen kommt.“

Mit einem knappen Kopfnicken signalisierte Tarodastrus ihm seine Dankbarkeit und meinte dann: „Niemand darf erfahren, dass ich mich dort aufhalte. Du und Rakhata dürft auf keinen Fall mit mir in Kontakt treten. Fällt du dir dazu auch etwas ein?“

Das schien ja eine ganz heikle Sache zu sein, die seinen Freund in die Hautpstadt Vanavistarias beorderte, dachte Sadothus besorgt.

Allerdings hatte Tarodastrus betont, dass er nicht darüber sprechen dürfe. Also versuchte Sadothus auch nicht, weitere Informationen von ihm zu erhalten. Statt dessen nickte er und sagte zuversichtlich: „Bestimmt!“

Mit einem Nicken verabschiedete sich Tarodastrus und ging.



Auf dem Weg zur Akademie dachte Sadothus über Tarodastrus' merkwürdige Einladung nach.

Kaum war dieser zur Tür hinaus, machte sich auch Sadothus auf den Weg. Sein Ziel war die Bibliothek der Akademie.

Während er durch die Straßen der Reichsglorie schritt und über das Gespräch mit Tarodastrus nachdachte, musste er sich eingestehen, dass er schon gerne einige Antworten auf diverse Fragen bekommen hätte.

Warum sollte sein Freund in die Hauptstadt Vanavistarias kommen? Weshalb sollte er dort einige Zeit bleiben? Und warum bei allen Sternen des Himmels durfte niemand von der Einladung des Zauberweisen wissen?

So in Gedanken versunken betrat er die Akademie und suchte in der Bibliothek nach alten Schriften über die Ruine des ehemaligen Dualitätstempels.

Schließlich hatte er alle wichtigen Informationen zusammen, die er für den Kartographierungsauftrag haben musste. Jetzt musste er nur noch eine hübsche, für Rakhatas Ohren bestimmte Geschichte darum herumbauen. Aber das sollte ihm nicht schwer fallen.

Gut gelaunt machte er sich auf den Weg nach Hause.

Als er sich in seinem Heim an den langen Küchentisch setzte und die Geschichte mit Spaß in seinen Einzelheiten ausarbeitete, damit Rakhata keinen Verdacht schöpfte, wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass er bei diesem Auftrag für mindestens sechs Wochen von Tarodastrus getrennt sein würde, dem einzigen Wesen in der Reichsglorie, das ihn so nahm und akzeptierte, wie er war.

Eine so lange Zeit war er noch nie von seinem Freund getrennt gewesen. Sieben Tage war bisher die längste Dauer gewesen − und das war ihm damals schon schwer gefallen bei all den Anfeindungen, die er von den Vykati erhielt. Seine gute Laune bekam einen gehörigen Knacks.



Sadothus setzte sich mit Spaß an die Ausarbeitung seiner Geschichte, damit Rakhata keinen Verdacht schöpfte.

Sechs Wochen waren lang.

Unwillkürlich musste er an das wohlige Gefühl im Jada-Schrein denken, als ihm die Sternenblumen vorgegaukelt hatten, dass er von jedermann so akzeptiert wurde, wie er war. Doch schnell schob er diese Gedanken weit von sich. Sie halfen ihm nicht weiter.

Er würde diese Zeit mit intensiven Recherchen und einigen Aktivitäten außerhalb der Reichsglorie verbringen müssen, dachte er, damit er nicht ins Grübeln verfiel. Sechs Wochen waren eine überschaubare Zeit. Ein Ende war ja abzusehen.

Als er seine Geschichte für Rakhata zufriedenstellend ausgearbeitet hatte, begab er sich zu Bett. Sorgsam achtete er darauf, nicht an die Zeit der Trennung zu denken, denn dies hätte ihn nur vom Schlafen abgehalten.

− − − − − − − − − −

Am nächsten Morgen begab er sich wie versprochen zur Kartographie-Werkstatt und trat direkt zu Tarodastrus ans Schreibpult.

„Ich habe einen ganz besonderen Auftrag für dich“, erklärte er laut und bemühte sich, Rakhatas Aufmerksamkeit zu erlangen. Kurz hielt sie in ihrer Schreibarbeit inne, bevor sie diese fortsetzte als sei nichts geschehen.



Sadothus bat Tarodastrus, die Gegend rund um den ehemaligen Dualitätstempel zu kartographieren.

Sadothus hatte sein Ziel erreicht, und so fuhr er fort: „Neue Hinweise lassen mich vermuten, dass unter dem ehemaligen Dualitätstempel in der Nähe des Zentrums der Hellen Magie auf Elfengebiet versiegelte Unterkammern liegen könnten, in denen alte vergessene magische Artefakte aufgehoben werden. Ich wäre dir dankbar, wenn du einfach mal unverfänglich die Umgebung dort kartographieren könntest. Vielleicht finde ich auf den von dir erstellten Karten die geheimen Zugänge, die auf unseren Karten nicht verzeichnet sind. Ich befürchte jedoch, dass die Arbeit etwas länger dauert, Möglicherweise kannst du auch noch in der Elfenbibliothek nach neuen Informationen forschen, da unsere doch ein wenig veraltet sind. Mit sechs Wochen wirst du allerdings rechnen müssen. Wäre das in Ordnung für dich?“

Ihm war bewusst, dass Tarodastrus seine Geschichte nicht aktiv unterstützen würde, daher musste er auch Tarodastrus Anteil durch Andeutungen übernehmen, und so ergänzte er: „Falls du dir Sorgen machen solltest, dass die Elfen dich dort vertreiben, kannst du ihnen sagen, dass der alte Dualitätstempel auch für uns Vykati wichtig ist. Schließlich haben unsere Vorfahren dort ebenfalls die beiden Schöpferwesen Manomar und Manosom angebetet. Das müssten die Elfen eigentlich verstehen, zumal sie wesentlich traditionsbewusster sind als wir Vykati. Also? Übernimmst du den Auftrag?“

Tarodastrus zögerte, doch schließlich nickte er.

Gut gemacht, dachte Sadothus anerkennend.

Nun kam der Teil, der Rakhata davon überzeugen musste, jeglichen Kontakt mit ihrem Kollegen zu unterlassen. Daher musste Sadothus deutlich machen, dass diese Angelegenheit nicht ganz unproblematisch war.

So verzog er das Gesicht und meinte: „Es gibt allerdings ein kleines Hindernis.“



Mit ernstem Gesicht wies Sadothus auf die im Gemäuer enthaltene halluzinogene Magie hin.

Er ließ den Blick kurz schweifen, als müsse er die richtigen Worte sammeln, bevor er fortfuhr: „Unsere Aufzeichnungen berichten, dass sich im Gemäuer der Ruine halluzinogene Magie erhalten hat. Insofern wirst du den Hohenmagier oder den Wächter der Gesetze wohl um Erlaubnis bitten müssen, an diesem sensiblen Ort arbeiten zu dürfen.“

Um die Brisanz des Ganzen zu unterstreichen, geriet er nun ins Zögern.

„Hmm…“, machte er und erklärte dann in einem Tonfall, als würde es ihm schwerfallen, darüber zu reden: „Und da wäre noch was.“

Er atmete tief aus, als müsse er sich überwinden, und fuhr dann fort, so als sei ihm unbehaglich zumute: „Wenn eben möglich, solltest du jeglichen Kontakt zu uns unterlassen. Ein Vykati in der Nähe der Elfenstadt wird vermutlich ohnehin schon verdächtig wirken. Wenn du dann noch von uns Nachrichten erhältst oder selbst welche schickst, dann könnten die Elfen vermuten, dass du für die Vykati spionierst. Ich weiß nicht, wie sie das aufnehmen würden. Meinst du, du kämst mit dieser Abschottung klar?“

Erneut zögerte Tarodastrus die Antwort hinaus. Das wirkte in der Tat so, als müsse er darüber nachdenken.

Sehr gut, dachte Sadothus erneut. Das musste Rakhata wirklich auf die falsche Spur locken.

Schließlich nickte Tarodastrus und meinte in seiner ruhigen Art: „Ich denke schon. Es wäre ja nur für sechs Wochen.“



Taroastrus tat so, als nähme er den
Auftrag eher widerwillig an.

Tarodastrus'
Perspektive
Rakhatas
Perspektive
Payelos'
Perspektive
Sadothus' Perspektive

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